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Eishockey: Leon der Profi

Foto: JASON FRANSON/ AP

Eishockeyprofi Draisaitl Die Rückkehr des Abgeschobenen

Leon Draisaitl ist zurück - und wie! Vor der NHL-Saison wurde der Deutsche noch zum Nachwuchsteam geschickt, nun ist er der Star der Edmonton Oilers in Kanada. Er selbst findet das gar nicht überraschend.

Am Tag danach herrschte dichtes Gedränge im Presseraum der Edmonton Oilers. Es ging um das gebrochene Schlüsselbein von Connor McDavid, und wenn man Trainer Todd McLellan glaubte, dann hat das Auswirkungen auf ganz Kanada, mindestens. "Er ist wichtig für unseren Klub, wichtig für seine Mitspieler, wichtig für die Stadt Edmonton, wichtig für die NHL und wichtig für die Eishockey-Welt. Aber unser Leben geht weiter", sagte McLellan.

Der Coach sprach über einen 18-Jährigen, der aber nicht irgendein Jugendlicher ist. Connor McDavid ist Kanadas größter Eishockey-Jungstar. Und nachdem sich dieser verletzt hatte, gab es für Edmonton in vier Spielen nur einen Sieg. Die Aufbruchstimmung war schlagartig verschwunden. Also fast.

Dass es neben dem Frust auch eine große Portion Optimismus in Edmonton gibt, liegt an einem anderen jungen Mann, und der ist Deutscher. Seitdem der 20-jährige Leon Draisaitl Ende Oktober vom Farmteam in den NHL-Kader der Oilers befördert wurde, gehört er zum Spektakulärsten, was die beste Eishockey-Liga der Welt zu bieten hat.

Sechs Tore und acht Vorlagen hat Draisaitl in nur acht Spielen gesammelt, vergangene Nacht traf er schon wieder. 1,56 Scorerpunkte im Schnitt: Besser ist bei den Oilers niemand. Und damit liegt Draisaitl sogar vor den NHL-Superstars Sidney Crosby (Pittsburgh Penguins) und Alexander Owetschkin (Washington Capitals). Wirklich überraschen könne ihn das nicht, sagt Draisaitl SPIEGEL ONLINE. "Aber ich habe nicht damit gerechnet, so gut zu sein. Obwohl ich es mir erhofft hatte."

Draisaitl an dritter Stelle der Draft 2014

Erhofft haben sie sich auch in der Heimat viel, als er 2014 als Dritter gedraftet wird. Endlich hat das kriselnde deutsche Eishockey einen jungen Vorzeigestar. Draisaitl nimmt die Rolle an. Er wird "The German Gretzky" genannt, in Anlehnung an Wayne Gretzky, den größten Eishockeyspieler der Geschichte, der seine Profikarriere ebenfalls bei den Oilers begann.

Das erste NHL-Jahr läuft aber enttäuschend. Von Beginn an stehen die Oilers unten, im Dezember muss der Trainer gehen. Zwei Wochen später wird Draisaitl nach nur zwei Toren in 37 Spielen zu den Junioren geschickt. Im Nachhinein ein Glücksfall. Anstatt weiter Abend für Abend in der NHL unterzugehen, entwickelt er sich zum Leistungsträger eines Top-Teams, wird Regionalmeister und MVP (wertvollster Spieler).

"Es war eine gute Entscheidung, runterzugehen"

Auch beim prestigeträchtigen Memorial Cup um die gesamtkanadische Juniorenkrone spielt Draisaitl überragend und wird zum MVP gewählt - ausgerechnet vor Supertalent McDavid. "Vielleicht hätte ich unter dem neuen Trainer auch wieder mehr in der NHL gespielt. Aber es war eine gute Entscheidung, runterzugehen, es hat weitergeholfen", sagt Draisaitl, der kurz vor der neuen NHL-Saison trotzdem zum Farmteam nach Bakersfield ins heiße Kalifornien muss. "Das sieht ein bisschen nach Wüste aus", sagt der Kölner und zeigt zunächst wenig, was für eine Beförderung spricht.

"Frustriert" sei er gewesen, sagt er heute. Doch nach zwei guten Spielen und mehreren Verletzungen im NHL-Kader holt ihn Coach McLellan zurück. Gleich beim Debüt gegen Tabellenführer Montreal mit Star-Torwart Carey Price macht Draisaitl das 1:3 sowie den 4:3-Siegtreffer. Zwei Tage später erzielt er im Derby gegen Calgary ein Tor und zwei Vorlagen. Edmonton steht Kopf.

Draisaitl ist plötzlich im Mittelpunkt. Nun liege es an ihm, die Saison zu retten, heißt es allerorten. Dafür müsse er aber wieder vom Flügel auf die Centerposition wechseln, wo mehr Defensivarbeit gefragt ist. Die gilt als seine Schwäche. Doch auch in der Mitte ist er bislang überragend, spielt Traumpässe, schießt Tore und ist defensiv stark.

Er selbst erklärt sich das mit seiner körperlichen Weiterentwicklung: "Mein komplettes Spiel, meine Athletik und meine Fitness sind auf einem ganz anderen Stand als letztes Jahr. Ich bin nicht so schnell müde. Auch am Ende eines Wechsels kann ich noch nach hinten arbeiten." Zudem habe er "viel mehr Selbstvertrauen, weil das ganze Team viel besseres Eishockey spielt".

Von dieser Qualität will auch Neu-Bundestrainer Marco Sturm profitieren. Noch gab es keinen Kontakt, aber dessen Debüt beim erfolgreichen Deutschland-Cup hat Draisaitl verfolgt. "Es ist gut, dass einer hinter der Bande steht, den man kennt und der international auf höchstem Niveau gespielt hat", sagt Draisaitl, der gemeinsam mit Tobias Rieder, 22, von den Arizona Coyotes (10 Scorerpunkte in 18 Spielen) das neue Gesicht einer ganzen Sportart werden soll.

Draisaitl gibt sich selbstbewusst: "Wir wollen diese Figuren sein. Wir wollen Erfolg bei der WM haben und das deutsche Eishockey nach vorne bringen. Wir wollen, dass sich wieder mehr Leute für Eishockey interessieren."