Linus Straßer bei der Ski-WM Die Last ist verschwunden

Als Zweijähriger wollte er in den Morgenstunden auf die Piste, später wurde er Ski-Rennfahrer. Trotzdem war es ein harter Weg, bis Linus Straßer oben angekommen ist.
Von Florian Kinast, München
Linus Straßer gehört bei der Ski-WM zu den Anwärtern auf die Medaillen

Linus Straßer gehört bei der Ski-WM zu den Anwärtern auf die Medaillen

Foto: GEPA pictures/ Matic Klansek / imago images/GEPA pictures

Linus Straßer ist ein positiver Mensch. Er spürt in diesen Tagen der Corona-Pandemie sogar so etwas wie WM-Stimmung. »Geschäfte und Restaurants sind geöffnet, Menschen aus dem Ort und der Umgebung sind hier, von einer Geister-WM würde ich nicht sprechen«, sagt der deutsche Skirennläufer dem SPIEGEL.

Um einen harten Lockdown kam der WM-Austragungsort Cortina d’Ampezzo gerade so herum, die kleine Stadt liegt 16 Kilometer südlich der Provinzgrenze zu Südtirol, wo seit knapp zwei Wochen strenge Corona-Beschränkungen herrschen. Es weht ein Hauch von Normalität durch den traditionsreichen und mondänen Ski-Ort in den Dolomiten, auch wenn die Rennen ohne Publikum stattfinden.

Zuschauer werden auch beim Finale der Alpinen Ski-WM fehlen, beim Slalom am Sonntag – wenn Linus Straßer bei seiner vierten Weltmeisterschaft erstmals als einer der Medaillenkandidaten am Start ist. Linus Straßer, 28, ist in der Weltspitze angekommen.

Doch der Weg dorthin war hart, nach seinem Debüt im Weltcup 2013 und ersten guten Platzierungen 2015 erlebte er einige Tiefpunkte und Rückschläge. Wenn der Rennläufer des TSV 1860 München heute darüber spricht, geht es um zu großen Druck und um einen zu schweren Rucksack, den er mit sich herumschleppte. Wahrscheinlich lag das auch daran, weil sein Weg früh gezeichnet war.

Alle sahen in ihm einen kommenden Skifahrer

Denn dass aus dem kleinen Linus mal ein sehr guter Skifahrer werden würde, das sei schon früh zu erkennen gewesen, sagt sein Vater Georg Eisenhut dem SPIEGEL am Telefon. An den Wochenenden fuhren Eisenhut und seine Frau mit den vier Kindern regelmäßig von München in ihr Haus nach Kirchberg, einem Nachbarort von Kitzbühel.

»Als Zweijähriger stand Linus einmal um sieben Uhr morgens im Ski-Overall an meinem Bett und fragte mich, ob wir jetzt zum Skifahren gehen können«, erinnert sich Eisenhut. »Sein Talent war ihm schon früh anzusehen, als er mit drei die Piste runterfuhr, schauten ihm die Ski-Touristen staunend hinterher. Aber dass er wirklich mal in die Weltspitze kommen würde, das weiß man ja nie.«

Eisenhut ist auch Sportwart in der Ski-Abteilung des TSV 1860. Er sagt, er habe schon viele hoffnungsvolle Nachwuchsläufer gesehen, von denen man geglaubt hätte, sie würden künftige Weltmeister. Später sind sie dann doch auf einen anderen Weg abgebogen, weg von der Ski-Piste. Eisenhut aber sei keiner gewesen, der mit verbissenem Ehrgeiz seinen Sohn zum Olympiasieger formen wollte. »Ich war nie ein Tennisvater«, sagt er.

Linus Straßer: Am 6. Januar 2021 gelang ihm in Zagreb sein erster Sieg in einem Weltcup-Slalom

Linus Straßer: Am 6. Januar 2021 gelang ihm in Zagreb sein erster Sieg in einem Weltcup-Slalom

Foto: Frank Hoermann / imago images / Sven Simon

Trotzdem wurde es sehr früh sehr fordernd: Mit sechs Jahren kam Straßer in den Kitzbüheler Ski Club, wo ihm auch auf schlechten Pistenverhältnissen die Technik beigebracht worden ist. Für Straßer begann ein langer Weg durch die Nachwuchskader des Deutschen Skiverbands: Mit 18 Jahren wurde er Deutscher Juniorenmeister im Slalom und mit 20 folgte das Debüt im Weltcup, Platz 52 beim Riesenslalom in Sölden.

Im Januar 2015, mit 22, startete Straßer dann durch, als er sich im Slalom erstmals und dann gleich fünfmal hintereinander für den zweiten Durchgang qualifizierte, für das Finale der besten 30 Läufer. Der große Höhepunkt: der fünfte Platz im Nachtrennen von Schladming vor mehr als 40.000 Zuschauern. Es war ein denkwürdiges Rennen, Straßer wurde drittbester DSV-Läufer hinter Felix Neureuther (Platz drei) und Fritz Dopfer (vier).

Straßer, der Überflieger, schien bereit für den Angriff ganz nach vorne.

Doch plötzlich war es vorbei mit dem Vormarsch. Es folgten Ausrutscher, Einfädler, verpasste Finalläufe, immerhin noch ein Sieg bei einem City Event in Stockholm 2017. Aber meist war Straßer zu langsam und er verkrampfte immer mehr. Der Tiefpunkt war vor gut zwei Jahren erreicht, als er zwischen November 2018 und Januar 2019 in elf Rennen nacheinander nicht in die Punkteränge kam.

»Es war für mich nicht einfach, wenn man die ganze Zeit gesagt bekommt, wie gut man eigentlich Ski fährt und jeder nur Podiumsplätze von einem erwartet«, sagt Straßer heute. »Im Training konnte ich die gute Form zwar bestätigen, doch bei den Rennen ist es zu selten gelungen, dadurch wurde der Rucksack immer größer.«

Stärkerer Kopf, bessere Technik

Heute sagt er, dass er an dieser schwierigen Zeit gewachsen sei, dass er gelernt habe, den Skirennsport in seinem Leben anders einzuordnen. »Das hat viel mit persönlicher Reife zu tun«, so Straßer. »Ich merke mittlerweile, dass der Bezug zum Sport ein anderer geworden ist und ich alles etwas relativer sehe, mit einem anderen Blickwinkel.« Er habe es geschafft, den Druck Stück für Stück abzubauen.

Straßer fand zu einer neuen Leichtigkeit – um nun in diesem Januar seine bislang größten Erfolge zu feiern: In Zagreb mit dem ersten Weltcup-Sieg in einem Slalom, gefolgt von einem zweiten Platz nur vier Tage später beim Klassiker von Adelboden.

Für Christian Schwaiger liegen die Gründe für Straßers Aufschwung in seiner Entwicklung im mentalen wie auch im technischen Bereich. »Linus war früher sehr fehleranfällig«, sagt der Cheftrainer der DSV-Männer. »Er hat die vergangenen zwei Jahre stark an seiner Technik gearbeitet. Das trägt jetzt Früchte. Auch in seinem Kopf ist er stärker geworden, er hat sich zu einer richtigen Persönlichkeit entwickelt.«

Kjetil André Aamodt, aber auch Felix Neureuther waren die Vorbilder von Straßer

Kjetil André Aamodt, aber auch Felix Neureuther waren die Vorbilder von Straßer

Foto: GEPA pictures/ Matic Klansek / imago images/GEPA pictures

Seine besten Jahre liegen noch vor Straßer, unabhängig davon, ob es in Cortina für eine Medaille oder gar den Titel reicht. Die Weltspitze ist sehr breit, in den bisherigen neun Saisonrennen gab es sieben unterschiedliche Sieger: »Ich gehöre bei dem Rennen zum erweiterten Favoritenkreis, aber die Topfavoriten sind andere.« Er will nicht abheben, auch wenn es jetzt besser läuft: »Ich sehe mich auf einem guten Weg.«