Männer-Slalom Felix und die noch Unglücklicheren

Felix Neureuther war die große Hoffnung der deutschen Skifahrer. Doch während die Frauen Erfolge feierten, schied er in seiner Spezialdisziplin Slalom aus. Aber was ist schon eine verpasste Medaille gegen das dramatische Scheitern einer ganzen Skination wie Österreich?

Ski-Profi Neureuther: Ausgeschieden im Slalom, Achter im Riesenslalom
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Ski-Profi Neureuther: Ausgeschieden im Slalom, Achter im Riesenslalom

Aus Whistler berichtet


Vielleicht war es ein ernstgemeinter investigativer Versuch des deutschen Journalisten, das Überraschende zu erklären. Vielleicht war es aber auch einfach nur Verzweiflung, als er Viktoria Rebensburg im deutschen Haus fragte, ob ihre Eltern schon bei der Namensgebung dieses Olympia-Gold im Sinn hatten. Viktoria, die Siegesgöttin, Gewinnerin im Riesenslalom, saß im weißen Shirt auf einem weißen Stuhl und sagte: "Ich glaube nicht."

Maria Riesch wurde nach ihrem zweiten Olympiagold in den Heiligenstand des Alpinsports erhoben und man war in dem Zusammenhang irgendwie froh, dass nicht ihre Schwester Susanne gewonnen hatte. Ihr Vorname hätte einfach nicht dazu gepasst. Wenn man so will, hätte sich also auch Felix Neureuther gut in dieser Reihe gemacht. Felix, der Glückliche, strahlend im Zielraum des Olympischen Slaloms, jubelnd über Gold oder Silber oder einfach nur eine gute Zeit.

"Im ersten Moment kann man gar nicht glauben, dass es schon vorbei ist", sagt Neureuther stattdessen. Er sieht überhaupt nicht glücklich aus. Der Slalom war für ihn nach 27 Sekunden des ersten Durchgangs beendet, an einer Stelle kam der Medaillenkandidat in Rücklage und schied aus. Es sind die zweiten Olympischen Spiele für Neureuther, und wieder haben sie ihm kein Glück gebracht.

Neureuther ("Ich bin ja erst 25", "Ich bin trotzdem einer der Besten der Welt") schafft es später mit Hilfe von Autosuggestion, dass wenigstens der Optimismus nicht an einer Stange einfädelt. Wolfgang Maier schafft es nicht. Der Alpin-Chef des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) verweist auf den achten Platz Neureuthers im Riesenslalom, er habe gehofft, dass sich sein Schützling wenigstens "im offenen Fight" geschlagen geben könnte. Oder sogar eine Medaille gewinnt. "Und dann scheidet er aus, das ist schon bitter."

102 Läufer gingen an den Start - 44 schieden aus

In Turin vor vier Jahren hatte Neureuther keines seiner beiden Rennen beendet, Vancouver lief also nicht ganz so schlecht wie 2006. Aber auch nicht viel besser. "Sehr schade, für den Felix tut's mir wahnsinnig leid. Jetzt müssen wir ihn trösten", sagt Neureuthers Mutter Rosi Mittermaier in Whistler. Ihr Sohn hatte noch vor vier Wochen beim Slalom von Kitzbühel seinen ersten Weltcupsieg gefeiert, der Vater Christian war dem Sohn weinend um den Hals gefallen. Vielleicht hatten Frau Mittermaier und Herr Neureuther bei der Namensgebung genau diesen Moment im Sinn gehabt.

Immerhin, Neureuther befand sich mit seinem Aus im ersten Durchgang in prominenter Gesellschaft. 44 von 102 gestarteten Läufern schieden aus, darunter der dreimalige Medaillengewinner Bode Miller (USA), sein Landsmann Ted Ligety (Kombinations-Olympiasieger von Turin) - und Manfred Pranger. Pranger, das muss man wissen, ist der Weltmeister von 2009 im Slalom. Und außerdem ist er Österreicher.

Die Enttäuschung, die der DSV nach dem Ausscheiden Neureuthers empfand, wurde überlagert durch die Siege von Riesch und Rebensburg. Am Ende wird die deutsche Alpin-Abteilung die Spiele von Vancouver immer noch als einen einzigen, riesigen Erfolg betrachten. Die Gefühlslage in Österreich dagegen schwankt zwischen Weltuntergang und irgendetwas noch Schlimmerem.

Österreichs "Blechsträhne"

"Blechsträhne" schrieb der "Kurier". "Wir sind nur noch Ski-Zwerge!", jammerte "Österreich". Und weil es immer noch ein bisschen gemeiner geht, ätzte der Kommentator des Staatsfernsehens ORF nach dem Super-G der Männer: "Wir müssen sagen: Österreich ist eine Rodelnation." Von wegen tu felix, Austria!

Österreich ist natürlich keine Rodelnation. Das Land war immer eine Skination, aber auch dessen kann man sich im Moment nicht mehr sicher sein. Im Rodeln hat das Land immerhin Silber bei den Frauen und Gold im Doppelsitzer der Männer geholt. Im Alpin-Bereich der Männer gähnt eine grausame Null. Wie schlimm die Situation wirklich ist, belegen die Zeitungen seit Tagen mit eindeutigen Statistiken. Seit 1948 haben die Männer immer eine Medaille von Olympischen Spielen mitgebracht, seit 1988 immer mindestens einen Olympiasieg.

Alle hofften deshalb auf Schadensbegrenzung durch Benjamin Raich im Slalom. Raich ist der Doppel-Olympiasieger von Turin, es waren zwei von insgesamt acht Medaillen der alpinen Österreicher. "Ich bin überzeugt, dass wir noch eine Medaille holen. Wir haben das stärkste Slalom-Team der Welt", sagte Toni Giger, der Chef des Herren-Teams. In acht Slalom-Weltcups vor Vancouver war die Mannschaft neunmal auf dem Podium vertreten. Nach dem ersten Lauf in Whistler lag Raich auf Platz drei.

Und nach dem zweiten auf Platz vier.

Gold geht an Italien, Silber an Kroation, Bronze an Schweden. Blech für Österreich, das Debakel ist perfekt. Es gibt jetzt kein Rennen mehr in Vancouver, in dem Österreich noch eine Medaille holen könnte.

Abrechnung in Österreich

Jetzt wird abgerechnet. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, um die Ursachen für die Schmach zu finden. Eine liegt auf der Hand: In Österreich wurde schon immer in großen Gruppen trainiert, und weil es so lange so gut ging, machte man einfach weiter. Die Schweizer hingegen üben in kleinen Gruppen, die Senioren aus der Westschweiz Didier Defago und Didier Cuche bilden eine, die Talente um Carlo Janka eine andere. Defago und Janka wurden Olympiasieger.

ÖSV-Herrenchef Giger deutete bereits an, Verantwortung übernehmen zu wollen. Er wird zurücktreten, alles andere wäre in etwa eine so große Überraschung wie der Auftritt der Männer in Vancouver.

insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
saul7 28.02.2010
1. ++
Zitat von sysopPlatz eins in der Medaillenwertung hat Deutschland an Gastgeber Kanada verloren. Wie bewerten Sie den Auftritt der deutschen Mannschaft bei den XXI. Olympischen Winterspielen? In welchen Disziplinen gab es positive Überraschungen, in welchen enttäuschende Leistungen?
Das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist eine Überraschung. Enttäuscht haben die Biathleten und die Friesinger. Die größte Überraschung war Rebensburg und der Mannschaftssieg der Eisschnellläuferinnen gestern Abend.
Wasserrutsche 28.02.2010
2.
Zitat von saul7Das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist eine Überraschung. Enttäuscht haben die Biathleten und die Friesinger. Die größte Überraschung war Rebensburg und der Mannschaftssieg der Eisschnellläuferinnen gestern Abend.
Wenn man berücksichtigt, dass die Deutschen im Biathlon und Langlauf meistens unterlegenes Material hatten und dass die Kombinierer zweimal durch den Wind und die Deutschen zweimal durch die Startnummern benachteiligt waren (Biathlon Sprint Herren, Super-G Damen), dann ist die Bilanz wirklich gut. Die Medaillenzahl aus Turin erreicht, dazu viele Plazierungen zwischen 5 und 8. Noch dazu sind wir wohl die ausgeglichenste Wintersportnation. In 10 von 15 Sportarten konnten Medaillen gewonnen werden. Im Snowboard, Short Track und Curling gab es zudem gute Plazierungen. Und auch beide Eishockeyteams gehören immerhin zu den besten 10 bis 12 Teams in der Welt. Das kann keine andere Nation vorweisen, alle anderen haben deutliche Schwachpunkte, in denen sie praktish nicht konkurrenzfähig sind (Norwegen in den Bob- und Rodelwettbewerben, USA und Kanada im Langlauf und Skispringen, beide auch mit Abstrichen im Biathlon, ...). Noch dazu muss man feststellen, dass viele Medaillen auch von jungen Sportlern gewonnen wurden, die noch die ein oder anderen olympischen Spiele vor sich haben: Neuner, Riesch, Loch, Beckert, Geisenberger, Rebensburg, Tscharnke... Allerdings muss man über die Arbeit der deutschen Skitechniker wirklich mal nachdenken. Auch wenn die Bedingungen vor Ort schwierig sind, kann es nicht sein, dass man in allen zehn Biathlonwettbewerben einen unterlegenen Ski präpariert. Nur Magdalena Neuner konnte dieses Handicap annährend kompensieren, ohne sie wäre Biathlon ein Trauerspiel gewesen. Ich hoffe, die Goldmedaillen von Neuner kaschieren das nicht.
Wolfgang Jung 28.02.2010
3. Zufriedenstellend
Mit der Bilanz Deutschlands kann man zufrieden sein. Überraschend für mich war das schwache Abschneiden von Russland, Italien und besonders von Finnland.
das_zweite_Gesicht 28.02.2010
4. Mehr als zufriedenstellend!
Der User "Wasserrutsche" hat ein Fazit gezogen, dass ich voll unterschreiben kann. Da waren schon sehr schöne Leistungen deutscher Athleten zu besichtigen. Interessant scheint mir: Warum ist es im Wintersport fast zu 100% gelungen, das Nachwende-Niveau (92) bis heute zu halten, während bei den Sommerspielen von Olympiade zu Olympiade beträchtliche Einbrüche zu verzeichnen sind? Ein Grund ist sicherlich, dass bei den Sommerspielen neue Nationen dazugekommen sind, aber dies kann nicht alles sein. Irgendwie scheinen mir die deutschen Wintersportverbände besser geführt; auch die Einbindung früherer Weltklasseathleten in Trainer- und Betreuerstäbe scheint hier viel reibungsloser und harmonischer zu erfolgen. Grüße
Grosskotz 28.02.2010
5.
Zitat von Wolfgang JungMit der Bilanz Deutschlands kann man zufrieden sein. Überraschend für mich war das schwache Abschneiden von Russland, Italien und besonders von Finnland.
und der Ski-Weltmacht Österreich! Das wirkt sich negativ auf die Uralauber aus, die nach Österreich kommen sollen. Von den Skiherstellern gar nicht zu reden: Atomic, Kneissl, ...und wie heißen die anderen, die ich schon vergessen habe und die man nicht mehr kauft?
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