Skistar Hirscher vor dem Rücktritt Der Getriebene tritt ab

Österreichs Skiheld Marcel Hirscher wird wohl sein Karriereende verkünden. Nicht nur für seinen langjährigen Rivalen und Freund Felix Neureuther kommt der Schritt überraschend.

Stefan Wermuth REUTERS

Von Florian Kinast, München


Auch David Alaba wirkte ergriffen. Der österreichische Nationalspieler des FC Bayern sprach am Wochenende nach dem 6:1 gegen Mainz nicht nur über sein schönes Freistoßtor - sondern auch über das Thema, das gerade seine Heimatnation bewegt. "Ihr wisst ja selbst, was für eine Legende er ist", sagte Alaba den Reportern. "Er hat uns Österreichern so viel Freude bereitet. Dass er jetzt aufhört, ist extrem schade."

An diesem Mittwoch wird Marcel Hirscher, der weltbeste Skifahrer der Gegenwart und vielleicht auch aller Zeiten, wohl offiziell seinen Rücktritt erklären. Der 30-Jährige hat zu einer Pressekonferenz in Lounge 5 im Salzburger Gusswerk geladen, einem modernen Firmen- und Eventareal in einer alten Glockengießerei, angekündigt haben sich Medien aus aller Welt, aus Italien, Frankreich, Skandinavien. Die "New York Times" ist dabei, CNN, die BBC. Der ORF überträgt zur Primetime, live ab 20 Uhr; in Deutschland soll die PK bei Servus TV zu sehen sein.

Dass die große Neuigkeit natürlich schon vorab durchsickerte, war zu erwarten. Wenn ein Skirennläufer seine Laufbahn beendet, muss er vor der Öffentlichkeit erst seine Ausrüster, seine Skifirma informieren, seine Sponsoren. Ein großer Sponsor des Österreichischen Skiverbands ist die "Kronenzeitung". Die Zeitung vermeldete die News am Samstag exklusiv.

Wegen seines Fahrstils wurde er schon abgeschrieben

Marcel Hirscher, zweifacher Olympiasieger, siebenmaliger Weltmeister. Sieger in 67 Weltcuprennen. Achtmal am Stück Seriensieger des Gesamtweltcups. Der letzte Gewinner der großen Kristallkugel, der nicht Hirscher hieß, war 2011 Ivica Kostelic. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in den Salzburger Alpen, Sohn des Hüttenwirts der Stuhlalm im Lammertal, früh abgeschrieben wegen seines Fahrstils, die Juniorentrainer bescheinigten ihm, würde er die Radien und Kurven um die Slalomtore so extrem eng weiterfahren, könne er mit 14 seine Knie wegschmeißen.

Heute ist Hirscher 30 und erfreut sich bester Gesundheit, weshalb sein Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt im ersten Moment erstaunt - so auch Felix Neureuther, der sich mit Hirscher über viele Jahre große Duelle lieferte. "Ich habe bis zuletzt gehofft, dass der Marcel weitermacht", sagte Neureuther dem SPIEGEL, "mich überrascht das, ich hätte damit nicht gerechnet. In jedem Fall extrem bitter, damit verlieren wir einen ganz Großen des Sports."

Neureuther und Hirscher verband nicht nur eine gesunde Rivalität, sondern auch eine enge Freundschaft. 2013, als Hirscher auf der Autofahrt zum Rennen nach Garmisch heftige Magenkoliken plagten und er auf der Suche nach einem Arzt bei Neureuther anrief, schickte der ihn sofort zum Spezialisten seines Vertrauens. "Der Felix ist für mich wie ein großer Bruder", sagte Hirscher einmal.

Eigentlich noch im besten Fahreralter

Und warum das Ende gerade jetzt? Mit 30, im besten Skifahreralter, 2021 steht die nächste WM in Cortina d'Ampezzo an, 2022 Olympia in Peking. Viele große Titel wären noch zu gewinnen gewesen, auch die ewige Bestmarke von Ingemar Stenmark mit 86 Weltcup-Siegen hätte er bald erreicht. Wer bei seinen Interviews in den vergangenen Jahren freilich genau hinhörte, spürte, dass ihn Zweifel begleiteten, wie lange er sich das noch antun kann und antun möchte. Vor einem Jahr sagte er als frischgebackener Vater, die Geburt seines Sohnes habe ihm gezeigt, dass "Blau und Rot nicht das Wichtigste" seien, eine Anspielung auf die Farben der Slalomstangen.

Das ewige Herumreisen im Winter, der Kurzurlaub nach Saisonende im April. Der Wiedereinstieg ins Training im Mai, wochenlanges Sommertraining auf der winterlichen Südhalbkugel, ob in Chile oder Neuseeland. Nach zwölf Jahren im Weltcup kann das auch einen Marcel Hirscher zermürben, im vergangenen Winter wirkte er oft ausgelaugt und müde. Doch selbst dann noch dominierte er die Konkurrenz.

"Er ist bei allem immer bis zum Anschlag gegangen, ihn hat immer das Streben nach Perfektion getrieben", sagt Neureuther, der im März seine Karriere beendete und kürzlich erst im Gespräch erklärte, der Schritt sei für ihn auch "eine Befreiung" gewesen. Neureuther wurde im Oktober 2017 Vater von Tochter Matilda, Ehefrau Miriam erwartet im Winter das zweite Kind, auch für ihn haben sich die Prioritäten dank der Familie verschoben. "Der Marcel könnte das Programm auch runterfahren und würde den Weltcup auch mit weniger Aufwand dominieren", sagt Neureuther, "aber das war nicht sein Anspruch. Bei ihm gab's nur 150 Prozent oder gar nix."

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Marcel Hirscher: Das Blau und Rot reizt ihn nicht mehr

Oft wirkte Hirscher besessen, fast schon getrieben, vor allem von sich selbst. Kaum einer quälte sich so beim Training wie er, zu seinen Lieblingsübungen gehörten einbeinige Kniebeugen mit einer 30-Kilo-Langhantel über dem Kopf oder Liegestützen mit Händen und Füßen in vier Ringen, wie man sie vom Kunstturnen kennt.

Und stand er mal wieder oben auf dem Podium, wirkte es, als könne er den Moment gar nicht genießen. Weil er schon wieder an das nächste Rennen dachte. Den Druck spürte, dann wieder oben zu stehen. Den Druck ist er nun los. Wie man hört, versuchten Trainer, Betreuer, Funktionäre zuletzt, ihn noch umzustimmen, ihn zur Fortsetzung der Karriere zu bewegen. Vergeblich.

Am Samstag besuchte Hirscher mit seiner Frau Laura die Salzburger Festspiele, sie sahen "Salome" von Richard Strauss. Hirscher mag Opern, er mag es auch, auf dem Motorrad unterwegs zu sein oder im Kajak. Hirscher muss jetzt auch keine Rücksicht mehr nehmen auf ausgewogene Ernährungspläne, er kann jetzt wieder nach Herzenslust Kaiserschmarrn und Schnitzel essen und seine geliebte Speckjause, all das, was ihm als Kind bei Mama Sylvia auf der Stuhlalm schon so schmeckte. Hirscher hat jetzt Zeit für Freizeit und Familie. Zeit, das Leben zu genießen, ein buntes Leben mit vielen Facetten und Farbnuancen. Abwechslungsreicher als nur Blau und Rot.



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Sibylle1969 02.09.2019
1.
Einer der besten Skifahrer aller Zeiten tritt ab. Er hat alles gewonnen, was man in diesem Sport gewinnen kann. Skifahren ist mit Sicherheit eine der Sportarten, wo man sich im Fitnesstraining am meisten schinden muss, um erfolgreich zu sein. Wer da nicht mehr zu 100% motiviert ist... ich kann's verstehen. Dank lukrativer Werbeverträge dürfte Hirscher mit Sicherheit ausgesorgt haben, und vielleicht hat ja der ORF einen Nebenjob für ihn als Experte bei den Rennübertragungen. Vielleicht freuen sich ein paar seiner Konkurrenten, zB der ewige Zweite Henrik Kristoffersen, die jetzt auch mal was gewinnen können.
rockboy 02.09.2019
2. Respekt!
Habe ihn als Typ nie gemocht...doch als Skirennfahrer die Konkurrenz über Jahre so zu dominieren...vielleicht wirklich der Beste aller Zeiten. Alles Gute!
BSC 02.09.2019
3. Hirscher
Ein ganz großer, der Marcel, unfassbar, wie er immer wieder gewonnen hat. Seine Konkurrenz tat mir leid. Jetzt sollte Felix Neureuther ein Jahr dran hängen, dann könnte er eine Traum Saison haben und endlich den Slalom Weltcup gewinnen. Felix, hau rein, beginne morgen mit dem Training, dann packst du es noch.
speedwaygonzales 02.09.2019
4. Schade
ein unfassbar guter Skifahrer!! Er und Ingemar sind in der Tat die Grössten!
vereinsmeier 04.09.2019
5. Hut ab
nichts mehr zu beweisen, den Körper geschunden, wie normale Menschen im gesamten Leben nicht. Ein Ausnahmekönner und im positiven Sinne ein Besessener seines Sports. Mir ist er nie so sympathisch erschienen, aber wer darf sich als TV Zuschauer ein Urteil über diesen Menschen erlauben? Tiefsten Respekt Herr Hirscher vor Ihrer einmaligen Leistung, die evtl. in dieser dominanten Form nie mehr erreicht werden wird.
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