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10. Februar 2018, 11:52 Uhr

Olympiaexperte Markus Wasmeier

"Das IOC driftet immer weiter ab"

Ein Interview von

Markus Wasmeier ist erstmals seit 1988 bei Winterspielen nicht live vor Ort. Hier spricht er über die olympische Idee, die Großspurigkeit des IOC und die zweifelhafte Rolle von Präsident Thomas Bach.

Markus Wasmeier gehört zu den erfolgreichsten deutschen Skifahrern der Geschichte. 1985 etablierte sich der heute 54-Jährige mit dem überraschenden WM-Gold im Riesenslalom in der Weltspitze. Wasmeier feierte insgesamt neun Weltcupsiege, als größter sportlicher Erfolg gilt der zweifache Olympiasieg 1994 in Lillehammer.

Wasmeier kämpfte während seiner Karriere aber auch immer mit Verletzungen, 1992 prallte er auf der Strecke mit einem Servicemann zusammen und brach sich den Knöchel. Nach seinem Rücktritt 1994 arbeitete Wasmeier 20 Jahre lang als Experte für die ARD und zeichnete sich dabei als kritischer Begleiter des Deutschen Skiverbands aus. Außerdem begleitete er die gescheiterten Bewerbungen Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 und 2022.

SPIEGEL ONLINE: Am morgigen Sonntag starten bei den Olympischen Winterspielen die alpinen Wettbewerbe mit der Abfahrt der Herren. Spüren Sie Vorfreude, trotz des Dopingskandals in Russland, den immensen Forderungen des IOC an die jeweiligen Gastgeber oder der Verteuerung der Spiele in den vergangenen Jahren?

Markus Wasmeier: Das werden die ersten Spiele seit 1988 in Calgary, bei denen ich nicht vor Ort sein werde. Das Feuer brennt aber immer noch in mir, Olympische Spiele sind etwas Besonderes. Für mich ist das, unabhängig von den negativen Schlagzeilen, immernoch sehr emotional. Wenn jemand auf dem Stockerl steht, weiß ich sofort, wie das Gefühl ist. Das ist Gänsehaut pur.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie die Spiele verfolgen?

Wasmeier: Da viele Wettbewerbe in der Nacht stattfinden, werde ich früh aufstehen, das wird eine harte Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Die olympische Idee steckt aufgrund der Ablehnung in Europa und den Misserfolgen im Anti-Dopingkampf in der Krise. Was muss verändert werden, um die Idee zu retten?

Wasmeier: Vieles. Grundsätzlich wäre Zurückhaltung des IOC wünschenswert, die Großspurigkeit muss ein Ende finden. Die Athleten und die Bürger vor Ort müssen wieder mehr im Mittelpunkt stehen. Dafür ist ein ganz anderes Auftreten nötig. Stattdessen driftet das IOC immer weiter ab, stellt immer neue Regeln auf. Es ist unverständlich, wie das IOC ein so tolles Projekt wie die Olympischen Spiele so negativ in Szene setzt. Leider ist das IOC konkurrenzlos.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie von politischer Seite?

Wasmeier: Es darf keine Verquickung mehr von Sport und Politik geben. Ich habe selbst erlebt, wie in Sotschi aus Sicherheitsgründen keine Rettungshubschrauber fliegen durften, vermutlich weil Wladimir Putin es nicht wollte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle sollte das IOC im Anti-Dopingkampf einnehmen?

Wasmeier: Da wird eine riesige Chance vertan. Das IOC sollte international geltende Regeln aufstellen und jeglicher Verstoß - dazu gehört auch, sich den Dopingproben zu entziehen - müsste den Ausschluss von Olympischen Spielen zur Folge haben. Die Nationalen Anti-Dopingagenturen werden oft vom Staat kontrolliert, das darf es nicht mehr geben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Rolle von IOC-Präsident Thomas Bach?

Wasmeier: Ich bin nicht enttäuscht, weil ich sein Verhalten genau so vermutet habe. Ich bin da kritisch und finde, dass er sich als ehemaliger Athlet sehr weit davon entfernt hat, was Sportler denken. Der Umgang mit dem Dopingskandal in Russland war nicht konsequent genug. Wenn nur die Hälfte wahr sein sollte, ist es schon schlimm genug. Und das Land und die Werte in Russland werden sich nicht ändern. Bach hätte sich distanzieren müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von den Plänen von Schladming und Graz, sich in Kooperation mit Inzell und Königssee für die Spiele 2026 zu bewerben?

Wasmeier: Ich finde es gut, dass sich mal wieder eine Region zusammentut. Österreich ist ein so sportbegeistertes Land und die Region im Salzburger Land hat meiner Meinung nach gute Chancen. Aber: Das IOC muss verstehen, wie wichtig Nachhaltigkeit bei den Sportstätten ist. Die Nähe zum Bürger muss wiederhergestellt werden.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland fehlt die Akzeptanz für olympische Bewerbungen.

Wasmeier: Das ist aber ein gesellschaftliches Problem. Großprojekte wie Stuttgart 21, der Berliner Flughafen oder die Elbphilharmonie werden mit Olympia oder Fußball-Weltmeisterschaften in einen Topf geworfen. Bei den gescheiterten Bewerbungen von München habe ich von Anfang an erlebt, wie die Leute grundsätzlich dagegen waren. Unsere Gesellschaft ist voll von Verhinderern.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie dafür bei all den Skandalen und der Kostenfrage Verständnis?

Wasmeier: Dafür könnte man Verständnis haben, aber die Olympischen Spiele sind ein so tolles Produkt, das verdient mehr Akzeptanz.

SPIEGEL ONLINE: Thomas Dreßen ist mit dem Sieg auf der Streif überraschend in die Weltspitze gefahren. Bei Ihnen war es 1985 mit WM-Gold im Riesenslalom ähnlich. Was verändert sich nach so einem Erfolg für den Athleten?

Wasmeier: Plötzlich wollen Journalisten und Fans viel mehr von einem. Bis dato macht er das ganz gut, aber er muss lernen, auch mal Nein zu sagen. Als junger Skifahrer im Alter von 24 Jahren will man schnell jedem gerecht werden. Bei einigen dauert es länger, bis sie wieder die Freiheit finden, sich auf das Skifahren zu konzentrieren. Bei Thomas mache ich mir aber wenig Sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Beim Heimrennen in Garmisch-Partenkirchen hat Dreßen einen sehr lockeren Eindruck gemacht.

Wasmeier: Man merkt aber schon, dass er sich selbst Druck macht. Er will beweisen, dass der Erfolg in Kitzbühel keine Eintagsfliege war. Platz sieben mit nur einer halben Sekunde Rückstand war ein gutes Ergebnis. Anders sieht es bei Josef Ferstl aus, der nach seinem Sieg im Super-G in Gröden immer mehr will. Er verbeißt sich, presst den Ski in den Schnee und lässt in gar nicht mehr frei laufen. Ferstl hat seine Lockerheit verloren.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland lechzt nach neuen Ski-Helden?

Wasmeier: Thomas bringt alles mit. Er strahlt Bodenständigkeit aus, ist aufgrund seiner Lebensgeschichte demütig - Dreßen verlor ja im Alter von zwölf Jahren seinen Vater bei einem Seilbahnunglück. Er weiß den Erfolg zu schätzen, und das kommt gut an. Das kann eine richtige Erfolgsgeschichte werden.

SPIEGEL ONLINE: Zu Beginn der alpinen Saison war das Thema Sicherheit nach den Todesfällen von David Poisson und Max Burkhart sehr aktuell. Hat sich seitdem etwas verbessert?

Wasmeier: So groß die Tragödien auch waren, man muss Todesfälle auf Skipisten immer einzeln betrachten. Nach dem Unfall von Burkhart hat der DSV die beste Lösung gefunden, um so etwas für die Zukunft zu verhindern. Bisher konnten sich Junioren über ihren Skiclub für internationale Rennen anmelden - ohne eine Überprüfung. Jetzt hat der Verband festgelegt, dass bei internationalen Abfahrts- und Super-G-Rennen nur Mitglieder der Nationalmannschaft antreten dürfen. Bei Max Burkhart hat die Tragödie ihren Lauf genommen, als er sich aus Unerfahrenheit in die falsche Richtung gefahren ist. Er war leider nicht ausgebildet genug, um auf einer Weltcup-Strecke wie in Lake Louise zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Werden bei der Abfahrt die Grenzen des Sports überschritten?

Wasmeier: Die Abfahrt bleibt ein extrem gefährlicher Sport. Alle, die bei Speed-Rennen an den Start gehen, wissen, was sie riskieren. Das ist aber auch eine Leidenschaft, wir fahren Formel 1 auf Schnee und wollen genau das. Das können nur wenige, wir sind halt verrückt.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich noch verbessern?

Wasmeier: Absolute Sicherheit wird es nie geben. Und die beiden verstorbenen Athleten hätten auch mit einem Airbag nicht überlebt, deshalb ist diese Entwicklung schon wieder rückläufig.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten in Ihrer Karriere selbst mit vielen Unfällen und schweren Verletzungen zu kämpfen.

Wasmeier: Zu meiner Zeit, Anfang der Achtzigerjahre, gab es jedes Jahr ein, zwei Todesfälle. Da waren die Bäume nicht abgesichert, Strohballen sind über Nacht nass geworden und waren dann gefroren, in Kitzbühel gab es noch Holzzäune. Es ist viel sicherer geworden.

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