Martin Schmitts Comeback "Ich bin auf Augenhöhe mit der Weltspitze"

Martin Schmitt ist zurück - und mit ihm die Begeisterung im deutschen Skisprung-Publikum. Der fünfte Platz zum Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf soll nur ein Schritt auf dem Weg nach ganz oben sein. Die Konkurrenz ist beeindruckt.

Aus Oberstdorf berichtet Roland Wiedemann


Man trägt wieder lila.

Vor einem Jahr noch waren nur ein paar Nostalgiker, aber keine kreischenden Teenager mehr mit Mützen des Schokolade-Sponsors im Auslauf zu sehen gewesen. Doch beim diesjährigen Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf wurden sie den Damen vom Promotion-Team wieder aus den Händen gerissen, die Tausenden lila Wollmützen mit kleinen weißen Hörnchen darauf.

In Oberstdorf sprang Martin Schmitt, mit 30 der viertälteste Springer im Feld, auf Platz fünf. Und alle fragen sich plötzlich: Ist da eine Steigerung drin? Wird er es schaffen, noch höher zu kommen?

Wegen anhaltender Erfolglosigkeit hatte das Publikum sein Durchhaltevermögen zuletzt mit einer Mischung aus Mitleid und Respekt wahrgenommen. Nun erfasst eine Schmitt-Manie wieder das Land - ein gutes Jahrzehnt nach dem ersten Mal.

Man fühlte sich in Oberstorf - wo sich Simon Ammann mit einem Feuerwerk als Sieger des Tournee-Starts feiern ließ - ein bisschen an Schmitts beste Zeiten erinnert. Er ist zwar (noch) nicht so erfolgreich wie Ende der neunziger Jahre, und diesmal hielten auch keine jungen Frauen Schilder mit "Martin, ich will ein Kind von dir"-Wünschen in die kalte Winterluft. Aber wundersamerweise zählt der 30-Jährige in diesem Winter zur erweiterten Weltspitze.

Weil nach dem ersten Versuch auf der Schattenbergschanze ein Podestplatz möglich war, wirkte Schmitt nach dem zweiten sogar ein bisschen enttäuscht, als es nur Platz fünf wurde. Dabei weiß er, dass er nach all den schweren Jahren, in denen er manchmal nicht einmal die Qualifikation für den ersten Wertungsdurchgang der besten 50 überstand, allen Grund hat, bescheiden zu sein.

"Ich bin halt ein Leistungssportler", sagt Schmitt entschuldigend und lächelt dabei.

"Vieles im Skispringen lässt sich einfach nicht erklären"

Gelächelt hat Martin Schmitt eigentlich immer. Selbst, als es nicht lief. Er hat damit seine Verunsicherung zu überspielen versucht.

Auf Fragen nach den Gründen für seine Abstürze auf der Schanze konnte er lange keine richtigen Antworten geben. Er sprach von Fehlern im "Flugsystem", an dessen Korrektur er ständig arbeitete. Manchmal versuchte es der vierfache Weltmeister mit kleinen Umstellungen. Weil das nichts brachte, nahm er auch mal radikale Änderungen an seinem Sprungstil vor. Doch Schmitt blieb ein Problemfall.

Jetzt sind der Spaß und die Leichtigkeit wieder zurück. Warum?

Schmitt kann es selbst nicht so genau sagen; die Sportart ist so kompliziert, dass auch Experten häufig vor einem Rätsel stehen. "Vieles im Skispringen lässt sich einfach nicht erklären", sagt der österreichische Fachmann Toni Innauer.

Immerhin, ein paar Begründungsansätze gibt es. Werner Schuster, der neue Bundestrainer, hatte schon im vergangenen Winter, als er noch die Schweizer Springer betreute, einen grundlegenden Fehler erkannt: dass "Martin den Schwerpunkt vor dem Absprung nach hinten verloren hat". Ein Fehler, der eine Reihe anderer nach sich zog und ein scheinbar unauslöschlicher Bestandteil im Schmittschen Flugsystem geworden war.

Schuster gelang es, diesen Fehler im Springerhirn zu eliminieren. Mit klaren Vorgaben und Ideen, die Schmitt in der Form nicht gekannt hatte.

Der zweifache Gesamtweltcup-Sieger vertraut seinem Trainer bedingungslos. "Es war leichter als bei Simon Ammann, denn Martin war weiter unten. Er hat mehr zugehört", sagt Schuster. Er ist beeindruckt von dem Feuer, das immer noch in Schmitt lodert. "Ich habe bei Martin sofort gemerkt: er will das, er will es wirklich." Schmitt wollte den lila Helm nicht einfach nur spazieren fahren, sagt Schuster.

"Der wahrscheinlich beste Sprung im ersten Durchgang"

Auch die Konkurrenz zollt dem Deutschen großen Respekt. "Es ist ihm sehr hoch anzurechnen, wie er immer weiter gekämpft hat", sagte nach dem Oberstdorfer Springen Alexander Pointner. Es hätte ihn nicht gewundert, fuhr der Erfolgstrainer der Österreicher fort, wäre Schmitt gestern auf dem "Stockerl" gestanden. "Im ersten Durchgang hat Martin schlechte Bedingungen und ist trotzdem sehr weit gesprungen. Das war wahrscheinlich der beste Sprung im ersten Durchgang."

Weil Schmitt im Finale nicht daran anknüpfen konnte, blieb es nur bei einem Achtungserfolg. "Die anderen vor mir haben noch ein bisschen mehr Konstanz", sagte er vor der Abreise nach Garmisch-Partenkirchen, der zweiten Station der Vierschanzentournee (Neujahr, 13.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). "Aber grundsätzlich funktioniert mein Sprung. Ich bewege mich auf Augenhöhe mit der Weltspitze." Gefragt, wo er sich denn auf einer Skala von 0 bis 100 derzeit sehe, antwortete er: "Im ersten Sprung bei 95."

Am 1. März 2002 in Lahti feierte Martin Schmitt seinen bisher letzten Weltcup-Sieg. Vielleicht ist es für alle Seiten gut, dass der Schwarzwälder jetzt in Oberstdorf noch nicht ganz vorne gelandet ist. So hat er ein bisschen weniger Druck, wieder zu Höhenflügen ansetzen zu müssen.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
WKY774 28.12.2008
1.
wohl kaum, martin schmidt ist einfach viel zu talentfrei
Tomkick, 28.12.2008
2.
Zitat von WKY774wohl kaum, martin schmidt ist einfach viel zu talentfrei
Genau, so ein 4-facher Weltmeister hat sowas wie Talent natürlich nicht. Ob es wieder dauerhaft zur Weltspitze reicht mag man bezweifeln, aber die Ansätze sind seit Jahren nicht so gut gewesen.
peterpretscher 28.12.2008
3.
Zitat von sysopNeuer Trainer - neues Glück. Die deutschen Skispringer haben mit Werner Schuster einen der erfogreichsten Trainer der Welt an die Seite bekommen. Kann der Österreicher Martin Schmitt und Co. zurück an die Weltspitze führen?
Der Name "Schuster" verbuergt fuer Qualitaet, und wenn der Martin Schmitt genug von der LILA Sponsor Schokolade isst, hat er eine gute Chance gegen die Oesie's zu gewinnen!
ios, 28.12.2008
4.
Zitat von WKY774wohl kaum, martin schmidt ist einfach viel zu talentfrei
mannomann, null Ahnung! Die "Boygroup" kam damals aus dem Schwarzwald, u.a. Steiert als Trainer mit Hess als Nationaltrainer. Das passte wohl, damit hatte keiner wirklich gerechnet. Von den Schwarzwäldern hört man gar nichts mehr. Nur noch "Leistungszentrum" Obersdorf. Sicher auch Größenwahnsinn. Martin Schmitt ist ein sehr sympathischer Mensch. Ich wünsche ihm alles Gute. Und am liebsten wäre mir, dass er mit den kleinen Jungs in Furtwangen auf die Schanze geht, weil es einfach Spass macht runter zu springen.
derpolokolop 29.12.2008
5.
Kann mir jemand sagen wieviel von den Steuergelder in so ein Sportler wie Martin Schmidt über den Jahren investiert würde? Wann hat er das letzte mal was gewonnen? Gibt es kein nachwuchstalent?
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