Zum Tod von Matti Nykänen "Die Hölle ist nicht so schlimm wie mein Leben"

Immer wieder sprach Matti Nykänen von einem Neuanfang. Doch er gelang nicht. Erinnerungen an einen faszinierenden und zugleich tragischen Skispringer.

Matti Nykänen
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Matti Nykänen

Von Florian Kinast


Vor zwei Wochen gab Matti Nykänen ein Interview, es war sein letztes. Nykänen sprach mit der finnischen Tageszeitung "Aamulehti", dort sagte er, er sei jetzt, mit 55 Jahren, ruhiger und geduldiger als früher. Dass er glücklich sei, "wenn ich einfach nur eine Stunde Schnee schaufeln kann". Dass er alles im Griff habe: sein Leben und sich selbst.

Aber wie oft hatte er in den vergangenen Jahrzehnten schon einen Neuanfang angekündigt? Jetzt wird alles anders. Und dann gelang er doch nicht, immer und immer wieder. Denn so sehr er sich danach sehnen mochte, nach Glück, Harmonie und innerem Frieden, er fand das alles all die Jahre nicht. Nun ist Nykänen mit 55 Jahren verstorben.

Matti Nykänen, der Kraftfahrersohn aus der mittelfinnischen Jyväskylä, war einer der großartigsten Skispringer der Geschichte, ein unvergleichlicher Ästhet und einer der faszinierendsten Sportler seiner Zeit. Es waren die Achtzigerjahre, als die Springer auf blankem Eis statt, wie heute, in einer eingefrästen Keramikspur den Sprungturm hinabrasten und sie in der Luft die Skier nicht zu einem V stellten, sondern parallel.

Die Duelle zwischen Nykänen und Weißflog sind unvergessen

Wilde Haudegen gab es damals. Die Kerle hießen Hroar Stjernen, Primoz Ulaga, Pavel Ploc. Aber wenn man damals als wintersportbegeisterter Teenager vor dem Fernseher die Vierschanzentournee schaute, den lang ersehnten Höhepunkt der Weihnachtsferien, dann wartete man irgendwie doch nur auf Jens Weißflog und Matti Nykänen.

Weißflog gegen Nykänen, das war in jener Zeit ein epochales Duell wie McEnroe und Lendl im Tennis, wie Kasparow und Karpow im Schach, wie Hingsen und Thompson im Zehnkampf. Weißflog und Nykänen, zwei Hänflinge, Milchgesichter, zu unterscheiden nur am dünnen Schnurrbartflaum des Oberwiesenthalers. Schauplatz der wirklich großen Zweikämpfe waren die Olympischen Winterspiele, Sarajevo 1984 und Calgary 1988. Nykänen holte viermal Gold und legte zwischen den Spielen einen sagenhaften Sprung hin: Das war 1985, Planica, Skiflug-WM, 191 Meter.

Auch wenn es heute Bestweiten von 250 Metern im Skifliegen gibt: Als man damals den Flug live am Bildschirm sah, dachte man, Nykänen würde nie mehr landen. Aber er tat es.

In seinem letzten Wettkampf im Februar 1991 erreichte er bei der WM in Predazzo nur Rang 50. Man sprach damals vom Absturz einer Legende. Dabei war es noch ein Höhenflug, verglichen mit dem Absturz in seinem Leben danach.

Nykänen trank, und er trank schon immer, seit er 14 war. Schon als Aktiver sorgte er im Vollrausch für Eskapaden, prügelte auf Mannschaftskameraden ein, bepöbelte in Restaurants Gäste. Sein Teamkollege Jari Puikkonen sagte 1987: "Wenn er betrunken ist und man ein falsches Wort sagt, geht er schon mal mit den Fäusten auf einen los." Immer wieder stand Nykänen knapp vor einem endgültigen Rauswurf aus der finnischen Mannschaft, doch der Sport fing ihn auch auf, im Sport fand er Halt.

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Skispringer Matti Nykänen: Der Überflieger

Den Halt verlor er nach der Karriere: Er versuchte sich als Sänger, jobbte als Kellner, arbeitete in einer Stripteasebar, und wenn ihm die Lieder ausgingen, dann zog er sich selbst aus. Ungebremst ging es bergab, 2003 bekannte er: "Ich war am Ende und bereit, mich zu erschießen. Ich wollte der Hölle ein Ende bereiten."

Von der Hölle sprach er immer wieder, darum ging es auch in seiner Autobiografie "Grüße aus der Hölle". Das Buch präsentierte er den Sportreportern bei der Vierschanzentournee, in Oberstdorf saß er Ende 2003 auf einem Podium, man sah in ein ungesundes Gesicht und hörte einen unglücklichen Menschen.

Im Sommer 2004, in einer Hütte in Tottijärvi, stach er seinen Kumpel Aarno Hujanen mit einem Messer in den Rücken. Nykänen war verärgert, weil ihn sein Freund im Fingerhakeln bezwungen hatte, Nykänen war sturzbetrunken, der Bluttest ergab 3,5 Promille. Die Haftstrafe betrug 13 Monate. Drei Monate mehr waren es 2010 nach einer Messerattacke gegen seine Ehefrau Mervi Tapola, die damals in der Hütte in Tottijärvi auch dabei war.

In den vergangenen Jahren hörte man weniger von Matti Nykänen. Ende 2018 wurde bei ihm Diabetes diagnostiziert. Ob die Krankheit mit seinem Tod zusammenhängt, ist nicht bekannt. Fest steht: An Nykänens Heimschanze in Lahti wurden die Fahnen auf halbmast gesetzt. Am nächsten Wochenende macht dort der Weltcup Station. "Wir werden Matti und sein Andenken an diesen Tagen ehren", teilten die Veranstalter mit. Am Ende wird man sich vor allem an einen großartigen Skispringer zurückerinnern.



insgesamt 17 Beiträge
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kreuzberger36 04.02.2019
1. Schade!
Hat den jemand versucht zu helfen? Ach nee, ist zu schwierig und passt nicht ins Konzept! Kommt mir auch so vor! Dann alleine weiter! Manchmal böse, manchmal heiter! Ruhe er in Frieden!
sozialismusfürreiche 04.02.2019
2. Sie haben echt gut reden.
Zitat von kreuzberger36Hat den jemand versucht zu helfen? Ach nee, ist zu schwierig und passt nicht ins Konzept! Kommt mir auch so vor! Dann alleine weiter! Manchmal böse, manchmal heiter! Ruhe er in Frieden!
Tja. Das ist dann wohl die Hölle für die Helfer. Wie lange kann Jemand Hilfe (auf Familie, Freunde, Bekannte und ehemalige Arbeitgeber) anbieten, die vom Alkoholiker nicht angenommen wird? Die Hilfe missbraucht wird um dann weitersaufen zu können. Ganz, ganz schwierig. Sie haben echt gut reden.
karend 04.02.2019
3. .
Zitat von kreuzberger36Hat den jemand versucht zu helfen? Ach nee, ist zu schwierig und passt nicht ins Konzept! Kommt mir auch so vor! Dann alleine weiter! Manchmal böse, manchmal heiter! Ruhe er in Frieden!
"Hat den jemand versucht zu helfen?" Helfen kann man leider nur Personen, die sich helfen lassen wollen. Das ist leider so.
Ein Spatz aus der Asche 04.02.2019
4. Halb richtig !
Zitat von sozialismusfürreicheTja. Das ist dann wohl die Hölle für die Helfer. Wie lange kann Jemand Hilfe (auf Familie, Freunde, Bekannte und ehemalige Arbeitgeber) anbieten, die vom Alkoholiker nicht angenommen wird? Die Hilfe missbraucht wird um dann weitersaufen zu können. Ganz, ganz schwierig. Sie haben echt gut reden.
Einem Alkoholiker braucht und kann man nicht helfen. Das einzige was hilft ist aufhören zu saufen. An dieser Stelle möchte ich die Anonymen Alkoholiker nennen, die aus meiner Erfahrung das Problem erfasst haben und Chancen zur Abstinenz bieten. Natürlich in typisch amerikanischer Art: unkonventionell, erfolgsorientiert, tabulos. Man muss nicht wissen warum etwas funktioniert, es muss nur funktionieren. Natürlich geht sowas in die deutschen Behördenschädel und geldgeilen Professorenschädel nicht hinein, die immer mehr dabei sind, erfolglose Therapien mit Medikamenten und Psychologie zu installieren. Einzige Ursache fürs Saufen ist der Hang zum Alkohol, daher kommen alle Probleme, und wenn man aufhört zu saufen ist man wieder ein normaler Mensch. Wie man aus der Abhängigkeitsspirale rauskommt, wissen die anonymen Alkoholiker aus eigener Erfahrung. Nur wer trockener Alkoholiker ist, weiß was ein Alkoholiker fühlt, was in ihm vorgeht und wie man herauskommt. Ich verfolge immer gespannt die Prominenten, wenn sie in teure Privatkliniken an Traumstränden gehen, und nach dem x-ten Mal krepieren. Ja, ein Alkoholiker stirbt nicht, sondern krepiert auf übelste Weise.
mirage122 04.02.2019
5. Einfach nur schade und traurig
Wer in seinem Leben so erfolgreich war, kann vielleicht schlecht damit umgehen, dass er nicht mehr der Mittelpunkt des allgemeinen Interesses ist. Es entsteht eine Leere: im Kopf und im Körper. Das sollte der Alkohol ausfüllen. Damit lag Matti leider falsch; denn diese Sucht verändert den Menschen, Offensichtlich hatte er wegen seines dadurch verursachtes Verhalten niemanden, der ihm helfen konnte und wollte. RIP!
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