Nach zweitem Biathlon-Sieg Neuner wettert gegen grobe Olympia-Helfer

Magdalena Neuner krönt ihre Olympia-Leistung mit dem zweiten Biathlon-Gold - und verzichtet überraschend auf die Teilnahme an der Staffel. In die Siegesfreude mischt sich Ärger über raubauzige Olympia-Helfer: "Man wird behandelt wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird."

Aus Whistler berichtet


Zum zweiten Gold bekam Magdalena Neuner das passende Geschenk überreicht. Eine Sonnenbrille hatte ein Geldgeber der deutschen Biathletin Neuner in die Hand gedrückt. Als Blendschutz gegen die glänzende Medaillensammlung kann solch ein Präsent gute Dienste leisten - und ebenso gegen die Wintersonne über dem Whistler Olympic Park, die Neuners zweiten olympischen Goldlauf am frühen Sonntagnachmittag beeindruckend ausleuchtete. Die Beschenkte nutzte das Präsent allerdings anders: Sie schob ihre neue Brille hoch auf die Stirn und hielt ihr Gesicht voll in die Sonne - als wollte sie zeigen: Ich möchte das alles jetzt endlich mal richtig genießen.

Denn Magdalena Neuner mag an ihren Konkurrentinnen vorbeisausen, sie mag die schwarzen Scheiben am Schießstand in einem Tempo und mit einer Treffsicherheit abräumen, von der sie vor kurzem nicht zu träumen gewagt hätte: Richtiger Genuss war der 23-Jährigen bei diesen Winterspielen, ihren Winterspielen, trotz der reichen Medaillenernte - zweimal Gold, einmal Silber - bislang noch nicht vergönnt. Sie stand da, blinzelte in die Sonne und sagte: "Beim ersten Gold, bei der Siegerehrung, war ich in allem noch gar nicht drin. Aber vielleicht geht's ja diesmal mehr rein."

Was beim Zuschauen so richtig reinging, war die Art, in der Neuner der Konkurrenz im Massenstart eine Lektion erteilte. Das Drehbuch für die große Aufführung schrieb sie selbst: Gleich beim ersten Schießen zielte sie einmal daneben, lag bereits 21 Sekunden hinter der Spitze. Nach der zweiten fehlerlosen Übung hatte sie den Rückstand minimal um zwei Sekunden verkürzt, nach der dritten, erneut mit einem Fehlschuss belasteten Schießeinlage lag sie dann fast eine halbe Minute hinter der führenden Russin Olga Medwetsewa zurück.

Konkurrenz bekam das große Zittern

Beim letzten Schießen aber versetzte Neuner ihre Gegnerinnen dann in Angst und Schrecken: Mit einer phänomenalen Laufleistung hatte sie sich so weit an Medwetsewa, deren Teamkollegin Olga Saitsewa und die Slowenin Teja Gregorin herangepirscht, dass die drei Führenden beim Abfeuern ihrer letzten fünf Patronen das große Zittern überkam. Neuner, für die jeder Schuss aus dem Stand einst eine heikle Angelegenheit war, schoss wie der Teufel. Rasend schnell - und vor allem: fehlerfrei. "Das Stehendschießen ist mittlerweile mein guter Freund", sagte sie nachher.

Fotostrecke

8  Bilder
Sieg im Biathlon: Der Goldlauf von Magdalena Neuner

Mit weißer Weste auf die letzte Schleife begaben sich auch Saitsewa und Medwetsewa, die aber nicht annähernd so fix schossen wie Neuner. Nur 7,3 Sekunden nach Saitsewa rauschte die Deutsche in die Schlussrunde, dachte sich "Ach, die ist ja gar nicht so weit weg" - und kurze Zeit später hatte sie die Russin bereits eingeholt. Neuner strebte unaufhaltsam dem zweiten Gold entgegen - während Saitsewa und Neuners ebenfalls nach vorn stürmende Teamkollegin Simone Hauswald sich bis ins Ziel ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten.

In diesem Duell behielt Saitsewa die Oberhand, Uwe Müssiggang aber war dennoch hochzufrieden. "So sehen Champions aus", sagte der Frauen-Bundestrainer strahlend und lobte Neuner wie Hauswald in höchsten Tönen: "Beim letzten Schießen haben beide extrem gut gearbeitet." Die 30-jährige Hauswald, die bei ihren zweiten Olympischen Spielen ihre erste Medaille gewann, wusste schon am Morgen, was passieren würde. "Als ich aufgewacht bin, hatte ich ein richtig gutes Gefühl", erzählte die angenehm unaufgeregte Tochter einer Südkoreanerin und eines Schwaben, die sich entsprechend ans Werk machte: "Ich dachte mir einfach: Das ist dein Tag."

"Wie ein Schaf zum Schlachten"

Es war ihr Tag - und einmal mehr der von Magdalena Neuner. Die ohnehin nur dünne Aussicht, neben ihren überragenden sportlichen Auftritten auch mit den Gastgebern ins Reine zu kommen, hat die Doppel-Olympiasiegerin von Vancouver am Abend nach ihrem zweiten Gold allerdings ausgeschlossen. "Das heute war mein letztes Rennen hier in Whistler", verkündete Neuner in den Bergen oberhalb der Olympiastadt überraschend ihren Verzicht auf die abschließende Staffel, wünschte ihren Kolleginnen Kati Wilhelm, Andrea Henkel und Martina Beck, die nicht wie sie "schon zwei Goldmedaillen im Nachtschränkchen liegen haben" für Dienstag (20.30 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) alles Gute und prophezeite: "Ich bin sicher, dass wir dann alle gemeinsam feiern können."

Definitiv nicht eingeladen werden dazu die olympischen Volunteers im Whistler Olympic Park. Die blauen Jacken der freiwilligen Helfer sind für Magdalena Neuner in den letzten zehn Tagen zu einem roten Tuch geworden. "Als Sportler hat man hier das Gefühl, dass einem überhaupt kein Respekt mehr entgegengebracht wird", nannte Neuner einige Stunden nach ihrem Massenstart-Sieg einen Grund dafür, warum der Genuss bei ihr in Kanadas Wäldern noch nicht zu seinem Recht gekommen ist: "Wenn man ins Ziel kommt, wird man einfach am Arm gepackt, gezogen. Das finde ich wirklich unmöglich."

Ein Thema, bei dem sie sich gar nicht beruhigen wollte. "Wenn ich mich hier, verschwitzt wie ich bin, nach dem Rennen umziehen will, um nicht krank zu werden, gibt es bei den Leuten dafür überhaupt kein Verständnis. Man wird einfach oft grob behandelt", schimpfte Neuner - und Simone Hauswald ergänzte: "Das ist alles super kompliziert hier. Bei den Dopingkontrollen bekommt man einen Megatext vorgelesen, da ist es ganz egal, ob man zuhört oder nicht. Die würden auch gegen eine Wand reden. So etwas wie hier, das gab es noch nie. Da wird man teilweise nicht als Mensch behandelt."

Neuner kann es sogar noch deftiger. "Das ist schlimmer", zürnte sie, "als wenn ein Schaf zum Schlachten geführt wird." Immerhin: Ihre schöne neue Sonnenbrille hat ihr keiner der Rabauken in den blauen Jacken weggenommen.

insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
saul7 22.02.2010
1. ++
Zitat von sysopMagdalena Neuner krönt ihre Olympia-Leistung mit dem zweiten Biathlon-Gold - und verzichtet überraschend auf die Teilnahme an der Staffel. In die Siegesfreude mischt sich Ärger über raubauzige Olympia-Helfer: "Man wird behandelt wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird". http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,679377,00.html
Es war schon ein schöner Sieg der jungen Biathletin. Allerdings hatte sie wieder erhebliche Startschwierigkeiten, schoss anfangs einige Strafrunden und konnte dann durch Schiessfehler der Konkurrentinnen und durch eine gute Laufleistung den Sieg nach Hause fahren. Von einer "Lektion, die sie den Mitkonkurrentinnen erteilt haben soll", kann man allerdings nicht sprechen!!
spiegel-hai 22.02.2010
2. Glückwunsch
Zitat von sysopMagdalena Neuner krönt ihre Olympia-Leistung mit dem zweiten Biathlon-Gold - und verzichtet überraschend auf die Teilnahme an der Staffel. In die Siegesfreude mischt sich Ärger über raubauzige Olympia-Helfer: "Man wird behandelt wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird". http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,679377,00.html
nach weiteren, von anderen Athleten geäußerten Kritiken scheint gerade bei den Langlaufdisziplinen trotz angeblicher personeller "Nachbesserung" nicht die creme de la creme der Helfer bei den Wettkämpfen zu sein. War es nicht bei einem der Massenstarts, bei dem beispielsweise ein Läufer 16 Sekunden lang festgehalten und am Loslaufen gehindert worden war? Ansonsten meinen Glückwunsch an Neuner. Sie hat wieder einmal außergewöhnlichen Kampfgeist bewiesen.
Linguist, 22.02.2010
3. Kann ich mir vorstellen
Als in Vancouver Lebender kann ich die kritik sehr gut nachvolziehen. Eigenständiges Denken wie in Europa oder den USA ist unter kanadischen Angestellten und Volunteers leider ein Fremdwort, das wird einem schon in der Schule leider nicht mitgegeben. Immer schön brav wie ein Schaf an die Regeln halten.
ray4901 22.02.2010
4. Super Athletin
Zitat von sysopMagdalena Neuner krönt ihre Olympia-Leistung mit dem zweiten Biathlon-Gold - und verzichtet überraschend auf die Teilnahme an der Staffel. In die Siegesfreude mischt sich Ärger über raubauzige Olympia-Helfer: "Man wird behandelt wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird". http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,679377,00.html
ist sie ja, keine Frage. Alle 3 Medaillen hochverdient. Wo sie noch Luft nach oben hat: Spontaneität ist ja gut, aber die Art und Weise wie sie über die Funktionäre spricht (Schlachtbank) oder wie sie den Stab an ihre Teamkolleginnen für die Staffel übergibt (habe ja das Nachtkästchen voll) ist mindestens missverständlich. Wenn man praktisch Königin der Biathletinnen ist, ist Sanftmut und Nachsicht besser als Härte. Pechstein und Friesinger waren auch mal Königinnen. Wenn sie Ihre "Herrschaft" in Demut ausgeübt hätten, wären Sie jetzt besser dran.
frubi 22.02.2010
5. .
Zitat von sysopMagdalena Neuner krönt ihre Olympia-Leistung mit dem zweiten Biathlon-Gold - und verzichtet überraschend auf die Teilnahme an der Staffel. In die Siegesfreude mischt sich Ärger über raubauzige Olympia-Helfer: "Man wird behandelt wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird". http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,679377,00.html
Bitte was? Frau Neuner ist doch beim Zoll. Wenn man vom Zoll rausgewunken wird ist man auch ersteinmal verdächtig und die Beamten finden es doch immer wieder "richtig schade" wenn nichts gefunden wird. Scheinheiliger Mist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.