Eishockey-Talent Seider Den Style zeigt er erst beim Abendessen

Seine Interviews gab er lieber in Sneakern statt im Anzug. Trotzdem hat das deutsche Eishockey-Talent Moritz Seider die NHL beeindruckt. In Detroit kann der 18-Jährige jetzt zeigen, dass er ein Star ist - auf und neben dem Eis.

Moritz Seider tauscht auf der Bühne das Sakko gegen ein Trikot der Detroit Red Wings.
Jonathan Hayward/AP

Moritz Seider tauscht auf der Bühne das Sakko gegen ein Trikot der Detroit Red Wings.


Plötzlich war sie verschwunden, die übliche Lockerheit im Gesicht von Moritz Seider, die Souveränität, mit der Deutschlands größtes Eishockeytalent normalerweise seine Aufgaben meistert. Als Steve Yzerman, der Manager der Detroit Red Wings, am Freitagabend im kanadischen Vancouver Seiders Namen in ein Hallenmikrofon sprach, herrschte nicht nur bei Publikum und Reportern Verwunderung, auch Seider selbst hielt sich die Hände vor den Mund und atmete durch.

Dass er bei der NHL-Draft, der jährlichen Talentewahl der stärksten Eishockey-Liga der Welt, in der ersten Runde gezogen werden würde, war kein Geheimnis, zu gut hatte sich der große, aber mobile und kluge Verteidiger zuletzt entwickelt. Erst bei den Adlern Mannheim, mit denen er Deutscher Meister wurde, dann bei der Nationalmannschaft, mit der er das WM-Viertelfinale erreichte. Beides als Leistungsträger. Mit gerade mal 18 Jahren.

Doch dass die Red Wings ihn bereits an Nummer sechs zogen, obwohl diverse Toptalente aus Kanada, USA, Schweden oder Russland verfügbar waren, musste auch Seider erst mal verarbeiten: "Ich war geschockt, damit hab ich überhaupt nicht gerechnet, mein ganzer Körper hat gezittert", sagte er einige Minuten später, "ich habe zu meiner Mutter geschaut, und sie war so aufgeregt, es war ein unfassbarer Moment für meine ganze Familie."

Der Karriere wegen zog die Familie von Erfurt nach Mannheim

Die hat viel investiert in die Karriere des Sohns. Als vor vier Jahren deutlich wurde, dass ein derart herausragendes Talent in Erfurt sportlich nicht weiterkommt, zog die komplette Familie nach Mannheim. Dort gibt es die Jungadler, die deutsche Kaderschmiede für Nachwuchseishockey, bei der einst auch die heutigen NHL-Stars Leon Draisaitl und Dominik Kahun spielten.

Seider entwickelte sich auch dort zum Leistungsträger, war den anderen stets einen Schritt voraus und dominierte selbst ältere Mit- und Gegenspieler. Bereits mit 15 spielte er in der U19, mit 16 debütierte er bei den Adler-Profis, mit 17 wurde er Stammkraft beim Topteam der Liga. Parallel führte er die U20-Nationalmannschaft als Kapitän zur A-WM, nachher spielte er bei den Erwachsenen groß auf.

Das alles passierte unter strenger Beobachtung: Seit Monaten verging kein Spiel ohne NHL-Scouts auf der Tribüne. Detroit-Manager Yzerman flog gar persönlich nach Deutschland. Nervös machte das Seider nicht: "Er ist vom Kopf her weiter entwickelt als viele andere in seinem Alter", sagt Bundestrainer Toni Söderholm. Das zeigt sich auf dem Eis, wo Seider selbst unter Druck Ruhe und Übersicht behält. Und es zeigt sich außerhalb, wo er auf Deutsch wie Englisch druckreif spricht und nicht nur in Sportphrasen. Er kritisiert offen, ist selbstbewusst und hat Humor.

In Freizeitkleidung zum Interview

Mit dem verzückte er jüngst auch Reporter und Fans in Nordamerika: Beim "Draft Combine", bei dem die Talente aus aller Welt Leistungstests absolvieren und sich den 31 NHL-Teams vorstellen, war Seider nicht im Anzug, sondern in Freizeitkleidung und Sneakern zu den Interviews erschienen. Als einziger. Doch er moderierte das locker und lachend weg: "Wenn ich von den Teams zum Abendessen eingeladen werde, kann ich ihnen ja da meinen Style zeigen."

Die Dresscode-Anekdote hat ihm mehr geholfen als geschadet. Plötzlich war überall zu lesen, was dieser junge Deutsche doch für eine "Persönlichkeit" sei. Denn die öffentlichen Auftritte ihrer Hauptdarsteller sind seit einigen Jahren ein großes Thema in der NHL, die NFL (Football), NBA (Basketball) und MLB (Baseball) in Sachen Aufmerksamkeit und Umsatz deutlich hinterherhinkt. Viele sehen die Gründe auch in ihrer biederen Außendarstellung und ihrem konservativen Wertekanon.

Erst seit einigen Jahren gehen die Stars der Szene mehr aus sich heraus. Das kommt nicht bei jedem gut an, doch die Entwicklung scheint unaufhaltsam. Seiders Karriere dürfte das entgegenkommen.

Wie die weitergeht, ist noch nicht klar. Zunächst wird er am Trainingscamp der Red Wings teilnehmen. Danach könnte es aber wieder nach Mannheim gehen, der Gymnasiast würde gern die Schule fertig machen, ehe er dauerhaft nach Nordamerika zieht. Zeit für eine große NHL-Karriere ist danach noch genug.



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Faceoff 23.06.2019
1. Karriere
Ganz ohne Zweifel ein großes Talent und auch schon in jungen Jahren eine Persönlichkeit. Hoffentlich bleibt er von schweren Verletzungen verschont (bei der WM wurde er bereits Opfer eines hässlichen Fouls an der Bande) und behält die Bodenhaftung. Dann kann er eine große internationale Karriere machen.
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