Niederlage im NHL-Finale Randale statt Meisterfeier in Vancouver

Eigentlich wollte Vancouver Sportgeschichte schreiben, doch es wurde ein schändlicher Fleck in der Historie der Stadt. Die Anhänger der heimischen Canucks hatten die Niederlage im NHL-Finale nicht einfach so hinnehmen wollen - und richteten in der Innenstadt ein Chaos an.
Niederlage im NHL-Finale: Randale statt Meisterfeier in Vancouver

Niederlage im NHL-Finale: Randale statt Meisterfeier in Vancouver

Foto: ANTHONY BOLANTE/ REUTERS

Es sollte der größte Feiertag in der Geschichte von Vancouver werden, dieser 15. Juni 2011. Im 40. Jahr ihres Bestehens hatten die Canucks die große Chance, zum ersten Mal den Stanley Cup in der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL zu gewinnen. Ein Heimsieg gegen die Boston Bruins trennte das Team aus der Stadt der Olympischen Winterspiele 2010 und ihre mehr als 100.000 versammelten Fans beim Public Viewing noch vom großen Traum.

Doch letztlich gab es ein böses Erwachen für die Profis des Favoriten, die Anhängerschar und selbst die Polizei. Vancouver präsentierte sich als ganz schlechter Verlierer. Nicht etwa die Profis, die den Boston Bruins nach deren 4:0-Sieg im entscheidenden Spiel der Finalserie anerkennend die Hand schüttelten, sondern Hunderte von Krawallmachern.

Während der deutsche Nationalspieler Dennis Seidenberg mit seinen Bruins auf dem Eis umgeben von Freunden und Familie den ersten Titelgewinn des Traditionsclubs seit 1972 ausgiebig genoss, spielten sich auf der Georgia- und der Hamilton-Street unweit der Arena dramatische Szenen ab. Mit dem Schlusspfiff hatten um kurz vor 20 Uhr Ortszeit die Krawalle begonnen.

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Nach NHL-Finale: Canucks-Fans rasten aus

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Innerhalb von Sekunden ging auf der Georgia-Street das erste Auto in Flammen auf und die Fensterscheiben eines Geldinstitutes zu Bruch. Die Polizei wirkte anfangs sichtlich überfordert - genau das nutzten die Chaoten aus. Sie bewarfen die Beamten mit Steinen und allem, was ihnen in die Hände kam.

Hunderte Jugendliche zogen randalierend durch die Straßen, setzten Autos, darunter zwei Polizei-Pkw, in Brand. Mobile Toiletten-Häuschen wurden umgestoßen, Schaufenster-Scheiben eingeworfen. Fans rissen sich ihre Canucks-Trikots vom Leid und warfen sie ins Feuer - alles unter dem Gegröle von Hunderten Mitmenschen, von denen viele das Spektakel filmten oder fotografierten.

Die schlimmen Bilder brachten die Fernsehstationen live in die Welt hinaus und auch in die Umkleidekabine der Canucks. "Das ist schrecklich", sagte Vancouvers schwedischer Kapitän Henrik Sedin und schüttelte verständnislos den Kopf. Die klare Heimniederlage hatte ihm schon genug zugesetzt. Aber dieses Ausmaß an roher Gewalt war schlimmer als die knapp verpasste Titelchance. Diese Region, meinte Sedin, habe so vieles, auf das man stolz sein könne. Er sprach vom Team und seinen Spielern. Doch für die interessierte sich in den Straßen der Eishockey-verrückten Stadt längst niemand mehr.

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NHL-Meister Boston: Seidenberg und sein Titan

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Dabei hatten sie in der Pazifik-Metropole versucht, den ganzen Tag über genau dies zu verhindern. Und es deutete auch nichts darauf hin, dass es eine hässliche Nacht geben würde. Bereits Stunden vor Spielbeginn war die Innenstadt fürs Public Viewing weiträumig abgesperrt worden. Fröhliche Fans hatten extra ihre Arbeitsplätze früher verlassen oder sogar ganz vom Chef freibekommen - schließlich sollte Sportgeschichte geschrieben werden.

Ausschankverbot für Alkohol reicht nicht aus

Die Menschenmassen trafen sich in den Bars oder setzten sich bei knapp 20 Grad Celsius und Sonnenschein auf den Asphalt der Georgia-Street und der Hamilton-Street sowie des Robson-Square. Sie trugen Canucks-T-Shirts, Hüte, komplette Eishockey-Monturen oder kamen gar ganz als Vereinsmaskottchen "Fin", der Wal. Vancouver versprühte eine angenehme Mischung aus Anspannung und freudiger Erwartung. "This is what we live for" ("Dafür leben wir") war das Motto der Canucks in den Playoffs gewesen - zwei Monate waren auch die Fans wie im Rausch.

Ab 16 Uhr jedoch herrschte in der Innenstadt ein Ausschankverbot für Alkohol. Obwohl schon 17 Jahre zurück, waren die Erinnerungen an 1994 immer noch frisch. Damals hatten die Canucks in der siebten Partie der Finalserie bei den New York Rangers 2:3 verloren - die anschließenden Unruhen in Vancouver hatten der Stadt mehr als eine Million Dollar gekostet, 200 Menschen wurden verletzt. "So etwas wird es nicht noch einmal geben", hatte Vancouvers Polizeichef Jim Chu im Vorfeld immer wieder betont. Er hatte auf die guten Erfahrungen während der Winterspiele verwiesen, als die Stadt genauso voller Eishockey-Freaks war, wie jetzt auch. Aber im Februar 2010 hatte sich für die Kanadier der Traum vom Titel erfüllt - diesmal hingegen wurde daraus ein Trauma.

"Es ist bedauernswert, dass eine kleine Anzahl von Leuten mit kriminellen Aktivitäten Teile der Innenstadt zerstört und sich Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert hat", sagte Bürgermeister Gregor Robertson noch am Abend in einer ersten Stellungnahme. Die Polizei hatte da längst Tränengas und Pfefferspray eingesetzt - so sehr, dass an einigen Straßenecken das Atmen nahezu unmöglich war.

Offiziellen Angaben zu Folge wurden mindestens 57 Personen ärztlich versorgt - die meisten von ihnen, weil sie mit Reizgas und Pfefferspray in Berührung kamen. Im St.-Pauls-Hospital wurden zudem zahlreiche Schnittwunden und Knochenbrüche behandelt. Die Polizei teilte mit, dass zweieinhalb Stunden nach Spielende bereits ein Dutzend Personen verhaftet waren. Die Krawalle hielten bis spät in die Nacht an, an diesem Tag, der eigentlich ein Feiertag hätte werden sollen.

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