Carina Vogt bei der Nordischen Ski-WM »Ich kämpfe für die gesamte Sportart«

In Oberstdorf feiern die Skispringerinnen Premiere von der Großschanze. Hier spricht Olympiasiegerin Carina Vogt über ihr Comeback nach zweijähriger Verletzungspause und Fortschritte im Springen der Frauen.
Ein Interview von Marcus Krämer
Carina Vogt beim Training am Rumpfkraftgerät (Archivfoto)

Carina Vogt beim Training am Rumpfkraftgerät (Archivfoto)

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Hendrik Schmidt / picture alliance / Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

SPIEGEL: Frau Vogt, Sie sind Spezialistin für Großereignisse im Skispringen. Bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften haben Sie insgesamt sechs Goldmedaillen gewonnen. Nun haben Sie es nach langer Verletzung erneut zur WM geschafft. Müssen Sie aufpassen, dass die Erwartungen nicht zu groß werden?

Vogt: Ich muss mich nicht bremsen, weil ich sehr realistisch an die Sache herangehe. Mein Blickwinkel hat sich durch die Verletzung verändert. Ich weiß, wo ich herkomme. Mir fehlen so viele Sprünge und Trainingseinheiten.

SPIEGEL: Sie mussten fast zwei Jahre im Weltcup pausieren. Wie war das, als Sie vor einem Monat in Slowenien Ihre Rückkehr gefeiert haben?

Vogt: Am Abend davor war ich erst mal schockiert. Auf der Startliste standen 80 Teilnehmerinnen und ich wusste nicht mal, ob ich die Qualifikation überstehe. Aber dann habe ich mich erstaunlich schnell wieder eingefunden.

Zur Person
Carina Vogt

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Carina Vogt, 29, ist eine deutsche Skispringerin. Im Weltcup konnte sich bisher zwei Siege im Einzel feiern, dafür war sie bei Großereignisse häufig in Topform. Vogt gewann 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi die erste Goldmedaille in der Geschichte ihrer Sportart. Bei den Weltmeisterschaften 2015 und 2017 sicherte sich Vogt sowohl im Einzel als auch im Mixed-Team jeweils den Titel, 2019 gewann sie WM-Gold bei der Premiere im Teamspringen. Im Sommer 2019 riss sie sich das Kreuzband und konnte fast zwei Jahre keinen Wettkampf bestreiten. In Oberstdorf tritt Vogt zum fünften Mal bei einer WM an.

SPIEGEL: Waren Sie zufrieden?

Vogt: Jein. Ich bin auf dieser Schanze schon mal besser gesprungen. Mein Ziel war es aber, in die Punkte zu springen und das habe ich sofort geschafft.

SPIEGEL: Nach Ihrem Kreuzbandriss 2019 standen Sie ein Jahr später bereits einmal kurz vor der Rückkehr, dann kamen zwei weitere Verletzungen. Wie haben Sie den Fokus beibehalten?

Vogt: Es war eine harte Zeit. Vor allem bei der Zyste im Knie habe ich mich gefragt, warum es gerade mich wieder trifft. Aber ich hatte davor den Spaß am Skispringen wiedergefunden – und über allem stand die Heim-WM in Oberstdorf als großes Ziel.

SPIEGEL: Welche Rolle hat Bundestrainer Andreas Bauer bei Ihrem Kampf gespielt?

Vogt: Ich habe sehr großes Vertrauen gespürt. Unsere Sportlerin-Trainer-Beziehung hat schon einiges auf dem Buckel und wir wissen, was wir aneinander haben. Er hat sich teilweise fast zu viel nach mir erkundigt.

WM-Training in Oberstdorf 2021: Carina Vogt in der Anlaufspur

WM-Training in Oberstdorf 2021: Carina Vogt in der Anlaufspur

Foto: Daniel Karmann / picture alliance/dpa

SPIEGEL: Sie haben schon nach Ihrem ersten WM-Titel 2015 das besondere Verhältnis zu Bauer betont. Was steckt dahinter?

Vogt: Wir hatten nicht den besten Start. Als er als Bundestrainer angefangen hat, hatte ich eine längere Pause eingelegt und konnte mich nicht im besten körperlichen Zustand präsentieren. Er musste sich auch erst mal einfinden in die Arbeit mit einem Frauen-Team. Aber er hat schnell gesehen, dass ich etwas draufhabe und hat mich in meinem Weg bestärkt.

SPIEGEL: Was überwiegt bei Ihnen – die Vorfreude, in Oberstdorf erstmals bei einer WM von der Großschanze springen zu dürfen oder der Ärger, noch keine Vierschanzentournee als Springerin erlebt zu haben?

Vogt: Die Tournee ist natürlich immer im Hinterkopf. Das Warten zeigt aber, dass unsere Sportart immer noch Entwicklungspotenzial hat. Man darf aber nicht vergessen, dass wir in den vergangenen Jahren viele Fortschritte erzielt haben. Vor zwei Jahren bei der WM gab es erstmals ein Teamspringen, nun kommt die Großschanze hinzu. Es geht voran.

SPIEGEL: Aber es gibt weiterhin kritische Stimmen.

Vogt: Wir Springerinnen sind dafür verantwortlich, unsere Sportart voranzubringen. Wenn wir immer zufrieden sind mit dem, was wir haben, wird es keine Entwicklung geben. Wir müssen auf der Großschanze guten Sport zeigen, dann werden die Stimmen wieder etwas leiser.

SPIEGEL: Werden Sie eine Vierschanzentournee als aktive Springerin erleben?

Vogt: Jetzt wollen Sie mir doch entlocken, wie lange ich noch springen werde. Ich denke, es wird schwierig, aber die Hoffnung lebt. Ich kämpfe jedoch nicht nur für mich, sondern für die gesamte Sportart im Allgemeinen. In den kommenden ein, zwei Jahren wird es sicherlich noch keine Tournee für Frauen geben.

»Es hat uns – im Vergleich zum Kalender der Männer – hart getroffen. Ich hoffe, dass es eine Ausnahmesaison bleibt.«

SPIEGEL: Ist diese Corona-Saison mit diversen abgesagten Weltcup-Springen ein Rückschlag in dem Bemühen um mehr Anerkennung?

Vogt: Es hat uns – im Vergleich zum Kalender der Männer – hart getroffen. Ich hoffe, dass es eine Ausnahmesaison bleibt.

SPIEGEL: Welche Ziele setzen Sie sich für die WM?

Vogt: Ich will in meinem Rahmen sehr gut Skispringen, so wie es mir beim Weltcup in Hinzenbach schon gelungen ist. Ich hoffe auf einen Einsatz im Teamspringen. Und wenn ich oben auf der Großschanze stehen werde, wird mein Grinsen ganz schön groß sein.

SPIEGEL: Die Spitze im Skispringen ist breiter geworden. Wie haben Sie das bei Ihrem Comeback wahrgenommen?

Vogt: Ich habe mich gefreut, das ist doch total cool für unsere Sportart. Ich erwarte sehr enge Wettkämpfe in Oberstdorf.

Vogt bei der Qualifikation für den WM-Wettbewerb von der Normalschanze in Oberstdorf

Vogt bei der Qualifikation für den WM-Wettbewerb von der Normalschanze in Oberstdorf

Foto: Daniel Karmann / dpa

SPIEGEL: Wie hat sich das Skispringen in Ihrer Abwesenheit weiterentwickelt?

Vogt: Der Sprungstil verändert sich über die Jahre schon ein wenig, das hat oft mit dem Material zu tun. Das war auch für mich die größte Veränderung, ich musste mich erst mal an die neuen Keile und die veränderten Anzüge gewöhnen. Insgesamt kann man aber sagen, dass sich die Frauen dem Männer-Skispringen angenähert haben.

SPIEGEL: Die symmetrischen Keile wurden vor allem eingeführt, um die Häufigkeit von Knieverletzungen im Skispringen zu verringern. War Ihr Kreuzbandriss auf die Keil-Problematik zurückzuführen?

Vogt: Grundsätzlich ist es wichtig, die Landungen wieder sicherer zu machen. Ich kenne aktuell keine Statistik, aber die Keile sind ein Schritt in die richtige Richtung. Bei meiner Verletzung lag es eher nicht an den Keilen, da war auch viel Pech dabei.

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