Stadionsprecher bei der Nordischen Ski-WM Für wen kommentiert man, wenn keine Fans da sind?

Bei der WM in Oberstdorf sind keine Zuschauer erlaubt. Hier erzählt Stadionsprecher Jens Zimmermann, warum er die Wettkämpfe trotzdem emotional kommentiert – das Fehlen des Publikums aber auch hörbar sein soll.
Ein Interview von Marcus Krämer
In Oberstdorf sind keine Zuschauer zugelassen, also setzen die Veranstalter auf ein sogenanntes »Papplikum«

In Oberstdorf sind keine Zuschauer zugelassen, also setzen die Veranstalter auf ein sogenanntes »Papplikum«

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Frank Hoermann / Sven Simon / picture alliance

Jens Zimmermann sitzt auf der Tribüne des Langlauf-Stadions in Oberstdorf. Bei 15 Grad Außentemperatur und strahlendem Sonnenschein will sich kein Wintersport-Gefühl einstellen. In wenigen Minuten beginnt der Einzelwettbewerb der Damen über 10 Kilometer. Zimmermann wird dann alle 88 Starterinnen namentlich vorstellen, am Ende läuft die Norwegerin Therese Johaug zu ihrer zweiten Goldmedaille. Der 48 Jahre alte Zimmermann ist ein erfahrener Hallen- oder Stadionsprecher, die Nordische Ski-WM ist nicht seine erste Veranstaltung ohne Publikum – und trotzdem etwas Besonderes für ihn.

SPIEGEL: Herr Zimmermann, für wen kommentieren Sie die Wettkämpfe hier in Oberstdorf eigentlich?

Zimmermann: Für die Athletinnen und Athleten. Wir versuchen mit unserem Team, für die Sportler das Umfeld einer normalen Weltmeisterschaft zu schaffen, nur die Zuschauer sitzen nicht auf der Tribüne. Was wir bewusst nicht machen, ist Zuschauersound einzuspielen.

Zur Person
Jens Zimmermann

Jens Zimmermann

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Jens Zimmermann, 48, ist als Stadion- und Hallensprecher bei vielen Sportveranstaltungen tätig. So war er bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver und Sotschi im Einsatz, er moderierte weitere Wintersportveranstaltungen und ist als Hallensprecher des TVB Stuttgart im Handball verwurzelt. Im Hauptberuf arbeitet der frühere Geschäftsführer des Fußballklubs Stuttgarter Kickers in seiner Agentur als Athletenmanager, Zimmermann betreut unter anderem den Turner Marcel Nguyen oder den Nordischen Kombinierer Johannes Rydzek.

SPIEGEL: Eine Ausnahme von dieser Regel gibt es aber schon.

Zimmermann: Im Langlauf-Stadion spielen wir beim Zieleinlauf ein ganz leichtes Zuschauerrauschen ein, aber nicht im übertriebenen Maße. Das würde unserem Sportlerherz widersprechen. Fans darf man nicht durch einen Soundfile ersetzen. Das hat etwas mit Respekt zu tun. Das Fehlen darf man durchaus auch spüren.

SPIEGEL: War das Ihre Entscheidung?

Zimmermann: Das haben wir gemeinsam mit dem Organisationskomitee entschieden. Das passt besser zu Oberstdorf, als wenn wir eine fiktive Party rüberbringen.

SPIEGEL: Ihre Rolle ist am Sportler orientiert und nicht am TV-Zuschauer?

Zimmermann: Die Produktion von Sportveranstaltungen ist in normalen Zeiten für die Zuschauer vor Ort und jetzt in überwiegendem Maß für die Wettkämpfer. Eigentlich soll es ja so sein: Der Funke springt vom Sport über auf die Zuschauer und dann springt er wieder zurück. Das fällt nun leider komplett weg.

Jens Zimmermann (r.) bei der Vierschanzentournee 2018/2019 im Interview mit Skispringer Severin Freund

Jens Zimmermann (r.) bei der Vierschanzentournee 2018/2019 im Interview mit Skispringer Severin Freund

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Fotostand / Weller / imago images

SPIEGEL: Ohne Leidenschaft kommen Sie aber nicht aus.

Zimmermann: Manche wundern sich schon, warum ich so emotional reagiere, wenn doch niemand auf der Tribüne sitzt. Wenn ich Skispringen vor 25.000 Leuten moderiere und ich sie zum Mitmachen animieren kann, ist das schon mit der schönste Aspekt an meiner Arbeit. Hier in Oberstdorf ist es nun mal anders, aber ich konnte mich auch lange darauf vorbereiten.

SPIEGEL: Sie waren im Januar bei der Handball-WM in Ägypten und haben schon Erfahrung ohne Zuschauer. Ist Ihre Arbeit langweiliger geworden?

Zimmermann: Ich denke darüber nicht nach. Ich gehe ganz normal an die Sache heran und blende die fehlenden Zuschauer aus, wenn ich meine Sprecherkabine betrete. Auch in der Vorbereitung gibt es keinen Unterschied. Ich gebe die gleichen Informationen über die Sportler weiter, egal ob da 20.000 Zuschauer sitzen oder 100 Volunteers.

SPIEGEL: Musik gehört vor allem zum Skispringen dazu. Darauf verzichten Sie nicht.

Zimmermann: Oberstdorf geht da schon länger einen Mittelweg. Sicher werden hier auch Aprés-Ski-Hits gespielt, aber – anders als beispielsweise in Innsbruck oder Bischofshofen bei der Vierschanzentournee – hat Oberstdorf normalerweise auch sehr viel Fachpublikum, die den Partycharakter nicht überproportioniert haben wollen. Wir mussten nun zur WM vor allem unser Vor- und Pausenprogramm anpassen, aber bei der Musik gibt es tatsächlich keinen großen Unterschied.

SPIEGEL: Zum Skispringen gehört auch das langgezogene »Zieh« der Zuschauer. Müssen Sie sich kontrollieren, um da nicht in eine Ersatzrolle reinzurutschen?

Zimmermann: Das ist mir noch nicht passiert – und das ist auch eine bewusste Entscheidung. Denn, wie Sie es sagen, das machen die Zuschauer. Beim »Zieh« halte ich mich auch in Nicht-Corona-Zeiten zurück. Was ich mache, ist das »Oh« in der Anlaufspur, aber dann muss das Publikum übernehmen. Das mache ich jetzt bei der WM auch, aber nach dem Absprung bin ich ruhig. Ich habe gehört, dass Kollegen bei anderen Springen das »Zieh« bis zur Landung durchgezogen haben, das fand ich als TV-Zuschauer aber eher anstrengend.

SPIEGEL: Gab es bei der WM auch mal Situationen, in denen Sie sich bremsen mussten?

Zimmermann: Beim Sieg von Therese Johaug im Skiathlon habe ich die Volunteers auf der Tribüne aufgefordert, aufzustehen und Johaug einen gebührenden Zieleinlauf zu bereiten. Da wurde ich danach von der Stadionsicherheit aufgefordert, dies bitte zu unterlassen. Denn die Volunteers dürfen sitzen und klatschen, aufstehen sollen sie dabei laut Hygienekonzept aber nicht.

Hinter dem »Papplikum« sitzen auf den Tribünen in Oberstdorf häufig Volunteers, die zumindest ein wenig Stimmung verbreiten

Hinter dem »Papplikum« sitzen auf den Tribünen in Oberstdorf häufig Volunteers, die zumindest ein wenig Stimmung verbreiten

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Daniel Karmann / dpa

SPIEGEL: Stadionsprecher haben etwas von Entertainern. Wie stark ist Ihr Verlangen, sich in den Vordergrund zu rücken?

Zimmermann: Es geht um Infotainment und nicht im Entertainment. Mir ist wichtig, dass sich die Leute an mich erinnern, weil sie sich gut informiert gefühlt haben. Wenn sie sich an mich erinnern würden, weil ich einen Hut aufhätte oder eine extravagante Hose tragen würde, dann wäre das für mich kein Qualitätsmerkmal.

SPIEGEL: Was ist Ihnen noch wichtig?

Zimmermann: Ich würde nie Witze über Sportler machen oder gar von Exoten sprechen, wenn Athleten aus Andorra, Tansania oder Ecuador antreten. Die haben sich qualifiziert und leben ihren Traum.

SPIEGEL: Das WM-Maskottchen Nordi hat vor leeren Rängen einen schwierigen Job.

Zimmermann: Ich bin grundsätzlich ein großer Freund von Maskottchen – wenn die Person, die drinsteckt, weiß, was sie tut. Das ist Entertainment und kann hilfreich sein. Hier war es so, dass das Kostüm produziert war. Aber es gibt Volunteers, es gibt Sportler, es soll ja auch Journalisten geben, die Fotos mit Nordi machen. Er gehört dazu.

SPIEGEL: Oberstdorf ist eine Heim-WM. Wie stehen Sie zu parteiischer Unterstützung von deutschen Athleten?

Zimmermann: Bis zu einem gewissen Maß ist das legitim und auch normal. Das wird in anderen Ländern auch so gemacht. Fair Play ist jedoch auch hier das oberste Gebot, aber wir dürfen einem deutschen Sportler durchaus ein Heimatgefühl vermitteln.

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