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18. Februar 2009, 17:08 Uhr

Nordische Ski-WM

"Volle Attacke"

Große Erwartungen: Mindestens sechs Medaillen will DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller von der Nordischen Ski-WM in Liberec mit nach Hause nehmen. Der Druck auf die Skispringer, Kombinierer und Langläufer ist somit groß. Letztere belastet dabei ein Trainerstreit.

Hamburg - Die Stimmung im deutschen Lager ist vor dem Start der Nordischen Ski-WM am Donnerstag erwartungsvoll gespannt. "Wenn wir insgesamt sechs bis acht Medaillen gewinnen, liegen wir im Plan für Olympia 2010", sagte Sportdirektor Thomas Pfüller. Er erwarte von dem 29-köpfigen deutschen Rekordaufgebot in jeder der drei Sparten Kombination, Langlauf und Skispringen Edelmetall.

Kombinierer Ackermann: "Ich fühle mich gut"
REUTERS

Kombinierer Ackermann: "Ich fühle mich gut"

Den Anfang für die Medaillenjagd soll Titelverteidiger Ronny Ackermann geben. "Ich fühle mich gut, mit der Schanze kann ich mich anfreunden", sagte der viermalige Kombinierer-Weltmeister vor der WM-Premiere des Massenstarts: "Die Devise heißt volle Attacke." Ackermann hatte sich jedoch jüngst mit einem Virus herumgeplagt, deshalb herrscht Ungewissheit um seine Form. "Bei Ronny steht noch immer ein Fragezeichen hinter seiner Leistungsfähigkeit", sagte Bundestrainer Hermann Weinbuch. Im Sprungtraining zeigte er nach einem verkorksten ersten Durchgang (76,5 Meter) einen guten zweiten Sprung (92,5 Meter). Eric Frenzel (96 und 96,5 Meter) war der beste Deutsche, Björn Kircheisen (92 und 87,5 Meter) dürfte vor allem mit seinem ersten Versuch zufrieden gewesen sein.

Unabhängig von den Ergebnissen bei der Rekordzahl von 20 Entscheidungen in Tschechien werden die drei Bundestrainer Werner Schuster (Skispringen), Hermann Weinbuch (Kombination) und Jochen Behle (Langlauf) ihre Position mindestens bis zu den Olympischen Spielen in einem Jahr behalten. "Die drei bleiben auf alle Fälle, mit ihnen gehen wir Vancouver an", sagte Pfüller.

Trainerzoff im Langlauf-Lager

Neben den Kombinierern erwartet der Sportdirektor besonders von den Langläufern Top-Ergebnisse. Titelverteidiger Axel Teichmann und Tobias Angerer haben in dieser Saison bereits Weltcups gewonnen. "Die beiden können uns bei der WM sehr viel Freude bereiten", sagt Langlauf-Bundestrainer Behle.

Als Ziel hat er nur drei Medaillen ausgegeben - von den Herren. An eine Medaille bei den Damen zu glauben, sei "tollkühn". Deren Coach Ismo Hämäläinen sorgte mit der Nichtnominierung der Skilanglauf-Olympia-Zweiten Claudia Nystad und Evi Sachenbacher-Stehle für das 10-Kilometer-Klassikrennen am Donnerstag für die erste WM-Überraschung. Sie sollen für die Doppelverfolgung am Samstag geschont werden. Lediglich Stefanie Böhler und Katrin Zeller werden an den Start gehen. Behle kritisierte die Entscheidung: "So kann ich mich nicht damit anfreunden. Aber Ismo hat die Verantwortung und muss selbst entscheiden." Der 48-Jährige wirft dem Finnen zudem vor, von der schwächelnden Olympia-Zweiten Claudia Nystad keine klare Linie einzufordern. Diese würde auf zu viele Berater hören.

Die Schwedin Britta Norgren ist derweil als erste Skilangläuferin mit einem überhöhten Hämoglobinwert aufgefallen und mit der üblichen Schutzsperre von fünf Tagen belegt worden.

Team-Medaille bei den Skispringern das Ziel

Die größten Medaillen-Hoffnungen ruhen auf den Skispringerinnen. Ulrike Gräßler und Anna Häfele, die beide in diesem Jahr schon auf Platz 1 geflogen sind, gehören am Freitag zu den Top-Favoriten, wenn erstmals WM-Gold vergeben wird. Im ersten Training, zeigten sie sich in guter Form. Häfele landete mit einer Weite von 97 Metern auf dem zweiten Platz, Gräßler (94,5 Meter) auf dem dritten. Erste wurde die Französin Coline Mattel (99 Meter). Der Durchgang mit 37 Starterinnen dauerte wegen widrigen Bedingungen mit Schnee und Wind über zwei Stunden. "Mit unseren Leistungen bin ich sehr zufrieden, zumal wir noch nicht alles ausgepackt haben", sagte Frauen-Chefcoach Daniel Vogler. Von ursprünglich sechs geplanten Trainingsdurchgängen fand nur dieser eine statt.

Nicht ganz so gut sind die Chancen bei Martin Schmitt und Co., die sich bis auf ihren Vorflieger am Dienstag mit einem Sondertraining den letzten Schliff vor der WM holten. "Wir wollen im Team die Medaille gewinnen. Und wenn Martin im Einzel auf dem Podest landet, dann würde ich einen Jubelschrei loslassen", sagte Pfüller. Er erwarte eine ordentliche WM, obwohl Organisationsmängel, horrende Hotelpreise und eine Diebstahlserie vor den Titelkämpfen für Negativschlagzeilen sorgte. Erst eine Finanzspritze von sieben Millionen Euro von der tschechischen Regierung rettete die Organisatoren vor der Pleite.

Dopingtest auf neue Substanzen

Der internationale Ski-Verband Fis kündigte an, in Liberec bei seinen Dopingkontrollen auch nach Epo der neuen Generation zu suchen. "Wir testen nach den neuesten Methoden auf alle Substanzen. Bei Verdachtsfällen wird extra nachgeforscht", sagte Generalsekretärin Sarah Lewis. Mit Blick auf die großen Langlauf-Dopingskandale bei der WM 2001 und Olympia 2002 erklärte die Britin, dass der Verband vor Höhepunkten wie Liberec besonders wachsam sei: 'Wenn man sieht, was im Biathlon passiert, macht man sich natürlich Sorgen. Die Einstellung, die manche Athleten oder Mannschaften haben, ist tödlich für den Sport."

Vor Beginn der WM werden Blutproben von allen Langläufern und Kombinierern genommen. Die 450 Kontrollen werden von der eigens vom Verband beauftragten Agentur PWC durchgeführt. Nach den Wettkämpfen nimmt die tschechische Anti-Doping-Agentur die Tests vor. Nach den Regeln der Fis werden nach jeder Entscheidung die Top vier sowie zwei zusätzlich ausgewählte Athleten getestet. Außerdem wurden in den vergangenen beiden Wochen in Zusammenarbeit mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) 78 Urin-Proben auf Epo getestet sowie 430 Blutproben genommen und analysiert

kna/sid/dpa

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