Not-OP Skiprofi Lanzinger kämpfte ums Überleben

Not-Operation bei Skirennläufer Matthias Lanzinger: Wegen drohender Lebensgefahr musste der Österreicher erneut unters Messer. Dabei wurde ihm der Unterschenkel amputiert. Inzwischen geht es Lanzinger besser.


Oslo - "Wegen akuter Verschlechterung der allgemeinen Situation und drohender Lebensgefahr war eine sofortige Operation notwendig", sagte Gefäßspezialist Thomas Hölzenbein: "Es wurde eine Unterschenkel-Amputation durchgeführt, und der Allgemeinzustand von Matthias Lanzinger hat sich dadurch deutlich gebessert. Derzeit besteht keine akute Lebensgefahr." Der Zustand sei aber " insgesamt nach wie vor kritisch". Bereits in der Nacht zum Dienstag war Lanzinger operiert worden. Trotz des mehrstündigen Eingriffs konnte die Durchblutung im linken Bein nicht mehr hergestellt werden. Deshalb war eine Amputation unter dem Knie nötig geworden.

Lanzinger war am Sonntag beim Super G im norwegischen Kvitfjell schwer gestürzt und hatte sich einen offenen Schien- und Wadenbeinbruch zugefügt. Daraufhin war er in die Hauptstadt Oslo gebracht worden, wo er operiert und wegen Gefäßverletzungen in ein künstliches Koma versetzt worden war.

"Wenn im Kniegelenksbereich oder im Unterschenkelbereich die Knochen brechen, können sich Splitter direkt in die Schlagadern, in die Venen hinein bohren und sie dadurch aufspießen, zertrennen oder zerreißen", erklärte der österreichische Gefäßchirurg Peter Polterauer der "Kronen Zeitung". Gelange dann kein sauerstoffreiches Blut mehr in den Fuß und in die Zehen, sterbe das Gewebe unterhalb der Verletzung - also hier im Unterschenkel - innerhalb von sechs Stunden ab, so Polterauer. Lanzinger lag etwa sechs Stunden nach seinem Unfall auf dem Operationstisch des Ullevål-Krankenhauses in Oslo.

Neben dem Bruch erlitt er Abschürfungen im Gesicht. Es ist bereits Lanzingers zweite schwere Verletzung in dieser Saison. Mitte November hatte er sich bei einem Sturz im Super-G-Training in Sun Peaks einen Mittelhandknochen gebrochen.

Kritik am Internationalen Skiverband

Österreichische Medien kritisierten mittlerweile den Internationalen Skiverband (Fis) wegen der fehlenden schnellen Erstversorgung im Weltcup. Trotz des schweren Unfalls hatten die Organisatoren keinen Rettungshubschrauber bereitgestellt. Es musste in einem Touristenhubschrauber eine Sitzbank entfernt werden, um Lanzinger nach Lillehammer und später nach Oslo fliegen zu können.

Der Österreichischen Skiverband (ÖSV) erwägt wegen des verzögerten Abtransportes von Lanziger sogar rechtliche Schritte einzuleiten. "Jeder Läufer weiß, dass es ein Restrisiko gibt. Aber dass man nach einem Beinbruch sein Bein verliert, ist unvorstellbar", sagte der geschockte ÖSV-Alpinchef Hans Pum.

Amputation war "unvermeidlich"

Der norwegische Chirurg Chefchirurg Lars Engebretsen hat die Amputation allerdings auch bei einem anderen Verlauf nach dem Unfall als "unvermeidlich" eingestuft. "Entscheidend war der Umfang der Schäden. Und der fiel wegen der sehr hohen Geschwindigkeit sehr, sehr groß aus", sagte der Arzt der Nachrichtenagentur NTB.

Für Österreichs Skistar Hermann Maier ist "die Tragik der Geschehnisse unfassbar. Momentan durchlebe ich noch einmal die Folgen meines Unfalls 2001 und stelle fest, dass ich mit Matthias mehr leide als damals unter meinem Los", erklärte Maier. Der 35-Jährige hatte sich vor sieben Jahren bei einem Motorradsturz neben zahlreichen Verletzungen auch einen offenen Unterschenkelbruch im rechten Bein zugezogen. Lanzingers Freund und Zimmerkollege Georg Streitberger, der am Sonntag seinen ersten Weltcup-Sieg feierte, war ebenfalls fassungslos: "So wollte ich nicht gewinnen."

In dieser Saison hatte es bereits einige schwere Stürze im alpinen Weltcup gegeben. Aksel Lund Svindal aus Norwegen, Gesamtweltcupsieger des vergangenen Winters, hatte im Training für die Abfahrt in Beaver Creek (USA) Ende November 2007 eine tiefe Schnittwunde in der Leistengegend sowie schwere Gesichtsverletzungen erlitten und seitdem kein Rennen mehr bestritten.

Glück im Unglück hatte der US-Amerikaner Scott Macartney bei einem Horror-Sturz auf der berüchtigten Streif in Kitzbühel. Die Ärzte stellten bei dem Olympia-Teilnehmer von 2002 und 2006 ein " isoliertes Schädel-Hirn-Trauma" fest. Der Abfahrtsspezialist war deshalb eine Nacht in einem künstlichen Koma gehalten worden, am nächsten Tag aber schon wieder ansprechbar. In der vergangenen Woche hatte sich der Deutsche Stephan Keppler beim Abfahrts-Training im norwegischen Kvitfjell einen Kreuzbandriss zugezogen. Der 25-Jährige fällt rund sechs Monate aus.

Obwohl der Internationale Skiverband Fis vor der Saison durch eine Regeländerung vermeintlich sicherere Ski (weniger Taillierung, niedrigere Standhöhe) hat bauen lassen, haben sich in diesem Winter schon mehr als 30 Sportler zum Teil schwer verletzt.

pav/dpa/sid



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