Enttäuschung bei deutschen Biathleten "Neun Nachlader sind einfach zu viel"

Der Auftritt der deutschen Biathleten in Sotschi ist erschreckend schwach. In der Mixed-Staffel hatte sich Bundestrainer Uwe Müßiggang Hoffnungen auf eine Medaille gemacht - und wurde enttäuscht. Ole Einar Bjørndalen hat dagegen Historisches geleistet.

DPA

Aus Krasnaja Poljana berichtet


Emil Hegle Svendsen hatte seinen Job getan, und so konnte der Biathlet aus Norwegen es gemächlich angehen lassen auf seinen letzten Metern im Laura-Biathlonzentrum. Svendsen lächelte, er winkte ins Publikum, setzte ein paar letzte kräftige Stockschübe in den Schnee - dann hatte er vollendet, was Tora Berger, Tiril Eckhoff und Ole Einar Bjørndalen so glänzend begonnen hatten: Gold für Norwegen in der bei Olympia erstmals ausgetragenen Mixedstaffel. Und, nicht minder bedeutend, vor allem für die Geschichtsbücher: Das achte Gold für Bjørndalen in seiner Olympia-Karriere.

Svendsen war sich der Größe des Augenblicks sogleich bewusst. "Wir haben heute Geschichte geschrieben", sagte er mit einem lächelnden Blick auf den neben ihm sitzenden Bjørndalen - und war diesem damit ein Stück voraus. Was er geleistet habe, könne er noch nicht begreifen, sagte Bjørndalen: "Während der Wettkämpfe kann man das nur schwer realisieren."

"Das erlebt man nie wieder"

Acht olympische Goldmedaillen. Viermal Silber, einmal Bronze. Bjørndalen ist jetzt der erfolgreichste Olympionike in der Geschichte der Winterspiele, er übertrumpfte seinen Landsmann Björn Dæhlie. "Es ist ein Traum", sagte Bjørndalen. Er war darum bemüht, zu beschreiben, was in ihm vorging: "Es ist ein wunderbares Gefühl. Das erlebt man nie wieder. Ich bin unheimlich stolz."

Die deutschen Biathleten waren davon weit entfernt. "Wir haben uns mehr ausgerechnet. Wir wollten eine Medaille, aber neun Nachlader sind einfach zu viel", sagte Bundestrainer Uwe Müßiggang nach dem enttäuschenden vierten Platz der DSV-Athleten.

43,1 Sekunden trennte die Deutschen am Ende von Bronze, 1:41,3 Minuten waren es auf Norwegen. Der Arbeitsauftrag war deutlich definiert gewesen: Die zuvor gezeigten Schwächen eines jeden Einzelnen sollten im Kollektiv kompensiert werden. Ganz neu ist das nicht. Auch bei vergangenen Großereignissen mussten die Staffeln immer mal wieder die deutsche Erfolgsbilanz aufhübschen.

Allerdings hatte die Sache einen Haken, den Frauen-Trainer Ricco Groß bereits vor dem Rennen so beschrieben hatte: "Vier gute Frauen oder Männer haben nicht alle Länder. Aber jeweils zwei können viele Nationen aufbieten." Entsprechend breit aufgestellt war das Feld der Favoriten, gleich deren sechs nannte die sogenannte Fact Box, eine Art Kurzvorschau, die das Organisationskomitee vor den jeweiligen Rennen verteilt: Norwegen, Frankreich und Tschechien standen auf der Liste der Medaillen-Kandidaten ganz oben, gleich darunter Italien, Slowenen und Russland. Deutschland? Fand keinerlei Erwähnung, nicht einmal im Kleingedruckten.

Probleme beim Schießen, Probleme in der Loipe

Das zeigt, welchenKredit die deutschen Biathleten in den Einzelrennen von Sotschi verspielt haben. Dass die Mixed-Staffel davon nichts würde zurückgewinnen können, deutete sich bald schon an: Zwei Mal zwei Fehlschüsse häufte gleich zum Auftakt Evi Sachenbacher-Stehle an. Als Achte, mit einem Rückstand von 32 Sekunden, übergab sie an Laura Dahlmeier. Die 19-Jährige zeigte sich mit einem Nachlader am Schießstand durchaus auf der Höhe der Zeit, nicht aber auf der schweren Strecke mit ihren bissigen Anstiegen. Zwar konnte sie zwei Plätze gut machen, allerdings wuchs der Rückstand auf die von Anfang an führenden Norweger auf eine gute Minute an.

Zumindest Platz drei war da noch möglich, rund 40 Sekunden waren es auf die zu diesem Zeitpunkt bereits drittplatzierten Italiener. Drei Schießfehler samt Nachladern von Daniel Böhm machten dann auch den Griff nach Bronze zu einem aussichtslosen Unterfangen.

"Ich habe mitbekommen, dass der Italiener Fehler macht. Da habe ich abgedrückt und alles riskiert", sagte Böhm. Am Ende war es zu viel Risiko - und zu viel Rückstand für Schlussläufer Simon Schempp, der zwar zwei fehlerlose Schnellfeuereinlagen darbot, am Ende aber weitere Zeit verlor, auch weil er die Aussichtslosigkeit seiner angestrebten Aufholjagd erkannte und Kraft zu sparen versuchte für die Männerstaffel am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Und Bjørndalen? Könnte dann noch einen draufsetzen. Auch der Rekord-Olympiasieger geht in der Männerstaffel an den Start.

insgesamt 5 Beiträge
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freiemeinungbo 20.02.2014
1. was bleibt?
die hochgradig geförderten und hofierten Biathleten haben auf ganzer Linie versagt. vor allem das Läuferische scheint mangelhaft. auf diesem anspruchsvollen Track sind die Dt. chancenlos. und komm mir jetzt wieder keiner mit Dopingtgeorien. schon beim Eisschnelllauf stellte sich heraus dass die dt. Trainingsmethoden antiquiert sind.
heinrich-wilhelm 20.02.2014
2.
Das schlechte Schiessergebnis zieht sich wie ein roter Faden durch die Wettkämpfe der Biathleten. Das war schon bei Uschi Diesel so und wird aktuell von der bedauernswerten Sschenbacher fortgesetzt. Auch bei den Herren muss man jedes Mal zittern. Wann wird endlich ein Schiesstraining durchgeführt wie bei anderen Nationen selbstverständlich? Da ist der Wurm drin.
hafnafjoerdur 20.02.2014
3. Bei aller berechtigten Kritik
Zitat von sysopDPADer Auftritt der deutschen Biathleten in Sotschi ist erschreckend schwach. In der Mixed-Staffel hatte sich Bundestrainer Uwe Müßiggang Hoffnungen auf eine Medaille gemacht - und wurde enttäuscht. Ole Einar Bjørndalen hat dagegen Historisches geleistet. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-2014-bjoerndalen-siegt-deutsche-biathleten-enttaeuschen-a-954532.html
"Erschreckend schwach" würde ich einen vierten Platz in diesem Feld nicht bezeichnen. Wie soll man denn die Leistung von Frankreich und Russland zum Beispiel nennen. Es wäre sicher auch interessant, was ein deutsches Team mit Miriam Gössner geleistet hätte. Wäre den Norwegern z.B. Svendsen komplett ausgefallen, hätten sie vielleicht auch nicht so viel gerissen.
derandersdenkende, 20.02.2014
4. Als bekennender Biathlon-Fan
Zitat von sysopDPADer Auftritt der deutschen Biathleten in Sotschi ist erschreckend schwach. In der Mixed-Staffel hatte sich Bundestrainer Uwe Müßiggang Hoffnungen auf eine Medaille gemacht - und wurde enttäuscht. Ole Einar Bjørndalen hat dagegen Historisches geleistet. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-2014-bjoerndalen-siegt-deutsche-biathleten-enttaeuschen-a-954532.html
kann ich mit unseren Startern nur mitfühlen, aber der Frauenteil der Mix-Staffel regelte auf Grund der Fehlschüsse und vergleichsweise schwacher Laufzeilen eigentlich schon alles. Mehr zu erreichen, war für die Männer eine schier unlösbare Aufgabe. Auch wenn es für die Mitstreiter sicher nicht ganz fair war, machte für mich Martin Fourcade in vergleichbarer Situation wie die deutschen Männer das Beste aus der ihm übertragenen Aufgabe. Er nutzte die aussichtslose Lage fürs Trainig zu einem möglichst etwas besseren Ergebnis der Männerstaffel.
Creedo! 20.02.2014
5. ???
Zitat von sysopDPADer Auftritt der deutschen Biathleten in Sotschi ist erschreckend schwach. In der Mixed-Staffel hatte sich Bundestrainer Uwe Müßiggang Hoffnungen auf eine Medaille gemacht - und wurde enttäuscht. Ole Einar Bjørndalen hat dagegen Historisches geleistet. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-2014-bjoerndalen-siegt-deutsche-biathleten-enttaeuschen-a-954532.html
Vielleicht hätte man die Wehrpflicht nicht einfrieren sollen. Sonst wüßten die Bi-Athlethen evtl. wo beim Gewehr vorne und wo hinten ist.
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