Skisprung-Gold für Deutschland "Wie wahnsinnig geil das ist"

Acht Sprünge, hauchdünn vor Österreich: Gold! Die deutschen Skispringer gewinnen überraschend den olympischen Teamwettbewerb und belohnen sich nach vielen Rückschlägen. Bundestrainer Schuster sieht das Team sogar noch nicht am Ziel.

AFP

Aus Krasnaja Poljana berichtet


Es war ein paar Sekunden nach Mitternacht, als Severin Freund doch noch eine Niederlage einstecken musste. Der 25-Jährige sprach gerade über seine ganze Genugtuung, die er nach diesem Teamspringen, nach seinem letzten Sprung, der ihn auf 131 Meter getragen hatte und seine Mannschaft zu Gold, als rechts von ihm Andreas Wellinger und Marinus Kraus zu singen anfingen. "Happy Birthday to you", brüllten die beiden in Richtung des Mannschaftskollegen Andreas Wank, der ein paar Meter entfernt stand und in diesem Moment 26 Jahre alt geworden war.

Und Freund? Rief in der Mixed Zone mit gespielter Verärgerung: "Verdammt, jetzt ist er wieder älter als ich." Dann umarmten sich alle wieder, lachten und hauten sich, die riesigen Sprungski vor sich, gegenseitig auf die Schultern. "Wie wahnsinnig geil das ist", sagte Freund dann.

Man könnte die Geschichte dieses Teamwettbewerbs, der dem deutschen Skispringen den größten Erfolg seit der Goldmedaille von Salt Lake City beschert hatte, allein über Freund erzählen. Schließlich hatte der als Schlussspringer besonders unter Druck gestanden, weil er eben Severin Freund ist. Der Pechvogel von der Großschanze, ach was, seit Jahren. Der Mann der vierten Plätze.

"Verdammt viel Genugtuung"

Auch an diesem Abend hätte es schief gehen können. Wer mit drei Punkten vor dem letzten Sprung führt und als Gegner dann niemand Geringeren als den Österreicher Gregor Schlierenzauer hat, den "vielleicht besten Springer der Geschichte" (Bundestrainer Werner Schuster), der kann auch scheitern. Aber irgendwie war das dann doch nicht vorgesehen, der deutsche Schlussspringer hielt dem enormen Druck stand, verteidigte einen Vorsprung von 2,7 Punkten und sprang ins goldene Glück. "Verdammt viel Genugtuung" sei dabei, sagte Freund.

Wieviel Druck von der Mannschaft abfiel, konnte man Werner Schuster zwar nicht ansehen, der Bundestrainer hat die herausragende Eigenschaft, auch in den dunkelsten Momenten mit ruhiger Stimme zu analysieren. Aber in Krasnaja Poljana hörte man zumindest, wie zufrieden der 44-Jährige war. Er empfinde "eine tiefe innere Befriedigung, ich bin extrem stolz aufs Team", sagte Schuster, der vor sechs Jahren als Bundestrainer übernahm. Spontan hatte er sich gleichwohl nicht freuen können, es sei viel passiert in den vergangenen Jahren, "viele Täler zu durchlaufen, doch dann am Weg festzuhalten, das gibt einem schon ein tolles Gefühl."

Wenn man zurückschaut, wirkt das deutsche Skispringen ja immer wie eine einzige Erfolgsgeschichte, aber das stimmt nicht. Es gab die Ära Weißflog/Thoma, die gekrönt wurde durch das Mannschaftsgold 1994 in Lillehammer. Es gab die Ära Hannwald/Schmitt, die sich Mannschaftsgold 2002 umhängten. Dazwischen lagen immer wieder Jahre des Neuaufbaus, nur dass das Durchschreiten des Tales diesmal eine gefühlte Ewigkeit dauerte.

Gold bei einem Großereignis fehlte - bis jetzt

Schuster beschrieb die besondere Herausforderung damit, den Neuaufbau unter gleichzeitigem Erfolgsdruck umsetzen zu müssen. Vor sechs Jahren habe er nicht einfach "einen Schnitt machen" und sagen können, "so, wir gehen jetzt mal in Quarantäne, wir mussten ja Wochenende für Wochenende immer wieder Leistung nachweisen, und diesen Spagat haben wir gut bewältigt." Was fehlte, war die letzte Konstanz im Weltcup - und Gold bei einem Großereignis. 2010 hatte die Mannschaft immerhin schon Silber in Vancouver gewonnen, "wenn auch 100 Punkte hinter Österreich", so Schuster.

Schusters Neuaufbau hat Severin Freund nach oben gebracht oder talentierte Springer wie Marinus Kraus, der in Krasnaja Poljana erst auf der Großschanze 140 Meter sprang und im Teamwettbewerb mit Weiten deutlich über 130 Meter eine beeindruckende Konstanz nachwies. "Ich habe noch nie Druck beim Skispringen verspürt, den macht man sich immer selber", erzählte der 23-Jährige mit beachtlicher Abgeklärtheit: "Was andere schreiben, interessiert uns nicht. Und deswegen sind wir so locker."

Zum Gesicht des neuen deutschen Skisprungerfolges gehört auch der gerade 18-jährige Andreas Wellinger, der im Teamwettbewerb zwei weite Sprünge stand, dessen Beitrag zu diesem Erfolg aber noch ein paar Wochen weiter zurückliegt. Nach der desaströs verlaufenden Vierschanzentournee war es Wellinger, der mit dem ersten Weltcupsieg seiner Karriere in Wisla der Mannschaft "den Glauben zurückgab", so beschrieb es Schuster.

Schuster hofft auf Einzelmedaillen in der Zukunft

Wenn es nach dem Bundestrainer geht, war die Goldmedaille von Krasnaja Poljana aber erst der Anfang. Bewusst nannte Schuster den Erfolg einen "vorläufigen Höhepunkt". Die Springer hätten "noch einiges vor sich. Wenn sie mental dran glauben, dann ist da noch mehr möglich." Was genau? "Auch Einzelmedaillen". Vielleicht gebe es in der Zukunft sogar wieder einen Springer, "der im Einzel das Weltgeschehen dominieren kann, aber das muss sich entwickeln, den kann man nicht züchten".

Schuster denkt schon wieder weiter, eine Stunde nach der Goldmedaille sprach der Coach schon von der nahen Zukunft: "Wir haben noch so viel zu tun, Weltcups und die Skiflug-WM." Nach Vancouver hätten die Athleten gefeiert und seien dann bei der Skiflug-WM nur noch Statisten gewesen. "Jetzt möchte ich das durchziehen." Der Erfolg ist zerbrechlich, Schuster weiß das am besten.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
willi2007 18.02.2014
1. Gratulation
Klasse! Meine Gratulation an unsere Ski-Springer für eine Goldmedaille, mit der nun wirklich nicht zu rechnen war. Ein Erfolg der bleibt und den unseren Jungs keiner mehr nehmen kann.
otto_lustig 18.02.2014
2. Zur Information an den Autor
Bitte gründlicher recherchieren. Der Skispringer heißt Hannawald und nicht Hannwald. Ist nur ein Buchstabe, aber gerade bei dieser Person eine Katastrophe. Der einzige Springer, der alle vier Springen gewonnen hat, dürfte wohl schon einem Praktikanten in der Sportredaktion bekannt sein.
janeinistrichtig 18.02.2014
3. Hormone und Schneegestöber
Es gibt ja wohl kaum etwas schrecklicheres, als junge Menschen zu sehen, welche sich wie Bolle freuen. Dankenswerterweise sind hier nur Fotos (kein Video) erschaubar, aber diese geradezu tierische Freude geht mir echt auf die Nüsse. Naja, bald ist der Winter vorbei.
BerndBerndsen 18.02.2014
4.
Zitat von janeinistrichtigEs gibt ja wohl kaum etwas schrecklicheres, als junge Menschen zu sehen, welche sich wie Bolle freuen. Dankenswerterweise sind hier nur Fotos (kein Video) erschaubar, aber diese geradezu tierische Freude geht mir echt auf die Nüsse. Naja, bald ist der Winter vorbei.
Ehrlich - und sowas am frühen Morgen. Ich hatte mich schon auf Bilder von griesgrämigen, bierbäuchigen Sportfunktionären gefreut, die sich über verpasste Medaillenchancen grämen. Oder ein paar ein paar Politiker, die sich "rechtlich einwandfreie" Nackbilder von kleinen Jungs anschauen. Oder einen Berlusconi, der nach gefühlten 245 Schönheits-OPs das maskenhafte Grinsen selbst bei einer Verurteilung nicht mehr aus der Fresse bekommt. Und was sehe ich - nur ein paar junge Bengels, die sich nach einer völlig unverhofften Goldmedaille einen Keks freuen. Widerlich! Und dann kommt auch noch grad die Sonne raus :( Hoffentlich hat wenigstens mein chef heute so richtig miese Laune.
petrasha 18.02.2014
5. der absolute krimi
...war das. die 4 jungs haben mehr als nerven bewiesen. absolute spitze. es hat alles geklappt, wenngleich hauchdünn. alle achtung. soviel nerven und abgebührtheit zu haben in so jungen jahren. das war grosse sportliche leistung zu der ich gratulieren möchte....weiter so!
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