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05. Februar 2018, 17:26 Uhr

Eisschnelllauf-Star Pechstein

Polarisieren bis zur Rente

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Claudia Pechstein steht vor ihren siebten Olympischen Spielen. Sportlich ist die fast 46-Jährige ein Phänomen. Ob die Eisschnellläuferin bei der Eröffnungsfeier die Fahne tragen soll, ist dennoch umstritten.

Claudia Pechstein hat sich angewöhnt, am Ende ihrer Rennen den Finger vor den Mund zu legen, das Symbol dafür, dass man schweigen solle. Es ist ein Signal an ihre Kritiker, und von denen gibt es einige, und es soll bedeuten: Seht her, ich bin immer noch da und bringe Leistung, und ihr habt daher mal gefälligst den Mund zu halten.

Selbst ist sie allerdings weniger schweigsam, wenn es um ihre Sache geht. Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang hat Claudia Pechstein noch einmal ordentlich draufgehauen, wenn es um die Funktionäre des Eisschnelllauf-Weltverbands Isu geht. Nach Pechsteins Lesart haben diese Funktionäre sie um ihre "Olympiateilnahme in Vancouver betrogen", und so etwas vergisst sie nicht.

Für zwei Jahre war Pechstein wegen vermeintlichen Blutdopings 2009 gesperrt worden, sie selbst hat stets ihre Unschuld betont und auf eine genetische Anomalie ihres Bluts hingewiesen. Mehrere Wissenschaftler haben diese Version gestützt, der DOSB hat sie sich zu eigen gemacht, der Weltverband allerdings hat seine Sperre nie zurückgezogen.

Seitdem vergeht keine Gelegenheit, dass die Sportlerin auf ihren "Kampf gegen diese Ungerechtigkeit" hinweist. "Für mich gibt es nur siegen oder sterben", hat Pechstein in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" gesagt. Eine Nummer kleiner macht sie es eben nicht. Sie ist vor den Bundesgerichtshof gezogen, um den Weltverband zum Zahlen von Schadensersatz zu zwingen, sie hat sich mal mit der US-Amerikanerin Amanda Knox verglichen. Zur Erinnerung: Knox wurde in Italien wegen Mordes verurteilt und später rehabilitiert.

45 Jahre alt ist Pechstein inzwischen, im Februar wird sie 46, Pyeongchang werden ihre siebten Olympischen Spiele, fünfmal hat sie Gold geholt. Sie ist damit immer noch die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin in der olympischen Geschichte, und dass sie im gesegneten Sportleralter 2018 immer noch berechtigte Chancen auf eine Medaille hat, spricht nicht nur gegen die jüngere Konkurrenz, sondern auch für ihren außergewöhnlichen Willen, für ihre außergewöhnliche Disziplin.

All das wären normalerweise genug Dinge, um Pechstein als deutsche Sportheldin zu feiern. Auch ob sie eine angemessene Fahnenträgerin bei der Eröffnungsfeier am 9. Februar sei, müsste man danach nicht erörtern. Dennoch ist Claudia Pechstein immer umstritten gewesen, sie ist es auch heute noch. Und daher ist das mit der Rolle der Fahnenträgerin so eine Sache.

Wer das deutsche Team bei der Eröffnungsfeier ins Stadion führt, sollte auch Vorbild- und Integrationsfigur sein. Und zumindest beim zweiten Punkt dürfte man nicht zuallererst an die Berliner Eisschnellläuferin denken. Pechstein hat sich schon lange von der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG isoliert, sie hat ihr eigenes Trainerteam, sie hat vor allem ihren eigenen ständigen Begleiter an ihrer Seite, ihren Lebensgefährten Matthias Große, den sie als ihren Mentalcoach bezeichnet.

Große hat sich durch sein robustes Auftreten gegenüber Sportlern und Journalisten keine großen Freunde im deutschen Lager gemacht. Die ihn nicht so mögen, nennen ihn Pechsteins Bodyguard. Die Sportlerin jedoch hält ihn für unverzichtbar, es gibt kein Interview, indem sie nicht betont, wie wichtig er für sie sei. Der DOSB hat sich dieser Version mittlerweile angeschlossen. Anders als vor vier Jahren gab es keine großen Diskussionen mehr, ob Große mit einer DOSB-Akkreditierung dem Team in Südkorea angehören wird. Es gab noch ein paar kritische Presseberichte, das war's.

Ohnehin ist DOSB-Chef Alfons Hörmann einer der großen Pechstein-Unterstützer geworden. Er hält sie für rehabilitiert, Pechstein sei "Opfer, nicht Täter". Dass sie in die engere Auswahl von fünf Athleten für den Fahnenträgerjob gekommen ist, über die noch bis gestern im Internet abgestimmt wurde, hat er ausdrücklich begrüßt. Pechstein würde dies "wahnsinnig gerne" machen, weil: "Das wäre der i-Punkt auf der Rehabilitation."

Pechstein ist auf einer Mission unterwegs. Jede Medaille, die sie jetzt noch erringe, sei "eine schallende Ohrfeige" für den Weltverband, sagt sie. Das hält sie am Laufen, sie kann sich gut vorstellen, auch nach den Spielen weiterzumachen. 1992 in Albertville waren ihre ersten Olympischen Spiele, Pechstein ist die Letzte im deutschen Team, die als Juniorin noch für die DDR an den Start gegangen ist, im Osten hat sie bis heute ihre meisten Unterstützer. Die "Super Illu" hat sie auf das Titelbild gepackt, der "Berliner Kurier" mit seiner überwiegenden Leserschaft im Osten der Hauptstadt nennt sie durchgehend nur "Pechi".

Während es für andere Athleten zum Pflichtprogramm gehört, in Interviews zu betonen, welch große Ehre es sein würde, Deutschland zu repräsentieren, hat Pechstein in der "Welt am Sonntag" noch mal mächtig Zunder gegeben. In anderen Ländern wäre sie längst eine Legende, hierzulande dagegen werde ihr kein Respekt entgegengebracht, beklagte sie. Frustrierend sei auch "der extreme Neid" in Deutschland, anderswo bekämen Sportler, die so erfolgreich sind wie sie, eine lebenslange Rente, "hier fühlst du dich einfach nur als Steuernummer". Als sie 2016 vor dem BGH abgewiesen wurde, schimpfte sie, dass "Flüchtlinge in diesem Land mehr Rechtsschutz genießen" als die Sportler.

Man kann das als ehrlich und angenehm sperrig bezeichnen. Ob sie damit die Richtige ist, die deutsche Fahne zu tragen, kann man allerdings auch fragen.

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