Silber im Eishockey-Finale "Wir waren so kurz vor dem nächsten Wunder"

Für einen Olympiasieg fehlte der deutschen Mannschaft ein winziges Stück Glück, doch beim DEB-Team überwiegt der Stolz. Kann das hiesige Eishockey vom Erfolg in Pyeongchang profitieren?
Eishockey-Nationalmannschaft

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Deutschland ist wahrlich kein Eishockey-Land. Wenn eine deutsche Mannschaft aber um den Olympiasieg spielt, stehen um fünf Uhr Hunderttausende alter und neu gewonnener Fans auf und schauen das Finale gegen die Athleten aus Russland. Was sie zum Frühstück sahen, war der nächste aufopferungsvolle Kampf gegen eine vermeintliche Übermacht, am Ende reichte es jedoch ganz knapp nicht zu einer weiteren Sensation.

Das russische Team, das auch bei der Schlussfeier so nicht heißen durfte, gewann 4:3 (1:0, 0:1, 2:2) nach Verlängerung und Gold. "Wir haben Geschichte geschrieben, ich bin stolz", sagte Angreifer David Wolf trotzig.

Das Spiel gegen den Top-Favoriten, gespickt mit Stars aus der russischen Liga KHL, bot wieder so viele Geschichten, die im Vorfeld nicht für möglich gehalten wurden. Nach dem späten Gegentor im ersten Drittel war das deutsche Team im weiteren Verlauf gleichwertig, ging im Schlussabschnitt sogar in Führung und hätte nur noch 56 Sekunden bis zum Olympiasieg überstehen müssen, doch es ging zum vierten Mal beim Turnier in Pyeongchang in die Verlängerung.

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Und wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, was Bundestrainer Marco Sturm aus dieser Mannschaft gemacht hat, dann lieferte Torhüter Danny aus den Birken diesen in der sechsten Minute der Verlängerung. Ilya Kovalchuk, mit 816 Spielen und 417 Toren in der NHL ein Weltstar, umkurvte den Keeper des EHC München, musste für Gold nur noch einschieben, aber aus den Birken streckte sich artistisch und verhinderte den Einschlag mit dem Beinschoner. Wenige Minuten später fiel zwar trotzdem das entscheidende Gegentor, aber die deutschen Spieler warfen sich das gesamte Turnier über mit Verve in jeden Schuss des Gegners.

"Wir waren so kurz vor dem nächsten Wunder auf dem Eis", sagte Wolf, die Silbermedaille in der Hand tragend. "Das erlebt man nur einmal im Leben und deshalb ist diese Medaille etwas sehr Spezielles", sagte Sturm, auch wenn er die Enttäuschung nicht ganz verbergen konnte: "Jetzt direkt nach dem Spiel sind wir mehr frustriert als zufrieden."

Helm und Spiel verloren

Der Frust hat seinen Ursprung in den letzten Minuten der regulären Spielzeit. Nach dem sehenswerten Schlenzer von Jonas Müller zur 3:2-Führung hatte das DEB-Team alle Chancen auf den Olympiasieg. "Wir dachten, wir haben schon Gold", sagte auch Kapitän Marcel Goc. Denn 2:11 Minuten vor der Schlusssirene handelte sich Sergei Kalinin eine Zeitstrafe ein. Deutschland war in Überzahl, musste im Grunde nur noch die Zeit runterspielen.

Doch Sturm hatte da bereits ein schlechtes Gefühl. "Ich habe das in meiner Karriere einige Male erlebt", sagte der 39-jährige Olympia-Neuling auf der Trainerbank. "Du denkst automatisch anders, wenn Du Überzahl hast, und es sind nur noch zwei Minuten zu spielen." Yannik Seidenberg schloss im Angriff zu schnell ab, die russischen Spieler schalteten sofort um und nahmen ihren Torwart heraus. Zu allem Überfluss verlor Seidenberg noch seinen Helm und musste vom Eis, so wandelte sich die Über- in eine Unterzahl und Nikita Gusev nutzte das zum Ausgleichstreffer. "Das war eine unglückliche Entscheidung", sagte Seidenberg, "das kann man in so einer Phase auch mal durchgehen lassen."

"Wir waren für ein paar Minuten Olympiasieger", sagte Moritz Müller. Im Anschluss konnten die von einigen Hundert Fans ausdauernd angefeuerten russischen Spieler ihre Überlegenheit auch in der Verlängerung nur selten ausspielen - bis Patrick Reimer auf die Strafbank musste. In der Overtime sind regulär nur noch vier statt fünf Spieler pro Team auf dem Eis, und diesen Platz nutzte der Olympiasieger zum entscheidenden Treffer von Kiril Kaprizov. "Da ist kurz die Welt zusammengefallen", sagte Seidenberg.

Kann das deutsche Eishockey profitieren?

Wer bei den frustrierten Spielern etwas nachbohrte, bekam dann aber doch den ganzen Stolz präsentiert, den ein solcher Turnierverlauf mit sich bringen muss. "Mehr als einmalig geht ja nicht", sagte Moritz Müller und Seidenberg ergänzte: "So etwas miterleben zu dürfen, ist Wahnsinn."

Nun gilt es für das deutsche Eishockey, diesen Erfolg zu nutzen. Kurzfristig in der DEL, wo es bereits am kommenden Mittwoch weitergeht, mittelfristig bei der Weltmeisterschaft im Mai in Dänemark und langfristig, um sich im Kampf um die Nummer zwei der beliebtesten Sportarten hinter Fußball besser aufzustellen. Für Sturm ist die WM zwar noch "kein Thema", aber Moritz Müller hofft auf eine Signalwirkung: "In Deutschland ist mehr Platz als für eine große Sportart, das zeigen auch andere Länder. Jetzt muss die DEL profitieren, wir brauchen mehr Kinder in den Hallen."

Trainer Sturm will vor allem eins: "Genießen."

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