Kanadas Team ohne Stars bei Olympia Die Eishockey-Weltordnung droht zu kippen

Im Eishockey gehörte Kanada immer zu den Gold-Favoriten. Doch wegen des NHL-Streiks tritt das Team diesmal ohne Stars an. Muss man trotzdem mit ihnen rechnen?
Maxim Lapierre

Maxim Lapierre

Foto: Nathan Denette/ AP

In Vancouver und Sotschi war die Frage nach dem Favoriten des Olympischen Eishockey-Turniers schnell beantwortet: Team Canada. Natürlich Team Canada. Wer sonst?

Wer ein Starensemble aus der NHL zusammenstellt, das einen P.K. Subban kaum benötigt und verletzte Spieler wie John Tavares und Steven Stamkos mühelos ersetzt, braucht sich vor US-Amerikanern, Russen, Schweden oder Finnen nicht zu fürchten - seien die auch noch so talentiert. Und wer gewann letztlich jeweils Gold?

Richtig, Team Canada.

Diesmal hingegen ist alles offen. Denn erstmals seit 1994 stehen keine NHL-Spieler bei Olympia auf dem Eis. Und somit werden eben nicht Sidney Crosby, Jonathan Toews oder Drew Doughty das rot-weiße Trikot mit dem Ahornblatt tragen, sondern Spieler wie Chay Genoway, Karl Stollery, Maxim Noreau oder Mat Robinson.

Falls Sie noch nie einen dieser Namen gehört haben, keine Sorge. Selbst die diesmal erheblich kleinere Gruppe kanadischer Journalisten hatte bei den ersten Trainingseinheiten in Pyeongchang sichtliche Probleme, diese Spieler zu erkennen. Kein Wunder.

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Robinson beispielsweise ist neben Chris Lee der einzige Profi ohne NHL-Erfahrung und verbrachte seine Karriere seit 2010 in Norwegen, Schweden, Lettland und Russland. Der kanadische Eishockey-Verband hat die unbekannten Biografien einiger Spieler spontan für ein Quiz auf seinem Twitteraccount genutzt: "Welche beiden Akteure haben jeweils für 13 verschiedene Profi-Mannschaften gespielt?", lautete die Frage. Antwort: Andrew Ebbett und Gilbert Brulé.

Kanadas 25 Profis bringen es zusammen auf 5549 NHL-Spiele. Das macht im Schnitt 222 Partien und ist eine durchaus beeindruckende Zahl. Allerdings entfallen auf das Quintett Chris Kelly (einziger Stanley Cup-Gewinner), René Bourque, Derek Roy, Maxime Lapierre und Mason Raymond allein schon 3456 Spiele.

Was diese Kanadier können, wissen sie selbst nicht so richtig. Die Gegner in der Vorrundengruppe A heißen Tschechien, Schweiz und Gastgeber Südkorea. In der Vergangenheit waren das keine hohen Hürden. Doch diesmal? "Auf Wiedersehen, NHL-Spieler, Hallo. Unberechenbarkeit", hieß es auf der Internetseite von The Sports Network TSN . Laut dem kanadischen Sportsender droht "ohne NHL-Spieler die traditionelle Weltordnung" zu kippen.

Viele sehen das von den einstigen NHL-Stars Pawel Dazjuk und Ilja Kowaltschuk angeführte Team Russischer Athleten als Favorit. Das aber verlor sein Auftaktspiel gegen die Slowakei. Kanadas Cheftrainer Willie Desjardins meint, dass "jeder das Turnier gewinnen" könne.

"Es gibt keinen Platz auf der Welt, wo ich derzeit lieber wäre"

Sein Assistent ist Dave King. Der ist in seiner Karriere viel rumgekommen, war unter anderem einst Coach der Adler Mannheim. "Keine Frage", sagte King, "Eishockeyfans würden liebend gern Sidney Crosby sehen." Aber, so der 70-Jährige weiter, "dieses Turnier bietet vielen Spielern aus allen Ländern eine einmalige Gelegenheit. Und alle denken, sie haben eine Medaillenchance."

King sieht das Turnier für jedes Team als "deren Zeit in der Sonne." Das Niveau wird niedriger sein, dafür ist die Spannung wohl umso größer. In Sotschi 2014 hingegen war Kanadas 3:0-Sieg im Endspiel gegen Schweden nie ernsthaft in Gefahr.

Vor vier Jahren verfolgten alle jetzigen Akteure des Teams das Endspiel vor dem Fernseher - Maxim Noreau beispielsweise in der Schweiz. Dort spielt er immer noch. Seine Frau, so der Verteidiger, habe ihm immer gesagt, sie werde ihm folgen, egal, wo er spiele. Nun ist Karine Noreau in Pyeongchang. "Es gibt keinen Platz auf der Welt, wo ich derzeit lieber wäre", sagte ihr Ehemann. "Wir werden alles geben. Die Fans werden von uns Schnelligkeit und Leidenschaft sehen", sagte Verteidiger Chris Lee.

Und für den Fall, dass trotzdem noch einige Prozente fehlen sollten, hat Team Canada Jamie Clarke dabei. Der Motivationsredner weiß, wie es ist, wenn man etwas ganz Großes erreichen will.

Clarke hat zweimal den Mount Everest erklommen.

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