Olympia im Fernsehen Dieser sonderbare Zwirbelbart

Winterspiele im Fernsehen: Das ist am besten, wenn man die Heizung bis zum Anschlag aufdreht. Und englischen Kommentatoren zuhört. In Marokko. Diese Erfahrung hat zumindest unsere Autorin gemacht.
Robert Johansson

Robert Johansson

Foto: JAVIER SORIANO/ AFP

Das Wichtigste ist die Bollerhitze. Olympische Winterspiele kann ich erst richtig genießen, wenn ich dabei in einem stark überheizten, gerne sauerstoffarmen Zimmer sitze. Erstens, weil mich das nostalgisch an das Wohnzimmer meiner Eltern erinnert, wo mein Vater, sonst kunstsinnigem Firlefanz weniger zugetan, stundenlang Eiskunstlauf und in meiner Kindererinnerung endlose andere Winterwettbewerbe wie die (mindestens) 40-Schanzen-Tournee schaute.

Zweitens, weil die crispe, sichtbare Frische vom Fernsehbild dann aufs Schönste mit den tatsächlich gefühlten Temperaturen kontrastiert - als hätte man in einer Muffbude ein halbes Dutzend Duftkerzen mit Pinienaroma angesteckt. Und drittens, weil ich so immer wieder zwischendurch behaglich wegnickere, um dann von aufgeregten, erratischen Kommentatorensätzen wie "Immer mehr Rote drehen zur Mitte!" wieder geweckt zu werden.

Bei Sommer-Olympia denke ich zu viel an Schweiß. Die zwangsläufige Klebrigkeit der Menschen, die in der Prallsonne mit Hämmern werfen oder sehr schnell herumrennen, kann es für mich niemals mit der gefrosteten Eleganz der Winterathleten aufnehmen, die nur in Wurstpellhosen den Elementen entgegentreten. Sommerspiele strahlen für mich vor allem Anstrengung aus, Winterdisziplinen sind dagegen oft abenteuerlich und gefährlich, also aufregend anzuschauen.

Ein Versuch, Knochenbruch

Normale Menschen würden wahrscheinlich nicht sterben, müssten sie plötzlich im olympischen Weitsprung antreten, aber die waghalsigen Sprünge von der Schanze oder die Zwirbelsprünge in der Snowboard-Halfpipe würden sehr wahrscheinlich schon beim ersten Versuch ihre Knochen zerschmettern. Wahrscheinlich würde ich mir direkt beim Eisschnelllauf-Startversuch mit den Eisschuhklingen versehentlich die Wade aufschlitzen oder mir beim unsachgemäßen Hantieren mit den Slalomstecken selbst ein Auge ausstechen.

Ich muss zugeben, dass ich die dramatischsten, überraschendsten Entscheidungen der diesjährigen Spiele fast vollständig verschlafen habe - den Finaleinzug der deutschen Eishockeymannschaft bekam ich erst mit, als mich der im Jubelrausch krakeelende Kommentator aus meinem Schlaf riss und verlangte, ich solle sofort meine nicht vorhandenen Kinder nach frei zu wählenden Eishelden benennen. Nun, ich habe schon einmal meinen Nymphensittich nach Karl-Heinz Rummenigge benannt, damit dürfte ich mein Lebenssoll in diesem Bereich erfüllt haben.

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Viel mehr als die großen Siege interessieren mich sowieso die kleinen Dramen drumherum, die Randschnörkel, aus denen man mühelos ganze Film-Epen in Überlänge produzieren könnte: Wie scheppert es daheim am Küchentisch, wenn die Curling-Ehefrau ihre Medaille wieder abgeben muss, weil der Curling-Ehemann gedopt war? Welche Mean-Girls-Substory lief bei den koreanischen Eisschnellläuferinnen ab, bevor sie ihre langsamere Teamkameradin schluchzend auf dem Eis zurückließen? Und welche zweifellos tragischen Umstände brachten den norwegischen Skispringer Robert Johansson dazu, dieses sonderbare Zwirbelbärtchen für eine gute Entscheidung zu halten?

Dazwischengebelltes Fantasiedeutsch

Am schönsten sind all diese Dinge übrigens, wenn sie von immer ein bisschen kaltherzig klingenden BBC-Kommentatoren begleitet werden. Wenn die Snowboarderinnen ihre halsbrecherischen Kapriolen zeigen und ihre Himmelsflüge nur von einem knapp hervorgesnobbten "Bit disappointing, isn't it?" begleitet werden. Die supersynchronen Sprints bei den Eisschnelllauftrios gewinnen deutlich an erotischer Tiefe, wenn dazu ein nasaler Brite "a hand has just been placed on a hip" wispert. Die deutschen Doppelmedaillen beim Einsitzerbob der Damen unterlegte die BBC mit dem Lied "Eins, zwei, Polizei" und dazwischengebellten Freudeausrufen in Fantasiedeutsch. Ich saß vergangene Woche vor einem Fernseher in Marrakesch, als ich das anschaute, und bizarrer kann man sich so ein Sporterlebnis nicht wünschen.

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Jetzt, wo das Ende naht, überlege ich, ein Zimmer meiner Wohnung im Türkiston des äußeren Curlingfeldrings zu streichen. Ich habe bereits einige Stunden lang recherchiert, der Farbton "Vardo" des renommierten Anstrichherstellers Farrow and Ball sollte ihm am nähesten kommen. Ach, Curling! Alleine schon diese Disziplin macht die Winterspiele fantastisch, diese kleinen Verschnaufpausen im ewigen Höherschnellerweiter, die einzige Sportart im Sortiment, bei der man sich ansatzweise plausibel einreden kann, man könnte sie sicher mit überschaubaren Mühen auch selbst ausüben - die klassische "Könnte ich auch"-Selbstüberschätzung, mit der Simpel moderne Kunst kommentieren.

Eine Tante von mir schaute nachts gerne stundenlang Snooker, mit der Begründung, das sei "so schön grün", in ähnlicher Entspannungshaltung schaue ich Curling. Ich liebe das Geräusch, wenn die 22-Kilo-Steine aneinander klackern - als stoße man mit schweren Kristallgläsern an. Die erste Zeit nach den Spielen werde ich nun wieder viel auf den Webseiten von Curlingzubehörshops herumlungern. Und dann die Zimmertemperatur wieder auf normal herunterdrehen.

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