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23. Februar 2018, 15:43 Uhr

Snowboard-Finale bei Olympia

Spektakel im Schatten

Aus Pyeongchang berichtet

Snowboard bietet Show, Rasanz und moderne Helden. In Deutschland tut sich die Sportart im alpinen Schatten schwer. Mit dem Ruhm für Ester Ledecká soll alles besser werden - doch spielen die TV-Sender mit?

"Super-G scheint ja nicht so schwer zu sein." Es war nur ein Scherz des deutschen Snowboarders Patrick Bussler im Vorfeld seiner vierten Teilnahme an Olympischen Winterspielen. Doch der Scherz stand exemplarisch für den Konflikt zwischen alpinen Skifahrern und Snowboardern, der durch Ester Ledeckás Sieg im Super-G neue Nahrung erhalten hat. Da kommt eine Boaderin daher und nimmt den Spezialistinnen die Goldmedaille weg.

Auf der einen Seite stehen die alpinen Veteranen, die in Europa wegen ihrer langen Historie und guter TV-Präsenz den Markt bestimmen, auf der anderen Seite fristen die coolen Snowboarder bis auf wenige Ausnahmen ein Schattendasein. "Am Samstag werden einige Augen mehr auf die Ester, aber eben auch auf unseren Wettbewerb gerichtet sein", sagt Deutschlands Medaillenhoffnung Selina Jörg vor dem Parallel-Riesenslalom (1 Uhr MEZ; Liveticker SPIEGEL ONLINE), bei dem Ledecká zu den großen Favoritinnen zählt.

Im Parallel-Riesenslalom fahren zwei Athleten oder Athletinnen im direkten Duell gegeneinander, der Zuschauer sieht sofort, wer weiterkommt. "Die Parallel-Wettbewerbe, egal ob Slalom oder Riesenslalom, haben sich zuschauertauglich entwickelt", sagt Jörg im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Es gibt keinen zweiten Lauf mehr und die Events sind insgesamt deutlich kürzer. Wir bieten Spektakel und knappe Entscheidungen."

Ein Vorteil gegenüber den noch etwas neueren Wettbewerben wie Slopestyle oder Big Air, wo das Raunen ob der gewaltigen Sprünge riesig ist, die Entscheidungen der Jury für die Zuschauer aber schwer nachvollziehbar sind. "Die Transparenz ist kein Grund für fehlende Anerkennung", sagt Anke Wöhrer, Silbermedaillengewinnerin im Parallel-Slalom in Sotschi 2014 und in Pyeongchang im Riesenslalom am Start. "Das stört im Eiskunstlauf seit 100 Jahren niemanden."

"30-sekündige Zusammenfassung reicht nicht"

Mittlerweile hat auch die alpine Zunft das parallele Format für sich entdeckt - mit neidvoll anerkanntem Erfolg. "Wenn Skifahrer ein Parallel-Event machen, finden es plötzlich alle toll. Die TV-Zuschauer sagen dann, was für ein tolles Format - und wir Snowboarder denken: 'das fahren wir schon seit zehn Jahren'", sagt Wöhrer.

Apropos TV-Zuschauer: Die deutschen Snowboarderinnen fordern ein Umdenken in Bezug auf die Schwerpunkte der übertragenden Sender ARD und ZDF. "Eine 30-sekündige Zusammenfassung am Abend reicht einfach nicht", sagt Wöhrer. "Man muss dem gesamten Event die Chance geben, sich zu zeigen."

Am mangelnden Erfolg kann es nicht liegen. "Amelie Kober hat bei Olympia und Weltmeisterschaften fünf Medaillen gewonnen", hält Jörg ein Plädoyer für ihre Sportart. "Isabella Laböck war Weltmeisterin, wir haben jetzt auch Erfolg." Wir, das sind neben Jörg und Wöhrer noch Carolin Langenhorst und Ramona Hofmeister, die allesamt eine Medaille im Blick haben - im Erfolgsfall ein sehr wichtiger Faktor für die weitere Förderung durch den DOSB. "Wenn wir weiter so erfolgreich sind und die TV-Zeiten etwas mehr werden, könnte es auch in Deutschland funktionieren", sagt Hofmeister.

Sind die TV-Zuschauer zu alt für Snowboard?

In Pyeongchang funktionieren die Snowboard- wie auch die Freestyle-Skiing-Wettbewerbe bereits sehr gut. Der Phoenix Snow Park mit seinen gigantischen Pisten und spektakulären Sprungschanzen ist bei den Entscheidungen stets gut gefüllt. Anders als bei den alpinen Veranstaltungen, wo einige Spitzenfahrer die verhaltene Stimmung monierten. "In Asien ist Snowboarden viel größer", sagt Wöhrer, die mit dem gesamten Team erst spät angereist ist und die Stimmung bisher nur am Fernseher wahrnehmen konnte.

Doch sagen die Schwerpunkte von ARD und ZDF nicht viel mehr etwas über den Zuschauer mit einem Durchschnittsalter jenseits der 50 aus? "Was man selber machen kann, das will man auch sehen", vermutet Wöhrer. "Skifahren und Langlaufen kann theoretisch jeder, also will es jeder sehen. Oder man schaut etwas an, was total weit weg ist. Beispiel Skispringen, das kann niemand."

Superstars wie Shaun White müssen ohnehin nicht auf TV-Anteile schauen. "Die wirklich guten Athleten vermarkten sich so gut über die sozialen Kanäle, die brauchen das nicht", sagt Wöhrer. Hofmeister will mit einem Food-Blog in eine ähnliche Richtung gehen, doch das Fazit fällt bei allen ähnlich aus: "Es bewegt sich zäh", sagt stellvertretend Wöhrer.

Gold für Deutschland in einem Duell mit Ledecká wäre die perfekte Werbung.

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