Snowboard- und Ski-Olympiasiegerin Ledecká "Die Ester ist ein Vieh"

Selina Jörg und Ramona Hofmeister wollten Ester Ledecká unbedingt schlagen. Doch die gewann erstmals bei den gleichen Spielen in zwei verschiedenen Sportarten Gold. Damit ist sie ein Superstar der Spiele - inklusive Allüren.
Ester Ledecká

Ester Ledecká

Foto: JORGE SILVA/ REUTERS

Ester Ledecká eilt seit ihrem sensationellen Olympiasieg im alpinen Super G der Ruf voraus, besonders fokussiert zu sein. So überraschte es auch nicht, dass die Tschechin in den ersten Runden des Parallel-Riesenslaloms der Snowboarderinnen keine Miene verzog. Achtelfinale gewonnen? Okay, runter vom Brett und wieder ab nach oben an den Start. Weniger als Gold sollte es bei ihrem zweiten Auftritt in Pyeongchang bitte nicht sein.

"Ich fühle mich wohl, wenn ich mich in meiner Blase nur auf mich konzentrieren kann", sagte Ledecká, nachdem sie tatsächlich ihren zweiten Olympiasieg feiern durfte. Nach dem Erfolg im Finale über die Deutsche Selina Jörg war es vorbei mit der Zurückhaltung, am Abend soll es im tschechischen Haus in Gangneung eine große Party geben. Jörg konnte sich über die Silbermedaille freuen und der Snowboard Verband Deutschland (SVD) bekam durch Ramona Hofmeister sogar noch eine Bronze hinzu.

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Alpin-Gold für Snowboarderin: Super-G? Warum nicht!

Foto: Charlie Riedel/ AP

"Eine Medaille war mein großes Ziel", sagte Jörg, die bei Großereignissen bisher keine Erfolge vorzuweisen hatte und vor acht Jahren bei Olympia in Vancouver Vierte geworden war. "Ich hätte alles genommen. Silber ist für mich wie Gold." Hofmeister verlor im Halbfinale ebenfalls gegen Ledecká und profitierte im kleinen Finale vom Sturz der Olympischen Athletin aus Russland, Alena Zavarzina. "Ich bin mental stark und habe mir auch vor dem kleinen Finale keinen Druck gemacht", sagte Hofmeister.

Der Tick mit der Skibrille

Ledecká wurde nach dem Rennen gefragt, ob sie sich als Superstar von Pyeongchang 2018 fühle. Immerhin hatte es zuvor noch nie ein Athlet oder eine Athletin geschafft, bei den gleichen Spielen in zwei verschiedenen Sportarten Einzel-Medaillen zu gewinnen, geschweige denn Gold. "Ich fühle mich nicht so", sagte die 22-Jährige. "Aber es hört sich großartig an." Dabei nahm sie wie schon nach dem Super G ihre Skibrille nicht ab, verwies wieder auf nicht aufgelegtes Make-up und sagte auf Nachfrage: "Gewöhnt euch dran."

Ester Ledecká (M.)

Ester Ledecká (M.)

Foto: Laurent Salino/Agence Zoom/ Getty Images

Ledecká wäre auch gerne die alpine Abfahrt gefahren, doch die Trainingszeiten kollidierten mit dem Parallel-Riesenslalom und so musste sie sich entscheiden. Ihre Wahl fiel auf Snowboard, obwohl ihre deutschen Konkurrentinnen davon überzeugt sind, dass sie beides geschafft hätte. "Die Ester ist ein Vieh", hatte Carolin Langenhorst, die nach ihrem Aus im Viertelfinale Siebte wurde, vor wenigen Tagen gesagt. Jörg bezeichnete Ledecká nach ihrer Finalniederlage als "Ausnahmetalent" und Hofmeister ergänzte: "Wir haben es ihr nicht leichtgemacht, aber so eine Person gibt es nicht zweimal auf der Welt." Dabei hatte Hofmeister ihre große Konkurrentin in dieser Saison bereits schlagen können.

Doch sowohl die 21-Jährige als auch Jörg hatten in ihren Läufen gegen Ledecká den Nachteil, auf dem blauen Streckenteil fahren zu müssen. Es war auffällig, dass den gesamten Tag über sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern insgesamt nur eine Handvoll Siege auf blau herausgefahren werden konnten - bei insgesamt 32 Rennen.

Parallel-Riesenslalom -Strecke

Parallel-Riesenslalom -Strecke

Foto: Lee Jin-Man/ dpa

In den Parallel-Wettbewerben dürfen die Zeitbesten der Qualifikation im weiteren Verlauf den Streckenteil wählen und weil rot einen Vorteil bot, entschieden sich alle für diesen Abschnitt. Somit summierte sich der Nachteil auf der blauen Seite. "Das ist nicht außergewöhnlich und kommt bei uns häufiger vor", sagte der 25. der Männer-Konkurrenz, Patrick Bussler, dem SPIEGEL nach seinem Aus in der Qualifikation. "Die beiden Strecken entwickeln sich im Laufe eines Renntags mit der Beanspruchung einfach unterschiedlich." Und weil die vermeintlich langsameren Fahrer mehr riskieren, werden die Spuren und Rillen immer deutlicher.

Die Förderung muss besser werden

SVD-Präsident Michael Hölzl nutzte den Erfolg, um klare Forderungen an den DOSB und die Politik zu stellen. "Wir haben mit unserem kleinen Verband gezeigt, zu welchen Höhen man mit geringem finanziellem Aufwand kommen kann." Doch die etwas über eine Million Euro, die sein Verband nach Hölzls Angaben aus der Sportförderung erhält, reichen nicht aus. Er fordert eine Verdopplung. "Wir haben bei den Freestylern nicht mal eine eigene Trainingsstätte", sagte Hölzl. Ich erwarte von der Politik, dass die Versprechungen eingehalten werden. Die neuen Sportarten brauchen mehr finanzielle Unterstützung."

Damit sind weniger die Racer wie Jörg und Hofmeister gemeint sondern vielmehr Snowboardcrosser wie Martin Nörl und Paul Berg oder Freestyler wie Silvie Mittermüller. Doch auch Jörg sieht Bedarf: "Wir müssen uns ja teilweise die Ausrüstung noch selbst finanzieren, da stehen wir schon sehr weit hinter den Alpinen." Die 30-Jährige wird 2022 in Peking nicht mehr an den Start gehen, aber Hofmeister plant dann einen neuen Angriff auf Ledecká.

Vielleicht nimmt diese dann auch mal ihre Brille ab.

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