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25. Februar 2018, 11:27 Uhr

Winterspiele von Pyeongchang

Jenseits von Ruhpolding

Ein Kommentar von , Pyeongchang

Halbleere Tribünen, wenig Stimmung: Über die Olympischen Spiele von Pyeongchang wurde viel gemäkelt. In Europa wäre das alles anders gewesen. Wäre.

Die Sache ist doch ganz einfach: Olympische Spiele, Winterspiele zumal, haben in Europa stattzufinden. Da, wo der Winter erfunden wurde. Wo Tausende mit Kuhglocken am Eiskanal stehen. Wo der Mitteleuropäer seine Skiferien verbringt. Wo die Alpen in der Abendsonne glühen und der Biathlonsport seine Heimat hat.

Aber doch nicht weit draußen in Südkorea, wo sich bei der Nordischen Kombination nur die einfinden, die sich irgendwie dorthin verlaufen und den Weg zurück zum Shuttlebus nicht mehr gefunden haben.

Das ist der europäische Blick, die First-World-Sicht sozusagen. Es gibt aber auch eine Sichtweise jenseits von Ruhpolding.

Wenn es um die Olympischen Spiele geht, stellen sich zwei Grundsatzfragen: Will man solche Spiele überhaupt noch? Und wenn man sich prinzipiell pro Olympia entscheidet - ungeachtet all der bekannten und berechtigten Gründe, grundsätzlich dagegen zu sein - wo soll man sie stattfinden lassen?

Europa war zuletzt mehrheitlich gegen die Spiele

Europa hat sich zuletzt mehrfach und eindeutig gegen die Austragung der Winterspiele entschieden. Ob im skandinavischen Oslo oder im schweizerischen Graubünden: die Argumente waren nachvollziehbar und stets ähnlich. Die Spiele sind zu teuer, die Eingriffe in die Natur zu stark, der Gigantismus passt nicht mehr in die Zeit.

Die Propagandisten von Olympischen Spielen in Europa bringen dagegen gerne das Argument ins Feld, hier seien die Sportstätten ja "alle schon vorhanden". Das ist Unsinn. Für Winterspiele, ob in Bayern oder am Holmenkollen, müssten vielleicht keine Schanzen neu gebaut werden, aber Snowboardstrecken, Freestylepisten und Eishallen für Shorttrack oder Curling.

So zu tun, als könne man Olympische Spiele mit der vorhandenen Infrastruktur stemmen, weil man seit Jahrzehnten Rodel-Weltcups ausrichtet, ist Augenwischerei. Eine solche Riesenveranstaltung in Deutschland, Österreich oder Schweden auszurichten, würde natürlich richtig teuer werden, und viele Bäume würden dafür gefällt werden.

Es waren gute Winterspiele

Pyeongchang hat ordentliche Winterspiele ausgerichtet, die Wege zwischen den Wettkampfstätten waren relativ kurz, die Logistik hat funktioniert, die Pisten und Loipen waren in sehr gutem Zustand, die Athleten fühlten sich gut aufgehoben. Das IOC wird in seinem Fazit wahrscheinlich wieder sagen, dass es die besten Winterspiele waren, die je stattgefunden haben. Das sind sie nämlich alle vier Jahre.

Auf der anderen Seite waren die Pisten und Loipen tatsächlich spärlich besucht. Und selbst beim Eiskunstlauf, eigentlich einer Lieblingssportart der asiatischen Fans, war die Halle nicht ganz voll. Wenn Lindsey Vonn und Aksel Lund Svindal die Hänge herunterrasten, sahen ihnen wenige Hundert Besucher zu. Bei Kälte und Sonnenschein, besten Bedingungen. Das war Olympia-unwürdig, und das wäre in Europa oder Nordamerika sicherlich anders.

Deswegen aber Ländern wie Südkorea die grundsätzliche Berechtigung abzusprechen, solche Spiele auszurichten, ist arrogant. Die Koreaner haben an diesen Spielen großen Anteil genommen, wenn auch nicht viele den Weg zu den Sportstätten gefunden haben. Man spürte einen gewissen Stolz darauf, dass die ganze Welt auf ihr Land blickt. In den Medien gab es kein anderes Thema als Olympia.

Und von den winterlichen Bedingungen hatte Pyeongchang in diesen Wochen mindestens so viel zu bieten wie Berchtesgaden.

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