Olympia-Bilanz Die zwei Gesichter von Vancouver

AFP

2. Teil: Pleiten, Enttäuschung, Entsetzen - Die Verlierer der Spiele


Der Versuch, Olympische Spiele hemmungslos zum Spektakel zu frisieren - das war der fatale Fehler dieser Spiele. Die lebensgefährliche Bob- und Rodelbahn in Whistler steht als trauriges und zugleich mahnendes Monument für diese Entwicklung, vor der Abfahrtsstrecke der Frauen zitterten selbst die Besten der Welt. Funktionäre und als TV-Experten daherkommende Ex-Sportler wie Markus Wasmeier verharmlosten systematisch die Gefahren und werteten die vielen Stürze als branchenübliche Fahrfehler der Athleten. Danach gingen sie zur Tagesordnung über. Eine positive Ausnahme war da der ehemalige Bobfahrer Christoph Langen, der immer wieder die Verantwortlichen der Höllenbahn in Whistler kritisierte. Doch da war es schon zu spät: Der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili hat die Olympischen Spiele nicht überlebt.

Hinter diesem furchtbaren Unglück gleich zu Beginn der Spiele verblasst der typische Olympia-Ärger, den es in Vancouver und Whistler allerdings besonders in der ersten Olympiawoche reichlich gab. Überteuerte Tickets vermiesten den Zuschauern den Spaß, zahlreiche Plätze an den Strecken und in der Eishalle blieben leer, für eine Eintrittskarte zum Eishockey-Finale der Männer wurden astronomische Summen verlangt. Tausende Tickets für Plätze an der Piste verfielen, weil den Organisatoren im Nachhinein aufging, dass die Zuschauer dann im Gefahrenbereich direkt an der Strecke stehen würden.

Statt die Spuren wettbewerbsfähig zu machen, fuhren Eismaschinen Macken und Löcher in die Bahnen der Eisschnellläufer im Richmond Olympic Oval. Und beim Biathlonstart der Verfolgungsrennen sorgten überforderte Wettkampfrichter für ein Zeitchaos ohnegleichen. Eifernde Ordner zerrten ausgepumpte Athleten beim Langlauf und beim Biathlon aus dem Zieleinlauf, damit diese auf der Stelle zur Dopingkontrolle erschienen. Das Springen der Nordischen Kombination wurde gnadenlos durchgepeitscht, obwohl die Athleten im dichten Nebel kaum etwas sehen konnten. Die Pannenliste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Wettkämpfe wurden zu Wetterkämpfen

Überhaupt das Wetter: Die Entscheidung des IOC, die Spiele in eine Küstenregion zu vergeben, stellte sich als zumindest kühn heraus. Plustemperaturen und Regen führten wiederholt zur Verschiebung von Wettkämpfen, plötzliche Witterungswechsel machten bei den alpinen und nordischen Ski-Wettbewerben Außenseiter, die zu günstigeren Bedingungen ins Rennen gingen, unvermittelt zu Medaillengewinnern. Aus Wettkämpfen wurden Wetterkämpfe.

Die deutschen Biathlon-Männer zum Beispiel fühlten sich durch die Wetterbedingungen mehrfach benachteiligt. Dass die vom Erfolg verwöhnten Michael Greis und Co. allerdings ohne jede Medaille blieben, hat nicht nur mit Sturm und Regen zu tun. Die Ergebnisse beim Saisonhöhepunkt waren vielmehr ein Spiegel der Resultate aus dem gesamten Winter. Die Biathleten kamen überhaupt nicht in Olympiaform. Zeit für einen Neuanfang, den der bisherige Frauen-Bundestrainer Uwe Müssiggang vollziehen soll.

Neben den Biathleten sorgten die Kombinierer für die langen Gesichter im deutschen Team. Ronny Ackermann hatte es erst gar nicht bis nach Vancouver geschafft, Medaillenanwärter Tino Edelmann und Björn Kircheisen waren in den Einzelrennen ohne Chance. Immerhin in der Mannschaft langte es zu Bronze.

Männer international abgehängt

Ohnehin häuften sich die Enttäuschungen aus deutscher Sicht bei den Männern. Im alpinen Bereich bleibt man schon traditionell ohne Edelmetall. Für die einzige Hoffnung, Felix Neureuther, war der Slalom schon nach wenigen Sekunden gelaufen. Die deutschen Langläufer hielten sich im Teamsprint mit Silber schadlos. Tobias Angerer setzte mit Platz zwei in der 30-Kilometer-Doppelverfolgung ebenso einen Akzent wie am Ende Axel Teichmann mit seiner Silbermedaille im 50-Kilometer-Massenstart. Die Eisschnellläufer sind von der Weltspitze so entfernt wie lange nicht. Und das Eishockey-Team verpasste die Chance, Werbung für die WM im eigenen Land im Mai zu machen. Eine Niederlage reihte sich an die nächste.

Auch im vermeintlichen deutschen Traumpaar auf dem Eis sorgte der Mann für die Patzer. Robin Szolkowy stürzte in der Kür und zog sich den Zorn des verbissenen Eislauf-Trainers Ingo Steuer zu. Statt des angestrebten Goldes gab es lediglich Bronze, Steuer hatte nur Spott für sein Paar übrig und machte sich damit selbst zu einem der Verlierer der Spiele.

Beim weitaus stabileren deutschen Frauenteam enttäuschten lediglich die Bobfahrerinnen, die nach dem Triumph von Turin vor vier Jahren diesmal medaillenlos blieben. Dagegen kehrt Eisschnelllauf-Darling Anni Friesinger trotz ihrer Leistungen mit einer Goldmedaille aus Vancouver zurück. Die 33-Jährige stolperte im Spätherbst ihrer Karriere mehrfach über das kanadische Eis und hat es nur ihren starken Kolleginnen zu verdanken, dass sie noch mit Gold im Teamwettbewerb beschert wurde.

Trotz Goldmedaille unzufrieden

Enttäuschung trotz Gold: Das ging nicht nur Friesinger so. Der im Vorfeld zum Superstar der Spiele erkorene Ski-Darling Lindsey Vonn aus den USA siegte in der Abfahrt und kam danach nur noch auf eine Medaille: Bronze im Super-G. Schlimmer erging es dem Topläufer der Szene im Eisschnelllauf, Sven Kramer aus den Niederlanden, der nach dem Sieg über 5000 Meter auch Gold über 10.000 Meter gewonnen hätte - wenn ein Blackout seines Coaches ihn und die gesamten Niederlande nicht aus der Spur gebracht hätte.

Aus der Bahn geworfen müssen sich auch die Sportnationen Finnland, Russland und Österreich vorgekommen sein. Alle drei Länder landeten in Vancouver abgeschlagen. In Russland beginnt jetzt das große Stühlerücken. Vier Jahre vor den Winterspielen im russischen Sotschi hat Ministerpräsident Wladimir Putin schon schwerste Konsequenzen für den Wintersport in seinem Land angekündigt.

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Wolfgang Jung 28.02.2010
1. Ziemliche Pannenspiele
Ich habe sie dieses Mal wegen des Zeitunterschiedes nur als Ergebnisdienst in der Zeitung und auf SPON verfolgt. Was ich so nebenbei mitbekommen habe, waren es ja wohl ziemliche Pannenspiele.
Fangio 28.02.2010
2.
Zitat von sysopVor den Olympischen Winterspielen in Vancouver gab es hohe Erwartungen. Wie fällt nun Ihre Bilanz aus? War Vancouver ein guter Gastgeber? Welche Sportler haben Sie am stärksten beeindruckt? Was hat Ihnen nicht gefallen?
Auf der positiven Seite stehen viele junge Überraschungssieger bzw. Medailliengewinner mit guter Perspektive. Insgesamt hat das Frauenteam der Mannschaft ein absolut annehmbares Ergebnis "gerettet". Besonders hat mich das Abschneiden der Alpinen gefreut, schade nur dass Felix Neureuther trotz seiner Topform wieder nicht ins Ziel gekommen ist. Aber eine Chance bei Olympia hat er ja noch, mit dann 29 Jahren. Das Abschneiden der Herren im Schiessen und Weglaufen ist ebenfalls positiv zu sehen, wenn es in Zukunft zu weniger Übertagungszeit führt.. Negativ im Gedächtnis bleibt eine falsch berechnete Bob/Rodelbahn, die einen Exoten das Leben gekostet hat. Olympia-Wettbewerbe sollten schon anspruchsvoll sein, aber dies ist ein hoffentlich einmaliger Vorgang, der sich nie wiederholen darf. Im Eishockey ist leider Rückschritt zu verzeichnen. Ansonsten – von Vancouver mehr Regen als Schnee, sowie die endgültige Abkehr von der belanglosen, z.T. zu national bzw. mit überzogenen Erwartungen gefärbten Klatsch & Tratsch-Berichterstattung der ÖR. Eurosport hatte (jedenfalls in meinem Umfeld) nicht nur in privaten Haushalten die Nase vorn, sondern wohl auch überall dort wo in der Hauptstadt Public Viewing angeboten wurde.
Crom 28.02.2010
3.
Ich hoffe man wird aus diesen Spielen lernen, das gilt zum einen für den Bob- und Rodelsport und zum anderen in Hinblick auf manch eine Juryentscheidung. Insgesamt sehe ich die Spiele aber positiv. Als Zuschauer am TV-Gerät hatte ich jedenfalls das Gefühl, dass die Spiele vor Ort gut angenommen wurden und begeisternde Stimmung herrschte. Das ist auch für die Athleten sicherlich ein entsprechender Ansporn gewesen.
Helidorst 28.02.2010
4. Sport - Wie fanden Sie die Olympischen Winterspiele?
Als ich von den Ureinwohnern in mehreren Interviews hörte, dass 500 000 Bäume gefällt wurden, nur damit Sprungschanzen Platz bekamen und massenhaft Raubbau in der Landschaft um Vancouver getrieben wurde, dass die Obdachlosen aus der Stadt vertrieben wurden und dass fast alle Sport-Events gleich welcher Art nur noch dem schnöden Reibach dienen, hatte ich keine Lust mehr, mir die Olympiade anzusehen. Dann der tödliche Unfall des Rennrodlers beim Training .... und wenn man überelgt, was die ganzen Olympischen Spiele den jeweiligen Städten anschließend eingebracht haben...nullkommanix.Meist war die Infrastruktur so geschädigt, dass der Steuerzahler letztlich dafür aufkommen musste. Prost, Garmisch-Partenkirchen!!!!(Next Desaster!!)
Zaunreiter, 28.02.2010
5. Gemischtes
Mir als Wintersportfan hat imponiert, wie z.b. eine Anja Pärson sich den Berg doch noch nach ihrem Sturz in der Abfahrt mit Bronze in der Kombi erobert hat und dieses mit ihrem Sieges-Diver zeigte. Wie eine koreanische Eiskunstläuferin ihre Sportart in eine neue Dimension führte, Simon Ammann in die Geschichtsbücher flog und daß Bode Miller doch noch Olympiasieger wurde. Es wurde deutlich, daß die kanadischen Zuschauer einzig und allein auf Eishockey fixiert sind und es so wie bei uns im Jahre 2006 zu Massenaufläufen beim Public Viewing kommt. Mal sehen, ob die kanadischen Eishockey-Cracks diesem ungeheuren Druck heute abend standhalten können, wenn ganz Kanada den Sieg erwartet. Eine kleine Kostprobe gabs ja schon beim Finale der Frauen. Überhaupt, der mediale oder der selbstgemachte Druck: Wenn man sich im Ziel eine Maria Riesch, eine Marit Björgen oder einen Petter Northug ansah, um nur einige zu nennen, muß das ja schon enorm gewesen sein, was da von ihnen von nationaler Seite oder auch sie von sich selbst erwarteten. Befremdlich finde ich den nordamerikanischen Stil im Umgang mit den Athleten auf der Bob- und Rodelbahn. Ein tödlicher Unfall führte zu keinerlei Einsichten, der Weltbobverband verpasste allen Beteiligten einen Maulkorb und es schien nur um Show und Geschwindigkeit zu gehen. Gesellschaftspolitisch würde ich mir wünschen, wenn die kanadischen Ureinwohner doch noch von diesen olympischen Spielen - kulturell und monetär - profitieren würden. Alleine sie als Co-Gastgeber zu platzieren finde ich nicht gerade ausreichend.
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