Olympia-Chaos "Wir haben da etwas zu reparieren"

Transportschwierigkeiten, langsame Sicherheitskontrollen und leere Ränge bei einigen Wettbewerben: Die Organisatoren der Olympischen Spiele müssen sich derzeit viel Kritik gefallen lassen. Jetzt reagierten sie mit einem Appell an die Zuschauer.


Turin - "Der Transport war bisher kein Glanzlicht. Da gibt es große Probleme", sagte der neugewählte IOC-Vizepräsident Thomas Bach, "Verkehr und Zuschauerresonanz sind bisher kein Pluspunkt."

Verkehrspolizist an einem Kontrollpunkt: Viel Kritik an der Organisation
DPA

Verkehrspolizist an einem Kontrollpunkt: Viel Kritik an der Organisation

Am Tag nach dem großen Chaos am Berg bestand plötzlich auch bei den Olympia-Organisatoren ein erhöhter Gesprächsbedarf. Die Verkehrsprobleme standen heute auf der Tagesordnung der Koordinierungs-Kommission des Organisations-Komitees Toroc und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Tags zuvor hatten die offensichtlichen Schwierigkeiten noch als unbedeutend gegolten.

Toroc-Sprecher Guiseppe Gattoni räumte zumindest indirekt ein, dass die Sportregion um Sestriere am Sonntag einen Verkehrskollaps erlitten hatte. "Wir haben da sicher etwas zu reparieren." "Wir verstecken uns nicht vor diesem Problem", so die Toroc-Vizepräsidentin Evelina Christillin, "sondern werden eine Lösung finden." Als erste Sofortmaßnahme sei vorgesehen, Polizei- und Armeefahrzeuge aus den Bergen abzuziehen, diese hätten zu den Verkehrsproblemen beigetragen.

Sprecher Gattino, forderte die Zuschauer auf, den Shuttleservice und die Züge zu benutzen und die Autos stehen zu lassen. "Gestern war aber auch ein besonderer Tag mit einigen Wettkämpfen fast gleichzeitig. Das war möglicherweise der schlimmste Tag während der Spiele. Deshalb wird das wohl nicht mehr passieren."

Nach der Skiabfahrt der Herren hatten sich zwischen Sestriere Borgata und Sestriere Colle die Fahrzeuge auf mehreren Kilometern gestaut. Mehr als 8000 Zuschauer hatten das Rennen besucht. Gleichzeitig machten sich zahlreiche Besucher über die Bergstraße in Gegenrichtung auf den Weg nach Pragelato, wo am Abend das Skispringen auf der Normalschanze stattfand. In beiden Richtungen kam der Verkehr zum Erliegen.

Nach Angaben Gattinos waren insgesamt 360.000 Menschen in die olympischen Wintersportorte in den Bergen unterwegs. Die Schwierigkeiten am Rande des alpinen Skirennens seien dadurch zu Stande gekommen, dass zu viele Zuschauer nicht von Sestriere Colle nach Sestriere Borgata wie vorgesehen zu Fuß gingen, sondern Busse benutzten. "Nach den Erfahrungen von gestern ist es für uns einfacher, die nächsten Wettkämpfe zu organisieren", so Gattino.

Zwar geben sich die Organisatoren mit der Zuschauerresonanz zufrieden, schließlich seien bereits 775.000 von knapp einer Million Eintrittskarten verkauft. Die Negativbeispiele erwähnte die Toroc freilich nicht: Beim Rodeln in Cesana waren am Samstagabend nur zehn Prozent der 7130 Zuschauer fassenden Tribüne besetzt. Selbst am Sonntag, als Armin Zöggeler das erste Gold der Spiele für Italien gewann, war die Tribüne nur zur Hälfte besetzt. "Bei den Zuschauern hoffe ich nach den italienischen Medaillen vom Sonntag noch", sagte Bach und lobte - wie zuvor bereits Betreuer und Sportler - die Qualität der Wettkampfanlagen. "Die Sportstätten sind richtig okay."

Die italienische Presse setzte sich ebenfalls mit der Kritik an der Organisation der Spiele auseinander. "Die Logistik hat bei den ersten wichtigen Wettkämpfen in den Olympia-Tälern einige Mängel gezeigt. Auch das Transportsystem muss zum Teil geändert werden, um in einigen Tagen das komplette Chaos zu vermeiden", so die römische Tageszeitung "La Repubblica".

Kritisch über die Lage im Sestriere äußerte sich auch die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera". "In Sestriere geht es drunter und drüber - in jeder Hinsicht. Die langsamen Sicherheitskontrollen haben zur ersten, echten Olympia-Panne geführt", schrieb das Blatt. In Sauze d Oulx kam es zu Spannungen, nachdem ein Autofahrer bei einer Sperre nicht halten wollte und dabei einen Polizisten anfuhr. Der Polizist wurde nur leicht verletzt, berichtete die Turiner Tageszeitung "La Stampa".

Der zähe Verkehr bereite allerdings nur den Zuschauern Schwierigkeiten. "Die Sportler sind nicht betroffen", erklärte Bernhard Schwank, Generalsekretär des deutschen NOK. Dank eigener Fahrzeuge und Transporter und mit Passierscheinen können sich die Mitglieder der deutschen Mannschaft weitgehend ohne Behinderungen durch die Bergregion bewegen.

jto/dpa/sid



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