15-jährige Eiskunstläuferin Lipnitskaja Dieses Kind soll für Russland Gold holen

Julia Lipnitskaja ist der Liebling des russischen Publikums. Eine ganze Nation erwartet von der 15-Jährigen die Goldmedaille im Eiskunstlauf. Die will ihr allerdings eine US-Konkurrentin streitig machen. Profitieren könnte am Ende eine Dritte.

DPA

Aus Sotschi berichtet


Das ist der Tag, auf den Russland gewartet hat. Der Gastgeber der Olympischen Winterspiele hat zwar mit 19 Medaillen das Soll bisher einigermaßen erfüllt, aber es fehlt noch der ganz große Glanz. An diesem Mittwoch soll das alles anders werden. Das Eishockeyteam muss im Viertelfinale gegen Finnland endlich zeigen, was wirklich in ihm steckt. Und: Julia tritt auf. Das Wunderkind auf dem Eis.

Seit Tagen ist Russland im Julia-Lipnitskaja-Fieber. Ein 15-jähriges Mädchen ist zur Projektionsfläche der russischen Olympiaträume geworden. Wenn am Nachmittag (16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) der Frauen-Wettbewerb auf dem Eis mit dem Kurzprogramm eröffnet wird, hängt eine ganze Nation vor dem Fernseher. Über tausend Euro haben Schwarzmarkthändler für eine Eintrittskarte zur Kür am Donnerstag im Eisberg-Eispalast in Sotschi verlangt. Beide Veranstaltungen, Kurzprogramm und Kür, sind seit Monaten restlos ausverkauft.

Von der Hauptperson selbst ist in diesen olympischen Tagen fast nichts zu sehen gewesen. Nachdem Lipnitskaja im Teamwettbewerb die höchsten Punktwertungen erzielt und maßgeblich mitgeholfen hatte, dass Russland Mannschaftsgold holte, wurde sie von der Außenwelt abgeschottet. "Sie ist kein Typ für die Öffentlichkeit", sagt ihre Mutter. Was vermutlich die Fehleinschätzung des Jahres sein dürfte. Je weniger von ihr zu sehen und zu hören war, desto mehr stieg die mediale Hysterie um den Teenager.

Jahrhunderttalent oder Maschine

Mit vier Jahren begann sie mit dem Eiskunstlaufen. Mit zehn Jahren wechselte sie aus ihrer Heimatstadt Jekaterinburg nach Moskau in die Obhut von Trainerin Eteri Tutberidse. Die erkannte schnell Lipnitskajas Talente: Beweglichkeit, Schnelligkeit - in dieser Hinsicht gibt es wenige, die es mit ihr aufnehmen können. Lipnitskaja beherrscht als einzige die Pirouette im Spagat. Bei ihrem ersten ganz großen Wettkampf, der Europameisterschaft in Budapest im Januar, gewann sie gleich den Titel. Mit einer Punktzahl, die sie auf Platz zwei der ewigen Bestenliste brachte. Die Deutsche Presse-Agentur nennt sie ein "Jahrhunderttalent".

"Julia ist eine Maschine": Das klingt plötzlich nicht mehr so freundlich, und man ahnt schnell, dass diese Worte von einer Konkurrentin kommen. Gracie Gold, die den Satz vor ein paar Tagen in Sotschi gesagt hat, ist schon ein bisschen länger im Geschäft als ihre russische Kollegin. Der Wirbel um ihre Person ist aber fast genauso groß. Die blonde US-Amerikanerin, die derzeit von etlichen US-Magazinen herunterlächelt, ist von den heimischen Medien als Gegenfigur zu dem Mädchen aus Russland aufgebaut worden.

Die fröhliche Gracie gegen die ernste Julia, USA gegen Russland. Es ist wie ein Duell aus den Zeiten des Kalten Krieges.

Gold hat mit kessen Aussagen einiges dafür getan, dieses Klischee zu befeuern. "Julia ist eine sehr gute Eisläuferin. Aber bei Olympischen Spielen kommt es auf andere Sachen an. Zum Beispiel darauf, auf den Punkt die beste Leistung zu bringen." Zudem habe sie Julia beobachtet "und gesehen, dass sie auch ihre Schwächen hat". Gold gibt sich demonstrativ selbstbewusst, die Russen registrieren das mit einer gewissen Beunruhigung.

Fragezeichen hinter Kim Yu Na

Am Ende könnte aber eine ganz andere oben stehen, die sich aus den Sticheleien im Vorfeld vollständig herausgehalten hat. Kim Yu Na aus Südkorea ist die Titelverteidigerin, sie hat vor vier Jahren in Vancouver Publikum und Presse mit ihrer Eleganz zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Ihre Kür war ein einziges Sprungfeuerwerk: Dreifach-Lutz-Dreifach-Toeloop-Kombination, dreifacher Flip, Doppel-Axel-Doppel-Toeloop-Doppel-Rittberger-Kombination, Doppel-Axel-Dreifach-Toeloop-Kombination, dreifacher Salchow, dreifacher Lutz, Doppel-Axel. Keine hat jemals eine so hohe Wertung bekommen wie sie. Eigentlich ist sie die geborene Anwärterin auf die Goldmedaille.

Aber Kim ist angeschlagen nach Sotschi gereist. Seit Monaten plagt sie sich mit einer Fußverletzung herum. Niemand weiß, wie fit sie ist. Zudem wird das Publikum alles tun, Lipnitskaja zum Sieg zu jubeln.

Als die junge Russin im Teamwettbewerb mit ihrem knallroten Kostüm auf dem Eis stand wie ein formvollendetes Rotkäppchen, hielt es auch Wladimir Putin auf der Tribüne nicht auf den Sitzen. Der Präsident erhob sich nach ihrer Kür zu Standing Ovations, die ganze Halle tat es ihm nach.

Gracie Gold stand an der Bande und schaute zu. Sie lächelte nicht.

insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HerrZlich 19.02.2014
1. Dieses Kind auch?
Zitat von sysopDPAJulia Lipnitskaja ist der Liebling des russischen Publikums. Eine ganze Nation erwartet von der 15-Jährigen die Goldmedaille im Eiskunstlauf. Die will ihr allerdings eine US-Konkurrentin streitig machen. Profitieren könnte am Ende eine Dritte. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-eiskunstlaeuferin-julia-lipnitskaja-ist-russlands-hoffnung-a-954352.html
Was macht eigentlich die Deutsche Sportlerin Gianina Ernst? Die deutsche Skispringerin ist die jüngste Teilnehmerin der Olympischen Spiele. Ich hoffe, dass ganz Deutschland darauf wartet, dass dieses Kind auch eine Medaille holt.
Wagnerf 19.02.2014
2. Kind?
Kind ist man bis 13 Jahren. Ab 14 Jahren ist man Jugendlicher. Aber das klingt natürlich nicht so dramatisch im Titel.
to5824bo 19.02.2014
3. Alles andere als Rotkäppchen
---Zitat--- (...) Als die junge Russin im Teamwettbewerb mit ihrem knallroten Kostüm auf dem Eis stand wie ein formvollendetes Rotkäppchen (...) ---Zitatende--- Dieser Auftritt war in der Tat tief beeindruckend - nicht nur von der sportlichen Leistung her betrachtet. Libnitskaja stellte das von den Nazis ermordete "Mädchen im roten Mantel" aus "Schindlers Liste" dar - zur gleichnamigen Titelmusik aus dem Film. Ob es ein gute Idee ist, ein derart furchtbares Geschehen für einen Eiskunstlauf zu thematisieren, kann man fragen - ich habe für mich selber noch keine klare Antwort darauf gefunden. Die Darbietung hat mich jedenfalls ergriffen. Sie war auch allemal würdig. Und formvollendet in der Tat. Aber bitte: Es war alles andere als "Rotkäppchen".
Nania 19.02.2014
4.
Zitat von HerrZlichWas macht eigentlich die Deutsche Sportlerin Gianina Ernst? Die deutsche Skispringerin ist die jüngste Teilnehmerin der Olympischen Spiele. Ich hoffe, dass ganz Deutschland darauf wartet, dass dieses Kind auch eine Medaille holt.
Irgendwie will mir nicht so recht klar werden, warum solche Kinder schon so gepusht werden, dass man von ihnen erwartet, eine Goldmedaille zu holen. Das sind Erwartungen, die, wenn sie enttäuscht werden, vielleicht noch schlimmer sind, als wenn man es sich selbst vornimmt und dann scheitert.
Kitujn 19.02.2014
5. Herr Ahrens weiß natürlich alles besser.
Die Mutter des Mädchens sagt über Julia "Sie ist kein Typ für die Öffentlichkeit." Und Herr Ahrens meint, dies dürfte die größte Fehleinschätzung des Jahres sein. Ja ja, sicher doch... Schließlich hat die Mutter des Mädchens natürlich keine Ahnung, weil sie ihr Kind kaum kennt. Herr Ahrens aber, scheint sie dafür vom Kleinkindalter auf permanent begleitet zu haben, daher wird seine Meinung natürlich viel eher zutreffen, als die der Mutter...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.