Olympia-Fazit Von Pappnasen, Helden und einem Toten

Ein junger Rodler stirbt, ein Bob-Kollege boykottiert die brandgefährliche Bahn, die Deutschen landen im Medaillenspiegel weit vorne: Die Winterspiele boten Stoff für viele Geschichten, schöne und traurige. Christian Gödecke zieht seine Bilanz der Wochen in Vancouver und Whistler.
Schweizer Bobpilot Schmid: "Ich bin nicht lebensmüde"

Schweizer Bobpilot Schmid: "Ich bin nicht lebensmüde"

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"Die deutsche Mannschaft ist intakt geblieben und hat jeden Tag mindestens eine Medaille abgeliefert." (Bernhard Schwank, Chef de Mission)

Nimmt man die deutschen Medaillen als Maßstab, waren diese Olympischen Spiele tatsächlich ein Erfolg. Im Medaillenspiegel gab es die Silbermedaille hinter Kanada, und Gastgeber wachsen ja sowieso immer über sich hinaus. Deutschland, so kann man es sehen, war in Vancouver der Beste vom Rest.

Es gab glänzende Helden, die man sich so erwartet ( Magdalena Neuner), erhofft ( Maria Riesch) oder nicht erträumt hatte ( Viktoria Rebensburg, Stephanie Beckert). Das ist wichtig, weil es immer die außergewöhnlich erfolgreichen Sportler sind, die den Nachwuchs motivieren, Eisschnellläufer statt Fußballprofi zu werden. In Vancouver, auch so kann man es sehen, waren es vor allem außergewöhnlich erfolgreich Sportlerinnen. Acht von zehn Goldmedaillen gewannen die Frauen, 20 von 30 Medaillen insgesamt.

Natürlich hätte Bernhard Schwank auch über die Medaillen sprechen können, die Deutschland nicht geholt hat. Die in den sogenannten Trendsportarten wie Skicross oder Freestyle, in denen Deutschland von der Weltspitze ungefähr so weit entfernt ist wie der 51 Jahre alte Mexikaner Prinz Hubertus von Hohenlohe von einer Podestplatzierung im Slalom. Aber ein Fazit Olympischer Spiele ist selten eine Abrechnung. In den Trendsportarten habe man Nachholbedarf, räumte Thomas Bach, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), immerhin ein.

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Olympische Winterspiele 2010: Die besten Bilder aus Vancouver

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Vielleicht gleicht sich aber bald auch einiges von selbst aus. Es gilt als ausgemacht, dass demnächst weitere Sportarten olympisch werden. Dem IOC gefällt es nicht, dass Anlagen wie die Skisprungschanzen wochenlang ungenutzt herumstehen. Im Skispringen der Frauen ist Deutschland weltspitze. Im Fazit für Sotschi 2014 könnten sie schon auftauchen. Oder in München vier Jahre später - wenn die Spiele denn dort stattfinden.

Matte Botschafter für München 2018

"Die Athleten waren nicht nur erfolgreich, sondern auch Sympathieträger und glanzvolle Botschafter unseres Landes." (Thomas Bach, DOSB-Chef)

Die Olympischen Spiele sollten dem DOSB Medaillen bringen, aber vor allem etwas, das schwerer wiegt als die 500-Gramm-Plaketten: Sympathiepunkte für München. Die bayerische Landeshauptstadt bewirbt sich für die Winterspiele 2018, Vancouver sollte Studienobjekt sein und zugleich eine Bühne.

Da war Münchens Oberbürgermeister Christian Ude. Er gab eine Pressekonferenz, auf der er über die Vorzüge des Bewerbers sprach und auch kurz das Oktoberfest erwähnte. Nie, so Ude, habe es dort auch nur einen "ernsthaften Vorfall" gegeben. Der Bürgermeister hatte allerdings den Anschlag auf die Theresienwiese 1980 vergessen, bei dem 13 Menschen starben. Ude musste sich einen Tag später entschuldigen.

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Vancouver 2010: Die bewegendsten Momente der Winterspiele

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Da war Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. Einen Tag nach dem Ude-Patzer lud die Bayerische Staatskanzlei zu einer offiziellen Pressekonferenz. Seehofer wollte über 2018 sprechen und erste Eindrücke seiner Reise. Leider ist laut IOC-Statuten nur eine offizielle Veranstaltung im Zusammenhang mit der Olympiabewerbung erlaubt. Seehofer musste die PK absagen.

Da war Innenminister Thomas de Maizière. Er besuchte das Deutsche Haus, fand einiges an Vancouver lobenswert, sah aber auch "vieles, was wir besser können".

Die Sportler mögen gute und glanzvolle Botschafter gewesen sein für Deutschland. Die Botschafter für München 2018 glänzten matt.

Desaster der Biathlon-Männer

"Er hat zehn oder fünfzehn Jahre super Arbeit abgeliefert. Ihm kann man jetzt nicht die Schuld geben." (Thomas Pfüller, DSV-Sportdirektor)

Thomas Pfüller stand in der Nähe der Wachskabinen, das letzte Rennen der Biathleten war gerade vorbei. In der Staffel hatten die Männer Platz fünf belegt und der schlimmste Albtraum war Realität: null Medaillen. Pfüller, ein sanfter, massiger Mann, hatte Tränen in den Augen, als er über den scheidenden Männertrainer Frank Ullrich sprach.

Er wollte Ullrich jetzt nicht die Schuld geben an den vielen Fehlschüssen und schwachen Laufleistungen. Er wollte die Lebensleistung des Biathlon-Trainers nicht beschädigen, also sprach er über die Zukunft. Pfüller wies auf die neue Gesamtverantwortung des bisherigen Frauen-Trainers Uwe Müßiggang hin. Er könnte sich außerdem einen separaten Schießtrainer vorstellen. Er wolle ehemalige Größen wie Fritz Fischer oder Ricco Groß einbinden.

Nimmt man die Vergangenheit als Maßstab, waren die Spiele für die deutschen Biathlon-Männer ein Desaster. Aber, und das will Pfüller eigentlich sagen, es könnte zur richtigen Zeit gekommen sein.

PR-Bluff der Wada

"Es gibt eine außerordentlich hohe Zahl an positiven Fällen." (John Fahey Chef der Welt-Antidoping-Agentur Wada)

Die Zahl klang mächtig. 30 Athleten hatte die Wada den Start bei den Olympischen Winterspielen kurzfristig untersagt. Auf der Pressekonferenz stellte sich dann heraus: Es gab keinen einzigen aktuellen Dopingfall, nur olle Kamellen. Einen PR-Bluff der Wada. Bis zum Ende der Spiele wurde nur ein Sportler überführt.

Wenn man nur die Zahl der erwischten Athleten als Maßstab nimmt, waren die Spiele von Vancouver sauber.

Man kann aber auch die Zahl der mutmaßlich nicht Erwischten nehmen und prophezeien, dass es mal wieder so sein wird wie immer: Einige Medaillenentscheidungen werden mit Verspätung fallen. Acht Jahre dürfen die Blutproben ja aufbewahrt werden.

Das IOC feierte außerdem den Nachweis des Wachstumshormons HGH. Ein bisschen Misstrauen muss erlaubt sein: Das Verfahren war seit elf Jahren bekannt.

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten

"Die Bahn ist schnell, aber nicht zu schnell oder unsicher." (Josef Fendt, Präsident des Internationalen Rodelverbands Fil)

Josef Fendt sagte den vielleicht bedrückendsten Satz der Spiele. Er klang dabei wie der ehemalige DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht, der zwei Monate vor der deutschen Teilung behauptete, dass niemand die Absicht habe, "eine Mauer zu errichten". Alles sprach dagegen und Ulbricht wusste das auch.

Die Bahn in Whistler war nicht sicher, das konnte jeder sehen und jeder spüren, der dort hinunterfahren musste. Es gab ungezählte Stürze beim Rodeln und Bobfahren und es gab den Schock dieser Spiele: Nodar Kumaritaschwili, 21, kam im Eiskanal des Whistler Sliding Centre ums Leben.

Kumaritaschwili wurde zum tragischen Opfer der Bahn, Daniel Schmid wurde zum Helden. Der Schweizer Bobfahrer setzte ein so mutiges wie seltenes Zeichen und verzichtete auf seinen ersten Olympiastart. Es war ein Statement gegen die Bahn aber auch gegen verantwortungslose Funktionäre, die die Sicherheit der Athleten riskierten. "Ich bin nicht lebensmüde", sagte Schmid und nannte die Bob-Bosse "Pappnasen".

Die Reaktion der Attackierten macht nicht unbedingt Mut. Schmid sagten sie: "In Sotschi 2014 wird es noch schlimmer."