Olympia-Pleite Münchens Scheitern, Deutschlands Chance

Mit Pyeongchang hat der logische Kandidat den Zuschlag für die Winterspiele 2018 bekommen: Zu wichtig ist der asiatische Markt, zu lange haben die Südkoreaner sich bemüht. Der Verlierer München hatte letztlich keine Chance - aber Deutschland dadurch künftig bessere Aussichten auf die Spiele.

dapd

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Es kann nur einen geben. Das ist im Sport nun einmal so: Nur einer kann auf den Gewinnerplatz, der Zweite ist der erste Verlierer. Deshalb ist auch München an diesem Tag des Olympia-Entscheids im südafrikanischen Durban ein Verlierer. Die Stadt hat bei ihrer Bewerbung für die Winterspiele 2018 wenig falsch gemacht, aus dem anfänglich klaren Außenseiter wurde am Ende zumindest ein gefühlter Mitfavorit.

Letztlich jedoch ist München ein von Anfang an kaum zu gewinnendes Rennen mit dem südkoreanischen Kandidaten Pyeongchang eingegangen. Die asiatische Bewerberstadt hatte Vorteile auf ihrer Seite, gegen die ein Gegenkandidat nichts ausrichten konnte. Insofern war Pyeongchang denn auch der logische Gewinner.

Man muss sich das Internationale Olympische Komitee IOC nicht als eine Organisation vorstellen, in der der Gerechtigkeitsgedanke an erster Stelle steht. Dennoch: Nach zwei vergeblichen Bewerbungen Pyeongchangs für die Spiele 2010 und 2014 sahen die IOC-Mitglieder den Zeitpunkt gekommen, diese Bemühungen zu belohnen. Ein weiteres Scheitern hätte das Verhältnis des IOC zu Asien erheblich belastet. Das wollten die Verantwortlichen nicht riskieren.

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Winterspiele 2018: Triumph für Pyeongchang
Asien ist als Markt und als Marke der Zukunft zu wichtig, um den Kontinent nachhaltig zu verprellen. Da denkt das IOC ähnlich wie die Fußball-Schwester Fifa, als sie sich für die WM 2022 den umstrittenen Ausrichter Katar erwählte. Dass mit dem Samsung-Konzern einer der Hauptsponsoren der Olympischen Spiele hinter der Bewerbung steht, hat sicher auch nicht geschadet.

Europäer waren sich nicht einig

Auch darf man davon ausgehen, dass sich die europäischen Delegierten nicht einig waren. Beide Mitbewerber, München und das französische Annecy, dürften sich gegenseitig Stimmen weggenommen haben. Auch das trug dazu bei, dass es für Pyeongchang bereits im ersten Wahlgang überraschend deutlich reichte.

Und: Ein Erfolg für München hätte für andere potentielle Interessenten aus Europa wie die Skandinavier oder Italien bedeutet, dass sie in absehbarer Zeit keine Chance auf die Spiele mehr gehabt hätten. Nach der Logik des IOC wären schließlich danach wieder andere Kontinente als Europa an der Reihe. Was bei den Winterspielen im Klartext heißt: Nordamerika oder Asien. Auch das hat manch europäische Stimme gekostet.

München mit der Frontfrau Katarina Witt muss sich insgesamt relativ wenige Fehler vorwerfen lassen. Die Bewerbung hatte allerdings einen äußerst holprigen Beginn. Organisationschef Willy Bogner hatte es zunächst überhaupt nicht verstanden, Olympiagegner im eigenen Land wie die Grundstücksbesitzer von Garmisch in die Abläufe einzubinden. In dieser Phase wurden Erinnerungen wach an die desaströsen Kandidaturen von Berlin für die Spiele 2000 und Leipzig (2012), die eine einzige Anhäufung von Peinlichkeiten und Fehlern waren. Erst mit Bogners Abgang und der Übernahme der Geschäfte durch die geschmeidige und eloquente Witt änderte sich das. Dann nahm die Bewerbung Münchens Schwung auf.

Echte Olympia-Begeisterung gab es im Lande nicht

Eine echte Olympia-Begeisterung in Deutschland zu entfachen, das ist allerdings auch der früheren DDR-Eisprinzessin nicht gelungen. In München mag sich eine Mehrheit auf die Spiele gefreut haben. Der Rest der Republik betrachtete das Thema mit kühler Distanz. Selbst die Boulevardmedien trauten sich nicht, ein Olympiafieber im Lande auszurufen.

Die Bewerbung Münchens blieb somit ein regionales Ereignis, vorbehalten der bayerischen Landespolitik, den Seehofers und Udes. Die Unterstützung des Projekts aus Berlin durch die Bundeskanzlerin und ihr Kabinett fiel dagegen verhalten aus und beschränkte sich auf das pflichtschuldige Daumendrücken vor Durban. Dazu kommt die Erkenntnis, dass selbst ein Olympia-Botschafter Franz Beckenbauer keine Garantie mehr ist, dass die Dinge nach Wunsch verlaufen.

Das alles bedeutet nicht, dass Deutschland seine Versuche, sich um Olympische Spiele zu bewerben, nun einstellen sollte. Im Gegenteil: Das Scheitern Münchens in Würde hat die Chancen, einen deutschen Bewerber mittelfristig erfolgreich durchzubringen, sogar eher gehoben.

Bachs Chancen auf den IOC-Vorsitz sind gestiegen

Denn immerhin hat der Deutsche Olympische Sportbund DOSB gezeigt, dass eine deutsche Bewerbung auch charmant und intelligent vorgetragen werden kann. Die übliche Skepsis der hiesigen Öffentlichkeit gegenüber solchen Großprojekten ist dadurch kleiner geworden. Für weitere Kandidaten aus Deutschland hat München die Tür im IOC geöffnet. So gesehen hat die deutsche Bewerbung auch gewonnen.

Und Deutschlands oberster Sportfunktionär, DOSB-Chef Thomas Bach, dürfte im stillen sogar durchaus zufrieden mit dem Ausgang der Wahlprozedur von Durban gewesen sein. Ab sofort sind seine Aktien, der nächste Vorsitzende des IOC zu werden, sprunghaft gestiegen. Amtsinhaber Jacques Rogge tritt 2013 nach zwölf Jahren an der Spitze des Komitees ab. Bach, zurzeit IOC-Vizepräsident, stünde für die Nachfolge bereit.

Bisher hat sich der 57-Jährige, was seine Karriere-Ambitionen angeht, öffentlich stets zurückgehalten. Er tat dies auch, um die Bewerbung Münchens nicht zu gefährden. Ein IOC-Boss Bach und eine Olympiastadt München - das wäre den IOC-Mitgliedern vermutlich zu viel deutsche Hegemonie gewesen. Aber jetzt, wo das Thema München erledigt ist, ist die Bahn frei für Bach.

Südkorea, davon darf man ausgehen, wird Spiele ausrichten, die von Perfektionismus geprägt sind. Ohne Pannen, ohne große Improvisationen, dafür mit einem hohen Sicherheitsaufwand. So hat man bisher Großereignisse in diesem Land wie die Sommerspiele 1988 oder die Fußball-WM 2002 in Erinnerung.

Die große Sportbegeisterung, mit der München geworben hat, wird man möglicherweise an der einen oder anderen Stelle vermissen. Dazu ist der Wintersport in Südkorea noch zu wenig verwurzelt. Die Spiele können allerdings dazu beitragen, dass sich das ändert. Pyeongchang hat diese Chance verdient.

insgesamt 235 Beiträge
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venicius 06.07.2011
1. Nicht den Mut verlieren und die Krise als Chance begreifen.
Zitat von sysopMit Pyeongchang hat der logische Kandidat den Zuschlag für die Winterspiele 2018 bekommen: Zu wichtig ist der asiatische Markt, zu lange haben die Südkoreaner sich bemüht.*Der Verlierer*München hatte letztlich keine Chance - aber Deutschland dadurch künftig bessere Aussichten auf die Spiele. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,772783,00.html
Na, na. Immer optimistisch sein und nur nicht unterkriegen lassen. Man muss auch die positiven Aspekte dieser Entscheidung sehen und die Krise als Chance begreifen. Bei der 275. Bewerbung klappt es dann vielleicht mit dem Zuschlag. Und man kann in so einem Bewerbungsverfahren ja auch eine ganze Menge lernen, fürs nächste mal. Einfach weiter machen und die nächste BEwerbung abschicken. Bei soo vielen Bewerbern kann man ja nun auch nicht immer ALLES richtig machen. Und wer es nicht erneut probiert, wird nie erfahren, ob es nicht gerade beim nächsten Mal geklapp hätte. Also. Nicht den Mut verlieren.
uhrentoaster 06.07.2011
2. Sieg der Natur
Zitat von sysopMit Pyeongchang hat der logische Kandidat den Zuschlag für die Winterspiele 2018 bekommen: Zu wichtig ist der asiatische Markt, zu lange haben die Südkoreaner sich bemüht.*Der Verlierer*München hatte letztlich keine Chance - aber Deutschland dadurch künftig bessere Aussichten auf die Spiele. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/0,1518,772783,00.html
Eine gute Nachricht. Ich hoffe, dass der Protest das IOC etwas beeinflusst hat. :-)
venicius 06.07.2011
3. Trainingsmaßnahmen?
Zitat von veniciusNa, na. Immer optimistisch sein und nur nicht unterkriegen lassen. Man muss auch die positiven Aspekte dieser Entscheidung sehen und die Krise als Chance begreifen. Bei der 275. Bewerbung klappt es dann vielleicht mit dem Zuschlag. Und man kann in so einem Bewerbungsverfahren ja auch eine ganze Menge lernen, fürs nächste mal. Einfach weiter machen und die nächste BEwerbung abschicken. Bei soo vielen Bewerbern kann man ja nun auch nicht immer ALLES richtig machen. Und wer es nicht erneut probiert, wird nie erfahren, ob es nicht gerade beim nächsten Mal geklapp hätte. Also. Nicht den Mut verlieren.
Ach ja: Wie wärees mit einem Bewerbungstraining fürs nächste mal. Oder vielleicht einfach mal so zur Probe in eine Olympia-Trainingsmaßnahme. Wer weiß wofür es gut ist und Deutschland muss sich eben erst mal wieder fit machen für den Olympia-Bewerbungsmarkt
mimak 06.07.2011
4. Wenigstens 1 gute Nachricht
Ein "Groschengrab" und Umweltschädigungsevent weniger. Jetzt müsste nur das Geld was für die Bewerbung verschwendet wurde für sinnvolles (Bildung und Wissenschaft) eingesetzt werden.
wrtlbrmft 06.07.2011
5. entscheidend...
...in diesem Artikel ist der eine Halbsatz: "...zu wichtig ist der asiatische Markt....". Niemand missbraucht den Sport mehr als IOC und Fifa. Dieser post kommt aus einem Biergarten ganz in der Nähe einer Region, die 2018 vor diesen korrupten Zirkusdeppen ihre Ruhe haben wird. Halleluja!!!!
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