Olympische Spiele Sotschis Protestzone ist eine Farce

Russische Behörden haben in Sotschi eine Protestzone eingerichtet, mitten im Nirgendwo. Zwölf Kilometer vom Olympiapark entfernt wird aber kaum demonstriert - und wenn, dann sind es Anhänger von Wladimir Putin.

Russischer Polizist im Pobedy-Park: Demonstriert wird hier nicht
AP

Russischer Polizist im Pobedy-Park: Demonstriert wird hier nicht

Aus Sotschi berichtet


Protest: Das bedeutet Unruhe, Aufregung, Hektik. Protest bedeutet nicht: Vogelgezwitscher, Stiefmütterchen, Pensionäre auf Parkbänken. Genau so sieht sie allerdings aus, die offizielle Protest- und Demonstrationszone der Olympischen Winterspiele, zwölf Kilometer abseits der Wettkampfstätten im Nirgendwo zwischen Sotschi und dem Olympischen Park.

Wenn man irgendwo keinen Protest vermutet, dann hier. Der Pobedy-Park von Khosta, eingeklemmt zwischen der Bahntrasse auf der einen und einem Flussbett auf der anderen Seite, unter einer befahrenen Straßenüberführung, eingerahmt von riesigen Plakaten, die für die Olympiasponsoren werben. Lediglich ein paar gelangweilte Polizisten lassen erahnen, dass es sich hier um einen politisch brisanten Ort handeln könnte.

Demonstriert wird an diesem Tag nicht, wurde in den Tagen zuvor nicht und wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch in den restlichen Olympiatagen nicht. Die Protestzone ist eine Farce. Und hat damit ihren Zweck aus Sicht der russischen Behörden erfüllt.

Bislang nur eine Demo der Kommunisten

Im Januar hatte Russland nach dem Anschwellen der internationalen Kritik an den Umständen, unter denen diese Spiele stattfinden, generös die Protestzone eingerichtet. Am 1. Februar, also vier Tage vor der Eröffnung, hatte dann tatsächlich eine Abordnung der Kommunistischen Partei Russlands die Chance wahrgenommen, mit 50 Leuten aufzutauchen. Anlass für ihre Demonstration: Die Kommunisten verlangten eine höhere finanzielle Unterstützung für Bürger, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden.

Während der Spiele wurde bisher erst eine Demonstration angemeldet. Antragsteller war eine regionale Umweltorganisation. Weil sie aber 500 Teilnehmer angemeldet hatten, lehnten die Behörden den Antrag als nicht genehmigungsfähig ab - in dem Park hätten maximal 100 Demonstranten Platz. Als die Stadtverwaltung im Gegenzug anbot, die Umweltschützer könnten doch eine Diskussionsveranstaltung organisieren, die dann allerdings ohne Presse stattzufinden habe, sagten die Aktivisten ab.

Wenn hier mal tatsächlich was los ist, dann ist es die Weltpresse, die den Park bevölkert und sich auf die vergebliche Suche nach dem Protest macht. Der Russland-Korrespondent von "Voice of America" reiste extra aus Moskau an, um sein Fernsehteam das idyllische Nichts abfilmen zu lassen. Mit einiger Mühe brachte er es immerhin zustande, ein vorbeischlurfendes Rentnerpärchen vor die Kamera zu ziehen. Die beiden gaben pflichtschuldig zu Protokoll, dass Russlands Präsident Wladimir Putin "mit den Spielen viel für die Region getan hat".

Die "New York Times" war schon hier, die Deutsche Presse-Agentur, der US-Sender ABC - sie alle haben das Vogelgezwitscher in Wort oder Bild festgehalten und Müttern, die arglos ihre Kinderwagen durch den Park schoben, Statements zur russischen Politik abgenötigt. Die Kollegen von der "Global Post" aus den USA hatten in der Vorwoche das Glück, zumindest eine Demonstrantin antreffen zu können. Tatjana Schelkowskaja reiste sogar aus St. Petersburg an, sie hatte ein Plakat dabei mit dem Konterfei des Präsidenten und demonstrierte - pro Putin. "Putin tut alles, was er kann, für unser Vaterland", sagte sie. Sie hat durch die Veröffentlichung der "Global Post" sogar ein wenig Ruhm erlangt. Nach drei Tagen fuhr sie wieder nach Hause.

Transsexuelle aus Italien festgenommen

Dabei gibt es Protest. Es gibt diejenigen, die mit Putins autoritärer Amtsführung, mit dem russischen Anti-Homosexuellen-Propaganda-Gesetz, mit dem Gigantismus der Spiele nicht einverstanden sind. Erst am Sonntag wurde eine Demonstrantin festgenommen, die gegen das Anti-Homosexuellen-Gesetz protestierte. Sie hatte sich allerdings nicht die Protestzone ausgesucht, sondern publicityträchtiger den Haupteingang zum Olympiapark. Dort stand sie mit einem regenbogenfarbenen Schirm in der Hand und schwenkte eine Fahne mit der Aufschrift: "Gay is okay".

Die Behörden griffen sofort ein und nahmen die Frau fest. Nach ein paar Stunden ließen sie sie mitten in der Nacht wieder frei. Später wurde bekannt, dass es sich dabei um die bekannte Transsexuelle Vladimir Luxuria handeln soll. Luxuria, eine Ikone der Schwulenbewegung und ehemalige italienische Abgeordnete, teilte mit, sie sei respektvoll behandelt worden.

Solche Szenen gab es in Khosta nicht, es wird sie wohl auch nicht geben. Nach einer Viertelstunde hatte auch der Korrespondent von "Voice of America" genug gesehen. Der nächste Film-Termin fürs Publikum daheim wartete. Er musste am selben Tag noch Stalins alte Datscha aufsuchen.



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Seite 1
dein_idol 17.02.2014
1.
Zitat von sysopAPRussische Behörden haben in Sotschi eine Protestzone eingerichtet, mitten im Nirgendwo. Zwölf Kilometer vom Olympiapark entfernt wird aber kaum demonstriert - und wenn, dann sind es Anhänger von Wladimir Putin. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympia-sotschis-protestzone-ist-eine-farce-a-953981.html
Ist natürlich ein schlauer Schachzug von den Russen. Bei Olympia sind Proteste nun mal nicht erlaubt/erwünscht. Also bietet man an ausserhalb das protestieren durchzuführen. Nachher kann man dann sagen das es keine Anträge gab, also ist alles fein. Auch die Festnahme sollte man relativiert sehen. Wenn die da mit der Fahne steht und nach Aufforderung nicht verschwindet, sollte sie mit Platzverweis belegt werden. Wenn das ignoriert wird ist eine Festnahme wohl nicht nur in Russland üblich. Wäre also sehr nett zu wissen: -Welche Regeln zum protestieren es im Olympiaeingang gibt (Olympische Regeln, keine Russischen) -Wurde die Frau gleich verhaftet oder hat sie einen Platzverweis bekommen? Diese reine negative Presse über Russland finde ich nicht sehr dolle. Es ist nun wahrlich kein Land in dem ich leben möchte aber ob es weitaus schlimmer ist als in anderen Ländern, ich weiss nicht.
kf_mailer 17.02.2014
2.
unglaublich keine Proteste und die Zone liegt ein paar Kilometer abseits? Das ist ja wirklich ein Skandal! Vielleicht denkt man hier langsam darüber nach ins Satiregeschäft zu wechseln?
spibufobi 18.02.2014
3. Das einseitige
Dümmliche Russland bashing das von den Medien in der BRD betrieben wird ist eine Farce!!! Und der Umgang mit Russland im allgemeinen dient nicht deutschen Interessen. Aber Politik in deutschem Interesse wird hier ja schon lange nicht mehr Betrieben...
Hornaugen 18.02.2014
4. man erinnere sich
nur an die beiden(!) letzten Occupy Demos in Deutschland. Eine katastrophe für die Demonstrationskultur, darüber hätte ich mir mehr solche scharfzüngigen Spiegel- Kommentare gewünscht.
calvincaulfield 18.02.2014
5. Stell Dir vor, es ist Russland und keiner demonstriert.
Es ergibt sich doch ein abgerundetes Gesamtbild. So wie ich es aus den deutschen Medien vernommen habe, passt alles zusammen. > zerstörte Umwelt > Baumängel (und Badezimmertüren ohne Gebrauchsanleitung) > unfreundliches Personal > schlechte Organisation > mieses Wetter > russische Zuschauer, die ihre Sportler unterstützen > usw. Und jetzt will auch keiner demostrieren. Also ich würde es (die Massendemo) mir so vorstellen: Eine Open-Air Bühne am Strand für 2.500.000 Gäste, direkt vor den Sportstätten. Und jeden Abend spielen Pussy Riot bei Sonnenuntergang das Putin-Gebet.
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