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27. Februar 2010, 17:33 Uhr

Olympia-Superstar Neuner

"Ich habe schon einen hohen Zaun bestellt"

Zweimal Gold, einmal Silber: Biathletin Magdalena Neuner hat bei ihren ersten Olympischen Spielen überragende Leistungen gezeigt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die 23-Jährige über öffentlichen Druck, innere Gelassenheit, die Folgen des Ruhms und ein Angebot von Uli Hoeneß.

SPIEGEL ONLINE: Frau Neuner, Uli Hoeneß würde Sie nach dem Ende Ihrer Karriere gern in die Marketing-Abteilung des FC Bayern holen.

Neuner: Meint er das ernst?

SPIEGEL ONLINE: Wir kennen Uli Hoeneß als ehrbaren Mann.

Neuner: Ich weiß zwar jetzt noch nicht, was ich in zehn Jahren machen will, aber es ist auf jeden Fall ein interessantes Angebot.

SPIEGEL ONLINE: Es ist vor allem ein weiteres Indiz, wie beliebt Sie gerade sind.

Neuner: Wenn ich ehrlich bin, denke ich darüber hier in Vancouver gerade gar nicht nach. Ich bin zum Glück niemand, der alles über sich nachliest. Ich versuche lieber, den ganzen Trubel von mir fernzuhalten. Und damit fahre ich hervorragend.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Muss man sich um Sie Sorgen machen?

Neuner: Warum?

SPIEGEL ONLINE: Wildfremde Menschen pilgern seit Jahren zu Ihrem Haus, Sie haben von Nachbarn berichtet, die Sie schützen müssten. Von wenig Freizeit und Freiheit. Und da waren Sie noch nicht mal Olympiasiegerin.

Neuner: Ich habe in den vergangenen drei Jahren viel gelernt. Nach 2007, als ich dreimal Weltmeisterin wurde, war ich vielleicht noch ein bisschen naiv und glaubte, der ganze Rummel würde schon irgendwann vorbeigehen. Das war dann aber nicht so. Nach zwei Jahren mit Höhen und Tiefen kann ich mittlerweile auch mal nein sagen. Oder die Fans wegschicken. Ich habe auch schon einen hohen Zaun bestellt, aber der wird erst im Frühjahr fertig.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein hoher Zaun ums Haus nicht ein hoher Preis für den Ruhm?

Neuner: Nein. Jede Medaille hat auch eine Kehrseite, ich habe mich damit arrangiert. Mein Umgang mit dem öffentlichen Interesse hat sich geändert. Ich sehe Biathlon heute als Beruf, früher war es nur Sport für mich. Und ich versuche, meinen Beruf so professionell wie möglich auszuüben, dazu gehört auch Zeitmanagement. Es gibt feste Trainingszeiten, und es gibt Raum für Termine.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Druck war eigentlich größer vor diesen Spielen? Der öffentliche oder der, den Sie sich selbst gemacht haben?

Neuner: Ganz klar der von außen, obwohl ich sagen muss, dass ich nicht mal den als besonders groß empfunden habe. Ich wusste, es wird viel von mir erwartet, aber das hat mich nicht berührt. Ich glaube, das war mein großer Bonus bei diesen Olympischen Spielen und einer der Gründe für den Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben sich keinen Druck gemacht?

Neuner: Druck nein, große Ziele habe ich mir gesetzt. Ich habe gesagt: Ich möchte hier gern Olympiasiegerin werden, aber ich habe mich drauf gefreut. Ich habe ja lange daran gearbeitet, auch mental. Ich wusste, was ich kann, ich war locker vor dem Start und konzentriert beim Schießen. Es hat alles gepasst.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen so frei im Kopf zu sein wie eine 17-Jährige, von der man nichts erwartet ...

Neuner: ... und so war es ja vor ein paar Jahren auch. Bei den Junioren. Oder vor der WM 2007, als ich die deutsche Fahne trug und mich gefreut habe, juhu, ich bin bei der Weltmeisterschaft. 2008 ging das nicht mehr so leicht, weil ich beweisen musste, dass ich als dreifache Weltmeisterin keine Eintagsfliege war. Ich bin schwer mit der Situation klargekommen und wie ein Zombie durch die Gegend gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Östersund trotzdem wieder Weltmeisterin geworden.

Neuner: Ja, aber das Gefühl war eher: Puh, zum Glück hat es geklappt mit der Medaille. Ich habe mich nicht wohlgefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in diesem Jahr mit einem Mentaltrainer gearbeitet. Wie schwer war dieser Schritt für eine Frau Anfang 20?

Neuner: Nicht schwer, wenn man weiß, dass man ja nicht gleich psychisch krank sein muss, um sich helfen zu lassen. Ich habe erkannt, dass ich im mentalen Bereich noch viel Potential habe, gerade nach dem schweren Jahr 2009, in dem ich oft krank war. Und ich bin froh, dass ich die Sitzungen durchgezogen habe, jede Woche einmal. Sie haben mich nicht nur sportlich weitergebracht, sondern auch persönlich. Ich bin jetzt viel ausgeglichener.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Mentalcoach auch gefragt, was er von Ihrem Verzicht auf die Frauenstaffel hält?

Neuner: Nein, das letzte Mal habe ich ihn vor Olympia gesprochen. Es war meine Entscheidung und sie war für alle die beste, denn jede meiner Teamkolleginnen hat jetzt eine Medaille um den Hals hängen.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich gerade unbesiegbar?

Neuner: Ich bin mir bewusst, dass die Konkurrenz auch stark ist. Aber meine Form ist so gut, dass es schon so weitergehen könnte wie in Vancouver. Ich führe im Gesamt-Weltcup ganz knapp vor der Helena (Jonsson aus Schweden; die Red.) und den Titel will ich unbedingt gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind kurz vor den Olympischen Spielen 23 geworden. Haben Sie irgendwann in den vergangenen Jahren mal gedacht: Verdammt, ich opfere meine besten Jahre dem Sport?

Neuner: Nein, nie. Ich habe mit neun mit Biathlon angefangen, ich mache das ja schon mein ganzes Leben. Ich bin auch auf meine Kosten gekommen und hatte meine Freiheiten. Klar kam es oft vor, dass mich Freunde gefragt haben, ob ich Zeit habe und ich musste trainieren. Aber das Training macht mir immer Spaß, gerade an einem Sommertag. Da denke ich, wie schön es ist, gerade auf Skiern zu stehen oder durch den Wald zu laufen und nicht im Büro sitzen zu müssen. Mein Vater arbeitet in einer Bank, ich weiß die Vorzüge meines Berufs zu schätzen. Auch wenn er manchmal eine Quälerei ist.

Das Interview führte Christian Gödecke

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