Olympiasieg im Eishockey Team Canada erfüllt Mission Gold

Eine Nation im Freudentaumel: Kanada feiert den furiosen Sieg seiner Eishockey-Mannschaft im olympischen Turnier. Der Erfolg gegen den Erzrivalen USA stellt selbst die gute Medaillen-Bilanz des Gastgebers in den Schatten.

Aus Vancouver berichtet


Als ihre Nationalhymne erklingt und alle im Canada Hockey Place zu den drei Fahnen schauen, die gehisst werden, stehen Kanadas Eishockey-Nationalspieler dicht nebeneinander. Von Torhüter Robert Luongo am linken Ende, bis rüber zu Sidney Crosby ganz rechts, hat jeder die Hände auf den Schultern des Nebenmannes. Es sieht fast so aus, als müssten sich die harten Kerle am Ende gegenseitig stützen und Halt geben. Sie haben es geschafft, den Auftrag ausgeführt, dieser gewaltigen Goldlast standgehalten.

Kanada ist Eishockey-Olympiasieger und der 28. Februar 2010 ab sofort nationaler Feiertag. "Das ist ein unglaubliches Gefühl, ich kann es kaum in Worte fassen. Olympiasieger zu sein und dies mit einem ganzen Land zu teilen, davon hätte ich nie geträumt", sagt Trainer Mike Babcock. Wie ihm geht es allen seinen Spielern. Keiner kann selbst 30 Minuten nach Spielschluss so recht begreifen oder erklären, was in den zweieinhalb Stunden zuvor passiert ist. Für Crosby ist "ein Kindheitstraum wahr geworden", Corey Perry will "jetzt erst mal ganz lange die Medaille anstarren", und Kapitän Scott Niedermayer wird "dieses Ding nie vergessen".

Und es ist tatsächlich eine Art Endspiel für die Ewigkeit, dass sich Kanada und die USA liefern. 19.300 Fans in der Arena und Millionen Menschen vor den Fernsehgeräten in ganz Nordamerika sehen ein furioses Finale. Zum Abschluss des "besten Eishockeyturniers der Geschichte", wie es in Vancouver immer geheißen hat, steht tatsächlich das Beste vom Besten auf dem Eis. 42 NHL-Profis, fast alle von ihnen Superstars, Multimillionäre, in unzähligen Schlachten gestählt. Es geht um die 86. und letzte Goldmedaille der Winterspiele.

Mit Eishockey-Gold die Nummer eins

Für viele Kanadier zählt jedoch nur dieses Gold. Eishockey hat hier, zwischen der Atlantik- und Pazifikküste, seinen Ursprung und ist eine Religion. Davon haben Hunderttausende Fans die Olympia-Gäste aus aller Welt in den Tagen von Vancouver eindrucksvoll überzeugt. Dass Kanada bereits vor dem Eishockey-Endspiel nicht mehr von Platz eins der Medaillenwertung zu verdrängen ist, interessiert nicht. "Das ist doch hier ein zweiwöchiges Eishockey-Turnier mit ein paar anderen Sportarten drumherum", sagen Fans bereits am Samstagabend in den überfüllten Straßen der Innenstadt.

Selbst, wenn man noch kein einziges Edelmetall hätte, wäre man mit Eishockey-Gold die Nummer eins, lautet die einhellige Meinung. Und Moderator Don Taylor vom kanadischen Fernsehsender CTV begrüßt die Zuschauer drei Stunden vor dem Finale mit der Frage, "ob die 13 gewonnenen Goldmedaillen zusammen wohl den gleichen Wert haben wie der Olympiasieg im Eishockey?" Letztlich sind es diese subjektiven Sichtweisen, die den Druck auf "Team Canada" so immens erscheinen und die Spieler nach der gelungenen Mission so erleichtert dreinschauen lassen.

Nach den ersten beiden Toren von Jonathan Toews und Corey Perry in der 13. und 28. Minute wird die Partie auf dem Eis zur Party auf den Rängen. "Gold, Canada, Gold" skandieren die rot und weiß bemalten Zuschauer - einige von ihnen sind sogar in kompletter Eishockey-Montur gekommen. Ausgerechnet ein Fehler von "local hero" Robert Luongo, dem Schlussmann der Vancouver Canucks, ermöglicht den US-Amerikanern nach 33 Minuten den Anschlusstreffer. Doppelt ärgerlich für Luongo, dass Canucks-Teamkollege Ryan Kesler der Torschütze ist.

"Wir wollten dieses Spiel unbedingt gewinnen"

Und als in den Minuten vor dem Schlusspfiff alle Fans aufstehen und viele mit ihren Handys den historischen Moment des Olympiasieges aufnehmen wollen, trifft Zach Parise doch noch zum 2:2 - 25 Sekunden vor der Sirene. Die anschließende 15-minütige Pause vor der Verlängerung können nicht nur die kanadischen Spieler, sondern auch 34 Millionen Landsleute gebrauchen. "Wir wollten dieses Spiel unbedingt gewinnen, unbedingt, darauf haben wir uns in der Kabine noch einmal eingeschworen", sagt Crosby. Als er und die anderen Spieler wieder aufs Eis kommen, dröhnt der Klassiker "Final Countdown" von Europe aus den Lautsprecherboxen.

Crosby gelingt in der achten Minute der Verlängerung schließlich die kanadische Krönung. Sein Schuss aus kurzer Distanz zischt dem starken US-Torwart Ryan Miller durch die Schoner. Vancouver vibriert, die Arena wird zum Epizentrum einer Gefühlseruption - noch nie hat es in Kanada solch eine Erleichterung, solch einen Jubel gegeben. Crosby reißt sich seinen Mundschutz raus, wirft Schläger und Handschuhe weg und verschwindet Sekunden später für Minuten unter einem rot-weißen Freuden-Knäuel.

Jeder, der meint, dass den NHL-Profis der Olympiasieg im Vergleich zur Club-Meisterschaft nichts bedeutet, wird eindrucksvoll widerlegt - auch durch die Reaktionen des US-Team. Wie versteinert stehen die Amerikaner auf dem Eis. Als die Medaillen hereingebracht werden, starrt Miller gedankenverloren vor sich hin. "Mit diesem Silber werde ich mich nie anfreunden", flucht Kapitän Jamie Langenbrunner. Sein Trainer Ron Wilson hingegen sieht "beide Teams und vor allem das Eishockey als Gewinner. So wie heute sollte Eishockey sein, intensiv und voll auf Angriff", so Wilson. Dass es letztlich trotzdem nur einen Sieger geben konnte, findet sogar Kanadas Joe Thornton etwas ungerecht. "Bei so einem großartigen Finale hätten beide Mannschaften Gold verdient."

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Wolfgang Jung 28.02.2010
1. Ziemliche Pannenspiele
Ich habe sie dieses Mal wegen des Zeitunterschiedes nur als Ergebnisdienst in der Zeitung und auf SPON verfolgt. Was ich so nebenbei mitbekommen habe, waren es ja wohl ziemliche Pannenspiele.
Fangio 28.02.2010
2.
Zitat von sysopVor den Olympischen Winterspielen in Vancouver gab es hohe Erwartungen. Wie fällt nun Ihre Bilanz aus? War Vancouver ein guter Gastgeber? Welche Sportler haben Sie am stärksten beeindruckt? Was hat Ihnen nicht gefallen?
Auf der positiven Seite stehen viele junge Überraschungssieger bzw. Medailliengewinner mit guter Perspektive. Insgesamt hat das Frauenteam der Mannschaft ein absolut annehmbares Ergebnis "gerettet". Besonders hat mich das Abschneiden der Alpinen gefreut, schade nur dass Felix Neureuther trotz seiner Topform wieder nicht ins Ziel gekommen ist. Aber eine Chance bei Olympia hat er ja noch, mit dann 29 Jahren. Das Abschneiden der Herren im Schiessen und Weglaufen ist ebenfalls positiv zu sehen, wenn es in Zukunft zu weniger Übertagungszeit führt.. Negativ im Gedächtnis bleibt eine falsch berechnete Bob/Rodelbahn, die einen Exoten das Leben gekostet hat. Olympia-Wettbewerbe sollten schon anspruchsvoll sein, aber dies ist ein hoffentlich einmaliger Vorgang, der sich nie wiederholen darf. Im Eishockey ist leider Rückschritt zu verzeichnen. Ansonsten – von Vancouver mehr Regen als Schnee, sowie die endgültige Abkehr von der belanglosen, z.T. zu national bzw. mit überzogenen Erwartungen gefärbten Klatsch & Tratsch-Berichterstattung der ÖR. Eurosport hatte (jedenfalls in meinem Umfeld) nicht nur in privaten Haushalten die Nase vorn, sondern wohl auch überall dort wo in der Hauptstadt Public Viewing angeboten wurde.
Crom 28.02.2010
3.
Ich hoffe man wird aus diesen Spielen lernen, das gilt zum einen für den Bob- und Rodelsport und zum anderen in Hinblick auf manch eine Juryentscheidung. Insgesamt sehe ich die Spiele aber positiv. Als Zuschauer am TV-Gerät hatte ich jedenfalls das Gefühl, dass die Spiele vor Ort gut angenommen wurden und begeisternde Stimmung herrschte. Das ist auch für die Athleten sicherlich ein entsprechender Ansporn gewesen.
Helidorst 28.02.2010
4. Sport - Wie fanden Sie die Olympischen Winterspiele?
Als ich von den Ureinwohnern in mehreren Interviews hörte, dass 500 000 Bäume gefällt wurden, nur damit Sprungschanzen Platz bekamen und massenhaft Raubbau in der Landschaft um Vancouver getrieben wurde, dass die Obdachlosen aus der Stadt vertrieben wurden und dass fast alle Sport-Events gleich welcher Art nur noch dem schnöden Reibach dienen, hatte ich keine Lust mehr, mir die Olympiade anzusehen. Dann der tödliche Unfall des Rennrodlers beim Training .... und wenn man überelgt, was die ganzen Olympischen Spiele den jeweiligen Städten anschließend eingebracht haben...nullkommanix.Meist war die Infrastruktur so geschädigt, dass der Steuerzahler letztlich dafür aufkommen musste. Prost, Garmisch-Partenkirchen!!!!(Next Desaster!!)
Zaunreiter, 28.02.2010
5. Gemischtes
Mir als Wintersportfan hat imponiert, wie z.b. eine Anja Pärson sich den Berg doch noch nach ihrem Sturz in der Abfahrt mit Bronze in der Kombi erobert hat und dieses mit ihrem Sieges-Diver zeigte. Wie eine koreanische Eiskunstläuferin ihre Sportart in eine neue Dimension führte, Simon Ammann in die Geschichtsbücher flog und daß Bode Miller doch noch Olympiasieger wurde. Es wurde deutlich, daß die kanadischen Zuschauer einzig und allein auf Eishockey fixiert sind und es so wie bei uns im Jahre 2006 zu Massenaufläufen beim Public Viewing kommt. Mal sehen, ob die kanadischen Eishockey-Cracks diesem ungeheuren Druck heute abend standhalten können, wenn ganz Kanada den Sieg erwartet. Eine kleine Kostprobe gabs ja schon beim Finale der Frauen. Überhaupt, der mediale oder der selbstgemachte Druck: Wenn man sich im Ziel eine Maria Riesch, eine Marit Björgen oder einen Petter Northug ansah, um nur einige zu nennen, muß das ja schon enorm gewesen sein, was da von ihnen von nationaler Seite oder auch sie von sich selbst erwarteten. Befremdlich finde ich den nordamerikanischen Stil im Umgang mit den Athleten auf der Bob- und Rodelbahn. Ein tödlicher Unfall führte zu keinerlei Einsichten, der Weltbobverband verpasste allen Beteiligten einen Maulkorb und es schien nur um Show und Geschwindigkeit zu gehen. Gesellschaftspolitisch würde ich mir wünschen, wenn die kanadischen Ureinwohner doch noch von diesen olympischen Spielen - kulturell und monetär - profitieren würden. Alleine sie als Co-Gastgeber zu platzieren finde ich nicht gerade ausreichend.
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