Olympische Abschlussfeier Happy End und Jubeltaumel

Die Startschwierigkeiten waren vergessen: Mit Charme, Humor und Anstand hat sich Vancouver von Olympia-Fans und Sportlern aus aller Welt verabschiedet. Im Stadion feierten 60.000 Menschen - und Kanada gab sich nach dem Gold-Triumph im Eishockey einem Glückstaumel hin.

AFP

Von Susanne Rohlfing, Vancouver


Das olympische Feuer ist wahrlich ein Problemfall der Spiele von Vancouver gewesen. Erst wollte es nicht brennen, wie es sollte, weil bei der Eröffnungsfeier die Technik versagte, und dann brannte es an einem Ort, an dem sich die Tausenden Zuschauer, die wie bei Olympia üblich ein Foto von sich und dem Feuer wollten, auf den Füßen herumstanden, eingequetscht zwischen Wasser, Pressezentrum und Maschendrahtzaun. Das Feuer hätte zum Sinnbild verkorkster Winterspiele werden können.

Doch jetzt ist da dieser Clown. Und mit rührender Selbstironie zeigen die Veranstalter der 21. Olympischen Winterspiele, was diese tatsächlich waren: ein Aufbäumen gegen Widrigkeiten, ein Appell an die Welt, dass Durchhaltevermögen sich auszahlt. Dass am Ende immer noch alles gut werden kann. Sogar lustig.

Mit dem kanadischen Clown Yves Dagenais beginnt der letzte Akt der Spiele, die Schlusszeremonie. Wie bei der Eröffnungsfeier ragen im BC Place Stadium von Vancouver drei an Eiszapfen erinnernde Streben in die Höhe, in deren Mitte eine große Fackel steckt. Und wie am ersten Tag der Spiele 2010 fehlt die vierte. Sie war bei der Eröffnungsfeier steckengeblieben, woraufhin die ehemalige Eisschnellläuferin Catriona LeMay Doan ein wenig überflüssig in der Gegend herumstand und zusehen musste, wie Eishockeylegende Wayne Gretzky, Basketballer Steve Nash und Skirennläuferin Nancy Greene über die anderen drei Streben ohne sie das Feuer entzündeten.

Jetzt sprühen Funken aus einem Loch im Boden. Dann kommt der Clown herausgekrabbelt. An seinem Gürtel hängen überdimensionierte Werkzeuge. Dagenais zappelt ein wenig herum, macht ein lustiges Gesicht, wedelt mit den Armen, und - siehe da - die vierte Strebe fährt empor. Natürlich darf Catriona LeMay Doan jetzt vollenden, was ihr bei der Eröffnungsfeier verwehrt geblieben war. Sie entzündet das Feuer. Wenig später wird IOC-Präsident Jacques Rogge sein übliches Olympia-Fazit ziehen und der Welt seine Sicht auf die Spiele 2010 mitteilen. "Das waren exzellente und sehr freundliche Spiele", sagt er.

Trauriger Start, furioses Ende

Dabei hatten die Spiele so traurig begonnen. Der Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili überschattete die Eröffnungsfeier. Die Diskussionen um den Eiskanal von Whistler, auf dem nicht nur weniger erfahrene Athleten wie Kumaritaschwili stürzten, werden die Spiele überdauern.

Die Spiele hatten auch widerspenstig begonnen. Für einige Tage drohten sie im Desaster zu enden. Das Wetter schlug Kapriolen und sorgte für Wettkampfverschiebungen und unbrauchbare Zuschauertribünen in Cypress Mountain und Whistler. Defekte Maschinen zerstörten das Eis der Eisschnellläufer, anstatt es zu glätten. Dann verlor Kanada auch noch in der Vorrunde des Eishockeyturniers gegen die Erzrivalen aus den USA.

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Das Ende jedoch ist furios. Nicht nur, weil während der Abschlussfeier draußen in den Straßen von Vancouver ein Hupkonzert und wildfremde Menschen, die einander abklatschen, vom für Kanada wichtigsten Sieg dieser Spiele künden. Sondern vor allem, weil die Menschen in der Stadt trotz aller Startschwierigkeiten ihrer Spiele freundlich geblieben waren. Fröhlich und in Feierlaune. Und weil sie von ihren Sportlern dafür belohnt wurden: Mit dem für Kanadier ultimativen Olympiasieg, dem Triumph im Eishockey, sowie mit insgesamt 14 Goldmedaillen. Nie zuvor feierte eine Nation so viele Siege bei Winterspielen. Bislang war 13-mal Gold das Maximum, das 1976 die Sowjetunion und 2002 Norwegen erreicht hatten.

Das Ende ist auch bemerkenswert, weil in diesen Spielen so viele Geschichten stecken, die vom Durchhalten erzählen. Da war zunächst das Team aus Georgien, das im Andenken an den toten Kollegen zur Eröffnungsfeier kam und an den Spielen teilnahm. Dann war da die slowenische Langläuferin Petra Majdic, die nach einem schweren Sturz im Training mit vier gebrochenen Rippen und einem Lungenfellriss Bronze im Sprint gewann. Nicht zu vergessen Joannie Rochette. Die kanadische Eiskunstläuferin gewann ebenfalls Bronze - mit bewegenden Auftritten nur wenige Tage nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter. Oder auch die deutsche Eisschnellläuferin Anni Friesinger-Postma, die nach einem Sturz geistesgegenwärtig und geschickt genug war, ihren Fuß in Richtung Lichtschranke zu bewegen und dem deutschen Teamverfolgungsquartett so den Weg zu Gold ebnete.

Anstand auch im Siegestaumel

Die Kanadier setzen darauf, dass die Spiele ihr Land verändert haben. "Ich glaube daran, dass wir Kanadier heute Abend stärker, vereinter, mit einer größeren Liebe zu unserem Land und besser miteinander verbunden sind als jemals zuvor", sagte Organisationschef John Furlong während der Schlussfeier. Die Antwort der Menge: frenetischer Applaus. Lauter geht's nicht, dachte man gerade, da erwähnte Furlong den Sieg des Eishockeyteams. 60.600 Menschen tobten und erzeugten eine schier unglaubliche Geräuschkulisse. Jetzt ging es wirklich nicht mehr lauter.

Ihren Anstand allerdings vergaßen die Kanadier selbst im größten Siegestaumel nicht. Als Furlong des verstorbenen Rodlers Kumaritaschwili gedachte, erhob sich die Menge spontan und spendete sanften Applaus.

Die Schlussfeier mündete schließlich in eine große Party, wie sie die Kanadier seit zwei Wochen in Vancouver feiern. Mit viel Ahornblatt und Reden von Stars wie "Captain Kirk" William Shatner oder Michael J. Fox, die von der neuen Kanada-Verliebtheit der Kanadier kündeten. Mit Musik von unter anderem Nickelback, Avril Lavigne oder Alanis Morissette. Mit einem begeisterten Publikum, das nur ein einziges Mal nicht mit dem üblichen Applaus, sondern mit einem enttäuschten "Oohhhh" reagierte. Das war, als Jacques Rogge der zwei Wochen währenden tragisch-fröhlichen und am Ende auch noch komischen Fünf-Ringe-Feier ein Ende bereitete und sagte: "Hiermit erkläre ich die 21. Olympischen Winterspiele von Vancouver für beendet."

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Wolfgang Jung 28.02.2010
1. Ziemliche Pannenspiele
Ich habe sie dieses Mal wegen des Zeitunterschiedes nur als Ergebnisdienst in der Zeitung und auf SPON verfolgt. Was ich so nebenbei mitbekommen habe, waren es ja wohl ziemliche Pannenspiele.
Fangio 28.02.2010
2.
Zitat von sysopVor den Olympischen Winterspielen in Vancouver gab es hohe Erwartungen. Wie fällt nun Ihre Bilanz aus? War Vancouver ein guter Gastgeber? Welche Sportler haben Sie am stärksten beeindruckt? Was hat Ihnen nicht gefallen?
Auf der positiven Seite stehen viele junge Überraschungssieger bzw. Medailliengewinner mit guter Perspektive. Insgesamt hat das Frauenteam der Mannschaft ein absolut annehmbares Ergebnis "gerettet". Besonders hat mich das Abschneiden der Alpinen gefreut, schade nur dass Felix Neureuther trotz seiner Topform wieder nicht ins Ziel gekommen ist. Aber eine Chance bei Olympia hat er ja noch, mit dann 29 Jahren. Das Abschneiden der Herren im Schiessen und Weglaufen ist ebenfalls positiv zu sehen, wenn es in Zukunft zu weniger Übertagungszeit führt.. Negativ im Gedächtnis bleibt eine falsch berechnete Bob/Rodelbahn, die einen Exoten das Leben gekostet hat. Olympia-Wettbewerbe sollten schon anspruchsvoll sein, aber dies ist ein hoffentlich einmaliger Vorgang, der sich nie wiederholen darf. Im Eishockey ist leider Rückschritt zu verzeichnen. Ansonsten – von Vancouver mehr Regen als Schnee, sowie die endgültige Abkehr von der belanglosen, z.T. zu national bzw. mit überzogenen Erwartungen gefärbten Klatsch & Tratsch-Berichterstattung der ÖR. Eurosport hatte (jedenfalls in meinem Umfeld) nicht nur in privaten Haushalten die Nase vorn, sondern wohl auch überall dort wo in der Hauptstadt Public Viewing angeboten wurde.
Crom 28.02.2010
3.
Ich hoffe man wird aus diesen Spielen lernen, das gilt zum einen für den Bob- und Rodelsport und zum anderen in Hinblick auf manch eine Juryentscheidung. Insgesamt sehe ich die Spiele aber positiv. Als Zuschauer am TV-Gerät hatte ich jedenfalls das Gefühl, dass die Spiele vor Ort gut angenommen wurden und begeisternde Stimmung herrschte. Das ist auch für die Athleten sicherlich ein entsprechender Ansporn gewesen.
Helidorst 28.02.2010
4. Sport - Wie fanden Sie die Olympischen Winterspiele?
Als ich von den Ureinwohnern in mehreren Interviews hörte, dass 500 000 Bäume gefällt wurden, nur damit Sprungschanzen Platz bekamen und massenhaft Raubbau in der Landschaft um Vancouver getrieben wurde, dass die Obdachlosen aus der Stadt vertrieben wurden und dass fast alle Sport-Events gleich welcher Art nur noch dem schnöden Reibach dienen, hatte ich keine Lust mehr, mir die Olympiade anzusehen. Dann der tödliche Unfall des Rennrodlers beim Training .... und wenn man überelgt, was die ganzen Olympischen Spiele den jeweiligen Städten anschließend eingebracht haben...nullkommanix.Meist war die Infrastruktur so geschädigt, dass der Steuerzahler letztlich dafür aufkommen musste. Prost, Garmisch-Partenkirchen!!!!(Next Desaster!!)
Zaunreiter, 28.02.2010
5. Gemischtes
Mir als Wintersportfan hat imponiert, wie z.b. eine Anja Pärson sich den Berg doch noch nach ihrem Sturz in der Abfahrt mit Bronze in der Kombi erobert hat und dieses mit ihrem Sieges-Diver zeigte. Wie eine koreanische Eiskunstläuferin ihre Sportart in eine neue Dimension führte, Simon Ammann in die Geschichtsbücher flog und daß Bode Miller doch noch Olympiasieger wurde. Es wurde deutlich, daß die kanadischen Zuschauer einzig und allein auf Eishockey fixiert sind und es so wie bei uns im Jahre 2006 zu Massenaufläufen beim Public Viewing kommt. Mal sehen, ob die kanadischen Eishockey-Cracks diesem ungeheuren Druck heute abend standhalten können, wenn ganz Kanada den Sieg erwartet. Eine kleine Kostprobe gabs ja schon beim Finale der Frauen. Überhaupt, der mediale oder der selbstgemachte Druck: Wenn man sich im Ziel eine Maria Riesch, eine Marit Björgen oder einen Petter Northug ansah, um nur einige zu nennen, muß das ja schon enorm gewesen sein, was da von ihnen von nationaler Seite oder auch sie von sich selbst erwarteten. Befremdlich finde ich den nordamerikanischen Stil im Umgang mit den Athleten auf der Bob- und Rodelbahn. Ein tödlicher Unfall führte zu keinerlei Einsichten, der Weltbobverband verpasste allen Beteiligten einen Maulkorb und es schien nur um Show und Geschwindigkeit zu gehen. Gesellschaftspolitisch würde ich mir wünschen, wenn die kanadischen Ureinwohner doch noch von diesen olympischen Spielen - kulturell und monetär - profitieren würden. Alleine sie als Co-Gastgeber zu platzieren finde ich nicht gerade ausreichend.
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