Aus für russisches Eishockey-Team Blamage für Putins Lieblinge

Es ist ein Schock für die russischen Sportfans: Das Eishockey-Team, der Liebling der Massen, ist in Sotschi schon im Viertelfinale gegen Finnland ausgeschieden. Der Präsident hatte die Mannschaft noch als die "beste im Turnier" bezeichnet. Welch ein Irrtum.

Aus Sotschi berichtet


Als die 12.000 Zuschauer, die meisten von ihnen starren Gesichts, den Bolschoi-Eispalast von Sotschi verließen, empfing sie ein rotgoldener Sonnenuntergang. Zuvor bereits hatten sie in der Halle die Götterdämmerung des russischen Eishockey-Teams erlebt. Das sportliche Prestigeprojekt des Gastgebers, die Sbornaja, war im Viertelfinale an Finnland gescheitert und ist aus dem olympischen Turnier vorzeitig ausgeschieden. Und es war letztlich nicht einmal eine große Überraschung.

Das 1:3 gegen die starken Finnen war das fünfte Spiel der Russen bei diesem Turnier. Und im Grunde haben sie bei keinem ihrer Auftritte überzeugt. Gegen die kleinen Slowenen kassierten sie zwei Gegentreffer, gegen die USA verlor man im Penaltyschießen, gegen die Slowaken quälte man sich durch die Verlängerung, und gegen Norwegen, noch so ein Nobody im Welt-Eishockey, brauchte es fast 30 Minuten bis zum Führungstor. Irgendwann konnte das nicht mehr gutgehen, und das war an diesem Mittwochnachmittag der Fall.

Dabei hätte Russland nur allzu gerne seinem prominentesten Sportfan geglaubt. Wladimir Putin hatte geurteilt, die Russen seien "eindeutig das stärkste Team bei diesem Turnier". Das Team strafte ihn Lügen. Die russische Mannschaft fand nach der eigenen Führung und dem schnellen Ausgleich der Finnen kein Mittel mehr, die Defensive der Nordeuropäer zu überwinden. Die Finnen warteten gewohnt stoisch ab, bis die bekannt langsamen russischen Verteidiger ihre Fehler machten und nutzten sie zweimal gnadenlos aus. Eiskalt wie ein guter Wodka.

Der Trainer war völlig ratlos

"Ich kann das nicht erklären, ich finde keine Worte", stammelte ein vollkommen ratloser Trainer Sinetula Biljaletdinow anschließend. "Die Mannschaft wollte gewinnen, sie war gut vorbereitet, aber irgendetwas hat nicht funktioniert." Zu mehr Analyse war der frühere Weltklasse-Verteidiger aus den glorreichen Zeiten des sowjetischen Eishockeys nicht in der Lage. "Ich werde und kann Ihnen in diesem Moment keinerlei Einzelheiten sagen."

Die Misere dieses Teams, das von der eigenen Öffentlichkeit auf Gold programmiert worden war, lässt sich am besten an seinem Superstar ermessen. Das Turnier war gerade eine Minute alt, da erzielte Alexander Ovechkin bereits seinen ersten Treffer. Es sollte sein einziges Tor in Sotschi bleiben.

Der 28-jährige Überseeprofi von den Washington Capitals gehört in der National Hockey League (NHL) zu den größten Stars der Branche. Aber hier konnte er die Erwartungen nicht erfüllen. "Er trifft in der Liga mehr als 40-mal, und hier schafft er es nicht, den Puck ins Tor zu bekommen", sagte Biljaletdinow und zuckte mit den Schultern.

Sein finnisches Pendant Erkka Westerlund saß neben ihm, und an seinem Gesicht mochte man fast den Impuls ablesen, den russischen Kollegen tröstend in den Arm nehmen zu wollen. Er verkniff sich jegliche Triumphgeste und stellte fest: "Wir haben als ein Team gespielt." Man kann das als Hervorhebung verstehen, um den Unterschied zum Gegner klarzumachen.

Für den Trainer kann es noch bitterer werden

Tatsächlich waren es aber wohl weniger interne Streitereien, sondern vielmehr die fehlende Qualität in einigen Mannschaftsteilen, die die Sbornaja in Sotschi zum Scheitern verurteilte. Die Abwehrspieler genügen nur begrenzt dem hohen internationalen Niveau, das bei einem solchen Turnier gefordert ist. Zudem hat Russland seit dem legendären Wladislaw Tretjak, der seine beste Zeit vor gut 40 Jahren hatte, fast immer ein Torwartproblem gehabt. Bei diesem Turnier war das offensichtlich. Als Biljaletdinow beim Stand von 1:3 den Goalie austauschte, war es schon zu spät.

Der Trainer hatte sich nicht um diesen Posten gerissen, bei dem man letztlich nur verlieren konnte. Er musste von Putin erst überredet werden, die Sbornaja in das Olympiaturnier zu führen. Jetzt sagt er, befragt nach seiner Zukunft: "Ich möchte gerne weitermachen. Es gibt sehr gute junge ehrgeizige Spieler in dem Team, deren Weg ich begleiten möchte. Aber das muss jemand anderes entscheiden."

Wladimir Putin wird sich da bereits seine Gedanken dazu gemacht haben.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Textes hatte es in der Überschrift geheißen, das Match hätte "unter Putins Augen" stattgefunden. Dem war aber wohl nicht so, das in unserer Fotostrecke verwendete Foto des Präsidenten wurde beim Spiel der Russen gegen die Slowakei am 16. Februar aufgenommen. Vom Spiel am Mittwoch lieferten die Agenturen kein Putin-Bild. Wir haben Text und Bildunterschrift entsprechend geändert und bitten, unseren Fehler zu entschuldigen.  

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Seite 1
Stäffelesrutscher 19.02.2014
1.
Zitat von sysopGetty ImagesEs ist ein Schock für die russischen Sportfans: Das Eishockey-Team, der Liebling der Massen, ist in Sotschi schon im Viertelfinale gegen Finnland ausgeschieden. Der Präsident hatte die Mannschaft noch als die "beste im Turnier" bezeichnet. Welch ein Irrtum. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympische-spiele-in-sotschi-aus-fuer-eishockey-favorit-russland-a-954525.html
Deswegen muss man noch lange nicht das Wort "Desaster" englisch schreiben. »Russlands Eishockey-Aus: Disaster auf Kufen«
michael1998 19.02.2014
2. Grundsätzlich...
muss man sagen, das gehört dazu! Über das Spiel und die Qualitäten kann ich nicht viel sagen, aber die Herren lernen hoffentlich das richtige daraus! Früh in die Jugend investieren und die alten Hasen entsprechend Nutzen um die Erfahrung weiter zu geben! Noch eine schöne Olympiade, auch unter den traurigen Tatsachen von Sotschi!
starbuckzero 19.02.2014
3.
auch wenn es nicht in das schöne SpOn Narrativ passt - das oben gezeigte Bild von Putin ist nicht vom heutigen Spiel sondern 3 Tage alt und vom Match gegen die Slovakei, steht auch in der Bildunterschrift bei Getty.... Putin war heute nicht im Stadion und so auch schwer von TV-Kameras einzufangen...
Creedo! 19.02.2014
4. ???
Zitat von sysopGetty ImagesEs ist ein Schock für die russischen Sportfans: Das Eishockey-Team, der Liebling der Massen, ist in Sotschi schon im Viertelfinale gegen Finnland ausgeschieden. Der Präsident hatte die Mannschaft noch als die "beste im Turnier" bezeichnet. Welch ein Irrtum. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/olympische-spiele-in-sotschi-aus-fuer-eishockey-favorit-russland-a-954525.html
Ist doch eine nette Geste, wenn der Gastgeber seinen Gästen den Vortritt läßt. Sonst klingt der Artikel ein wenig nach Häme. Da fragt man sich doch gleich, wie es eigentlich um das deutsche Eishockey-Team im Wettberb steht. Ach ja richtig, die waren erst gar nicht qualifiziert. Naja, immerhin wurde das deutsche Sprachgut von Österreich, das immerhin dabei sein konnte, verteidigt. Aber gut, die deustchen Eishockey-Frauen haben mitgemsicht ... und gleich das erste Spiel gegen Russland verloren.
killi 19.02.2014
5. Worum geht es hier?
Bloss weil Putin die Mannschaft anfangs hoch lobte, muss daraus nicht gleich ein solcher Artikel entstehen... Der Leser bekommt den Eindruck, dass es hier vielmehr um eine Schmach gegen Putin, als um die Olympiade selbst geht. Nur weil man den Kremlherr bei SPON nicht besonders mag, muss man ihm nicht gleich alles negativ kommentieren. Insbesondere die Sportereignisse in Sotschi, worum es eigentlich gehen sollte, bietet täglich spannenderes als die elend lange Mitteilung, dass der Gastgeber im VIERTELFINALE ausgeschieden ist. VIERTEL-FINALE. Man beachte, dass andere Teams noch schlechter waren...
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