Vergabe der Winterspiele 2026 Sogar für Olympia-Verhältnisse absurd

Mailand oder Stockholm? Am Abend wird verkündet, wer die Winterspiele 2026 ausrichtet. Dabei ist es ein Wunder, dass es überhaupt Bewerber gibt.
IOC-Präsident Thomas Bach

IOC-Präsident Thomas Bach

Foto: Fabrice Coffrini / AP

In Lausanne begann der Tag der Entscheidung ungewöhnlich. Für den Montagmorgen um 8 Uhr, zehn Stunden vor der Verkündung des Gastgebers der Olympischen Winterspiele 2026, hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) kurzfristig zu einer "bedeutenden Verkündung" geladen. Manch einer glaubte, es werde mangels Bewerbern wieder eine Doppelvergabe geben: Wie 2017, als zeitgleich Paris Olympiastadt 2024 und Los Angeles die Sommerspiele 2028 erhielt.

Und diesmal? Ein Winterdoppel 2026/2030 mit Mailand und Stockholm?

So wild kam es nicht. Es ging nur ums Geld.

IOC-Präsident Thomas Bach unterschrieb wenige Minuten vor Beginn der Session den ersten gemeinsamen Sponsorenvertrag in der Geschichte der Olympiavermarktung. Für den ersten IOC-Sponsor überhaupt, Coca-Cola, und den skandalbehafteten chinesischen Molkerei-Giganten Mengniu wurden die Regeln geändert, sodass sich jetzt beide Konzerne im Olympiabusiness betätigen können.

Bislang hatte Coca-Cola das Monopol in der Kategorie Softdrinks, die mit Milchprodukten erweitert wurde - nun teilen sich die Amerikaner mit den Chinesen den olympischen Markt. Der Vertrag läuft bis 2032 und dürfte ein Volumen von weit mehr als einer Milliarde Dollar haben.

So lautete die Botschaft des Tages, unmittelbar vor der 134. Vollversammlung des IOC, einen Tag nach der Einweihung des neuen Hauptquartiers am Lac Léman: Uns geht es finanziell ausgezeichnet, auch wenn der Motor immer mal wieder stottert. Denn die Schwierigkeiten, Olympiagastgeber zu finden, halten an.

Weder Budgets noch politische Unterstützung gesichert

Absurder als dieser Wettbewerb um die Winterspiele 2026 war es nie. Nach Referenden hatten Graubünden, Innsbruck, Sion und Calgary ihre Offerten eingestellt, andere Interessenten wie Graz und Sapporo scherten ebenfalls aus. Nur von den abenteuerlichen Plänen in Erzurum (Türkei) verabschiedete sich das IOC aus freien Stücken. So wurden im Herbst 2018 Mailand und Stockholm zu Kandidaten gekürt, obgleich weder alle Budgets noch die politische Unterstützung gesichert waren. Ein Glück für das IOC, dass es in Schweden und Italien keine Referenden gab.

Das IOC machte viele Zugeständnisse, ließ in der Not vieles durchgehen und verkaufte manche Absurditäten als Innovationen. Obgleich Stockholms neu gewählter Stadtrat die Bewerbung ablehnte, machte das schwedische Olympiakomitee (SOK) einfach weiter, unterstützt vom IOC. Dafür sorgte maßgeblich SOK-Generalsekretärin Gunilla Lindberg, eine Berufs- und Multifunktionärin: Lindberg ist IOC-Mitglied und gehört auch dessen Exekutivkomitee an, außerdem ist sie Generalsekretärin der Weltvereinigung aller Nationaler Olympiakomitees und hat als IOC-Koordinatorin das schwierige Olympiaprojekt Pyeongchang 2018 gemeistert.

Wo Stockholm draufsteht, ist nicht mal so richtig Stockholm drin: Einen Ausrichtervertrag würden Vertreter der 500 Kilometer entfernten Gemeinde Åre unterzeichnen, wo die olympischen Ski-Wettbewerbe stattfinden sollen.

Ein Überlebenskampf für die Winterspiele

Lindberg schaffte es also, dass die Bewerbung nicht eingestellt wurde. Und auch in Italien lieferte ein Mitglied des Olympiakonzerns: Bewerbungschef und NOK-Präsident Giovanni Malagò war zum 1. Januar 2019 mit einer historischen Sonderregel zum IOC-Mitglied berufen worden. Ein wichtiger Hinweis darauf, wie sehr Bachs Führung auf ihn baute. Malagò hat es tatsächlich geschafft, die Bewerbung gegen große Widerstände in der Politik durchzuziehen.

Es war ein Überlebenskampf, und für das IOC ging es darum, überhaupt Bewerber präsentieren und diese Winterspiele austragen zu können. Präsident Bach hangelte sich von einem Buzzword zum nächsten, sprach von der "Evolution der Revolution" und lobte die "New Norm" für Olympiabewerbungen, die Anfang 2018 verabschiedet worden war.

Sie erlaubte es den Schweden beispielsweise, mit der Rodelbahn in Sigulda (Lettland) anzutreten. Es muss nicht mehr alles gebaut werden, Nachbarländer dürfen in Olympiaprojekte einbezogen werden - das ist tatsächlich neu. Bei beiden Projekten, Mailand und Stockholm, sind die Entfernungen zwischen den Sportstätten auch deshalb enorm, dafür dürften die Gesamtkosten sinken. Allerdings sind die Berechnungen gerade der Italiener immer noch rudimentär und mit großen Risiken behaftet.

Das IOC verbreitet dennoch weiter, Olympische Spiele seien im Grunde ohne zusätzliche Belastungen für die Steuerzahler der Gastgeberländer zu haben, weil mit den Tantiemen des IOC, aus den Fernseheinnahmen und Sponsorenverträgen wie mit Coca-Cola und Mengniu sowie den nationalen Vermarktungserlösen und Ticketverkäufen die Kosten im Organisationsetat gedeckt seien. IOC-Vizepräsident Juan Antonio Samaranch prägte sogar das Wort der "No Cost Olympics". Wobei man sich dabei traditionell auf den Organisationsetat konzentriert und den Infrastrukturetat sowie die enormen Sicherheitskosten gern vernachlässigt. Im Kern hat sich diese olympische Arithmetik nicht verändert, trotz einiger reeller Sparmöglichkeiten.

Mailand hat wohl die Nase vorn

Zuletzt verdichteten sich die Hinweise auf einen Sieg Mailands. Berater der Schweden verbreiteten diesen Spin: Noch vor wenigen Wochen hatte das IOC Stockholms Bewerber wegen der bislang fehlenden staatlichen Garantien in Sicherheit gewiegt. Die "New Norm" sei so flexibel, sie erlaube sogar das. Doch Mitte Juni traf ein Schreiben aus Lausanne ein, in dem verbindliche staatliche Aussagen erbeten wurden. Es geht um Steuermittel, etwa für die Sicherheit, es geht auch um Ausfallbürgschaften, falls Firmen ihre Zusagen nicht einhalten.

Diese Garantien so spät zu fordern, sei ein Plot gegen die schwedische Bewerbung und belege, dass die IOC-Administration mit den Italienern plane, verbreiten Berater aus Stockholm. Am Montagmittag erklärte Bewerbungschef Richard Brisius in Anwesenheit des Premierministers Stefan Löfven plötzlich, die Regierung habe dem IOC "alle geforderten Garantien gegeben". Natürlich werden auch die Sicherheitskosten bezahlt.

Derlei sportpolitische Finten dürften vielen IOC-Mitgliedern verborgen bleiben. Denn für die Winterspiele interessieren sich traditionell nicht alle. Manche Mitglieder, wie der Pakistani Syed Shahid Ali, reisten in die olympische Hauptstadt, um über ein Milliardenprojekt abzustimmen, ohne ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Syed Shahid Ali ist ein IOC-Mitglied alter Schule und in zweiter Generation, er übernahm quasi die Mitgliedschaft seines Vaters. "Italien ist dabei, das weiß ich", sagte Ali am Wochenende in Lausanne: "Doch wer ist nochmal der zweite Bewerber?"