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06. Februar 2018, 20:50 Uhr

IOC-Session in Pyeongchang

Wer kritisiert, wird attackiert

Aus Pyeongchang berichtet

Er gilt als eines der verdientesten IOC-Mitglieder - und Kritiker: Richard Pound hat vor dem Start der Winterspiele auf die Missstände im Weltverband hingewiesen. Die Vollversammlung reagierte mit Attacken und Selbstlob.

Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) legt man traditionell großen Wert auf Etikette. So hat das dienstälteste IOC-Mitglied, Doyen genannt, auf Vollversammlungen stets das letzte Wort. Wenn sich der Doyen zu Wort meldet, auch nur räuspert, wird ihm Respekt entgegengebracht. Dann lauschen die Mitglieder der Weisheit des Alters. Normalerweise.

Beim korrupten brasilianischen IOC-Doyen João Havelange war das so. Auch bei Witali Smirnow: Der Russe, ehemals KGB-Agent und Architekt des sowjetischen Sportsystems, genoss diese Sonderstellung bis Vollendung seines 80. Lebensjahres. Seither gehört Smirnow, ein Vertrauter des IOC-Präsidenten Thomas Bach, zu den IOC-Ehrenmitgliedern.

Staatspräsident Wladimir Putin hat Smirnow mit der Führung einer Kommission beauftragt, die feststellen sollte, ob es in Russland ein Staatsdopingsystem gab. In Krisenzeiten wie diesen ist Smirnow noch immer ein Verbindungsmann von Moskau in die IOC-Zentrale nach Lausanne. Derzeit schreitet er entspannt durch die Lobby des IOC-Hotels im Alpensia-Resort von Pyeongchang, dort, wo die Olympischen Winterspiele am Freitag beginnen werden.

Als IOC-Doyen und Nachfolger von Smirnow fungiert nun ein Kollege, den die Russen als einen der Drahtzieher einer westlichen Verschwörung - Hintergrund sind die Enthüllungen zum russischen Dopingsystem (mehr dazu lesen Sie hier) - gegen sie ausgemacht haben. Richard Pound aus Kanada, der noch bis Ende 2022 diese Rolle einnimmt, bis er das IOC mit 80 Jahren verlassen muss, ist eines der verdientesten Mitglieder in der Geschichte des Olympiakonzerns.

Er baute in den Achtzigerjahren das olympische Vermarktungssystem auf, sicherte dem IOC in den Neunzigern die ersten Milliardenverträge und rettete das Gremium zur Jahrtausendwende, als der Bestechungsskandal um Salt Lake City den Weltverband schwer unter Druck setzte. Danach formte Pound als Gründungspräsident die Welt-Anti-Dopingagentur Wada.

Am ersten Tag der 132. IOC-Session wurde etwa vier Stunden über Russland debattiert, stellten die von Bach einberufenen Kommissionen noch einmal ihre Arbeit vor, bis Bach schließlich, wie schon 2016 in Rio, die Vollversammlung aufforderte, die Beschlüsse des Exekutivkomitees zu unterstützen. Und Pound?

Pound skizzierte erneut die Ungereimtheiten und Fehler, die er der IOC-Führung zuschreibt. Whistleblower würden nicht geschützt, man habe achtzehn Monate verloren und stehe jetzt ähnlich schlecht da, wie vor den Sommerspielen 2016 in Rio. Damals hätten führende IOC-Mitglieder die Ermittlungsergebnisse von Richard McLaren (hier lesen Sie ein Interview mit dem Ex-Chefermittler) als Spekulation bezeichnet, bis sie Ende 2017 von zwei hausinterne Kommissionen bestätigt wurden.

"In weiten Teilen der Welt und unter den meisten Sportlern hat das IOC an Ansehen verloren", sagte Pound. Man habe es nicht geschafft, saubere Sportler und den olympischen Wettbewerb zu schützen. "Wir reden mehr, als das wir handeln. Unsere Taten müssen aber beweisen, dass wir meinen, was wir sagen."

Attacken gegen Kritiker Pound

Sofort meldeten sich Mitglieder zu Wort, die zu den treuesten Verbündeten von Bach zählen, und attackierten Pound. Allen voran der Argentinier Gerardo Werthein: Pound solle weniger mit Journalisten reden, sondern als Doyen öffentlich das IOC schützen, sagte Werthein. Wer ständig an die Presse gehe, respektiere die anderen Mitglieder nicht, der diskreditiere die Arbeit der Kommissionen. Pounds Kritik sei unfair, er müsse begreifen, dass im IOC Demokratie herrsche und nicht nur seine Meldung gelte. Viele andere Mitglieder stimmten Werthein in ähnlicher Schärfe zu.

Und was tat Bach? Er erzählte Pound und der Session, dass er am Vortag im Olympischen Dorf von einem kanadischen Sportler angesprochen wurde, der ihm die Hand drückte und sich für die konsequente Politik der IOC-Führung bedankte.

Pound war aufgebracht. Es sei erschreckend zu hören, er dürfe nicht mit der Presse reden und solle sich besser überhaupt nicht öffentlich äußern. Offenbar seien "Meinungen nicht erwünscht, die von den Beschlüssen des mächtigen Exekutivkomitees abweichen".

Einige Stunden später sagte Pound dem SPIEGEL: "Ich war wütend." Es sei erschreckend, wie Bach seine Gefolgsleute einsetze. "In Rio haben sie den Wada-Präsidenten Craig Reedie verbal vernichtet, diesmal mich. Das hat Methode." Vier Jahre hat Pound noch, bis er seinen 80. Geburtstag feiert und seine IOC-Mitgliedschaft endet. Bis dahin sind weiter kritische Worte von ihm zu erwarten.

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