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Noemi Ristau: Dem Guide hinterher Richtung Ziel

Foto: Paul Hoffmann

Blinde Paralympionikin "Könnte ich sehen, wie steil die Piste ist, hätte ich vielleicht Angst"

Noemi Ristau ist die einzige sehbehinderte Skirennfahrerin im deutschen Paralympics-Team. Mit rund 100 Stundenkilometern stürzt sie sich die Pisten hinab. Blind Ski fahren - wie geht das?

Stellen Sie sich vor, Sie stehen oben auf einem verschneiten Berg. Vor ihnen ein steiler Slalom-Kurs, an ihren Füßen ein Paar Skier. Nun schließen Sie die Augen - und fahren los.

Sie haben keine gutes Gefühl? Etwa so stellt sich die Situation für Noemi Ristau dar, wenn sie ihre Skirennen fährt. Die 26-Jährige ist fast blind: "Ich sehe noch ein paar Farben, ein paar Umrisse, sonst nichts."

Um ihren Sport ausüben zu können, vertraut sie auf einen Begleitfahrer, einen Guide. Lucien Gerkau fährt in einem neongrellen Oberteil vor ihr her. Zwei bis drei Meter bei den technischen Disziplinen Slalom und Riesenslalom. Hier kann sie den gelben Punkt vor sich noch wahrnehmen. Bei Abfahrt und Super-G ist der Abstand größer. "Da kann ich ihn gar nicht mehr erkennen."

Gerkau gibt per Headset Anweisungen zu Pistenbeschaffenheit, Schneeverhältnissen, Torabfolge. Das Grundkommando für den Richtungswechsel ist "und hopp". Dabei steht "und" für die Schwungauslösung, "hopp" für die Durchführung auf der Ski-Kante. Je größer der Schwung desto länger das "hooooopp". "Und steil", "und Eis", "Welle", "Hocke", "hart" - oder "und haaaart" - sind weitere Kommandos. Ristau hört dabei nicht nur auf Gerkaus Stimme, sie hört auch auf dessen Skier. "Das Kratzen hilft mir bei der Orientierung, und es sagt mir, wie der Schnee ist."

Respekt vor der Geschwindigkeit

Fällt das Headset aus, muss Ristau ohne Sichtkontakt sofort anhalten. Bei allem Wagemut hat die Sportlerin auch Respekt vor der Geschwindigkeit, schließlich stürzt sie sich mit rund 100 Stundenkilometern den Hang hinunter: "Gerade im Speed flattert mein Herz da schon ein bisschen."

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Noemi Ristau: Dem Guide hinterher Richtung Ziel

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Sehbehinderte Athleten treten bei Paralympischen Winterspielen im Langlauf, im Biathlon und in den alpinen Disziplinen an. Unterteilt werden die Sportler in drei Klassen: B1 (komplett blind), B2 (schwerst sehbehindert) und B3 (sehbehindert). Dennoch treffen sie in einem Wettkampf aufeinander. Dabei wird die Rennzeit der Athleten durch ein Faktorsystem berechnet: Je stärker die Beeinträchtigung, desto langsamer läuft die Uhr.

In B2, Ristaus Startklasse, sind die Unterschiede groß. "Bei mir sind es zwei Prozent Sehkraft, andere haben zehn Prozent", sagt sie. Das Startklassensystem steckt hinter jedem Leistungsvergleich im Behindertensport. Es soll Vergleichbarkeit herstellen, Chancengleichheit gewährleisten. Es ist ein kompliziertes Konstrukt und ein umstrittenes Thema. Betrugsfälle bei Einstufungen kamen in der Vergangenheit immer wieder ans Licht.

"Es war nicht einfach, damit umzugehen"

Ristau stand mit drei Jahren erstmals auf Skiern. Seither fuhr sie jedes Jahr mit ihrer Familie in den Skiurlaub. Bis sie mit zwölf Jahren erkrankte. Morbus Stargardt lautete die Diagnose. Die Schärfe im zentralen Sehfeld verringerte sich drastisch. Die Teenagerin zog sich mehr und mehr zurück. "Es war nicht einfach, damit umzugehen", sagt sie heute.

Erst der Wechsel an eine Blindenstudienanstalt brachte die Wende und damit auch die Lust am Sport zurück. Einer ersten Skifreizeit folgte ein Ausflug aufs Snowboard. Und zum Blindenfußball: Beim weltweit ersten Blindenfußballturnier für Frauen scheiterte ihr Team erst im Finale an Brasilien.

Noemi Ristau (h.)

Noemi Ristau (h.)

Foto: Paul Hoffmann

Doch Ristau wollte Skifahren. Rennen fahren. Und es sollte zu den Paralympischen Spielen gehen. Die ehrgeizige Athletin gewann schnell deutsche Meistertitel, holte Europacup-Siege. Im vergangenen Jahr fuhr sie bei ihrer ersten WM im Slalom direkt zu Bronze. In Pyeongchang tritt sie in allen fünf alpinen Disziplinen an. Die Abfahrt hat sie mit dem vierten Platz beendet. Als nächster Wettbewerb kommt in der Nacht zu Sonntag (1.30 Uhr MEZ) der Super-G, darin schätzt Ristau sich stärker ein.

Ihre eigene Karte im Kopf

Vorbereitung ist dabei wichtig. Um sich die unterschiedlichen Kurse einzuprägen, fahren Ristau und Gerkau die Pisten vor jedem Wettkampf ausführlich ab. Langsam, von ganz links nach ganz rechts, ertastet sich Ristau die Umgebung. Wie breit ist der Hang, wie steil, wo ist es eisig, wo weicher, wo sind die Geländeübergänge? Sie legt ihre eigene Karte im Kopf an. Danach verlässt sie sich auf ihren Guide.

Gerkau ist selbst ehemaliger Skirennfahrer. Das muss er auch sein. "Noemi gibt ordentlich Gas, da muss man erstmal vorne wegkommen", sagt der 40-Jährige. Einmal habe er es selbst mit verbundene Augen versucht. "Das war die Hölle", sagt der ausgebildete Flug- und Wakeboardlehrer. Ristau wiederum sagt: "Könnte ich sehen, wie steil die Piste ist, hätte ich vielleicht Angst."

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