Eisschnelllaufstar Pechstein Eine gegen alle

Für Claudia Pechstein sind es in Sotschi die sechsten Olympischen Winterspiele ihrer Karriere - und noch einmal will sie eine Medaille holen. Der 41-Jährigen geht es nach Ablauf ihrer Dopingsperre aber um mehr als um Edelmetall. Ihre Mission heißt Genugtuung.

AP

Aus Sotschi berichtet


Am Sonntag (ab 12.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht Claudia Pechstein bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi über die 3000 Meter an den Start. Es ist ihre Paradedisziplin, sie hat auf dieser Distanz in Salt Lake City 2002 Gold gewonnen, sie war Weltmeisterin 2004, bei der olympischen Generalprobe von Sotschi, der WM im Vorjahr, gewann sie die Bronzemedaille, im November feierte sie in Calgary auf dieser Strecke ihren 30. Weltcupsieg. Die tschechische Titelverteidigerin Martina Sablikova, eine der wenigen in der Szene, die Pechstein selbst als ihre Freundin bezeichnet, wird kaum zu schlagen sein. Dahinter jedoch ist für Pechstein alles drin.

Und am 22. Februar steht der Teamwettbewerb der Frauen im Eisschnelllauf auf dem Programm. Das ist der Abschlusswettkampf für die Eisschnellläufer bei diesen Spielen. Er findet statt an dem Tag, an dem Claudia Pechstein ihren 42. Geburtstag feiern wird.

Ihre schärfste Konkurrentin von einst, Anni Friesinger, hat ihre Laufbahn 2010 beendet. Mit 33 Jahren. Die andere große Rivalin, Gunda Niemann-Stirnemann, hat 2005 endgültig Schluss gemacht. Da war sie immerhin bereits 38 Jahre alt. Pechstein ist immer noch da. Mit einem Ehrgeiz, als wäre sie gerade 18 Jahre jung und das erste Mal bei einem solchen Großereignis dabei. Ans Aufhören denkt sie nicht.

Fünf Mal hat sie seit 1992 Gold für sich und für Deutschland geholt. Es gibt keine deutsche Wintersportlerin, die je erfolgreicher war. Es sind ihre sechsten Olympischen Spiele. Es wären ihre siebten, wenn sie in Vancouver vor vier Jahren nicht wegen vermeintlichen Dopings gesperrt worden wäre. Sie hat seitdem gegen die Sperre und ihre Folgen gekämpft. Dieser Kampf ist ihre größte Motivation. Es gibt die Athletin Claudia Pechstein letztlich nur noch wegen dieser Sperre.

Seit 2009 im permanenten Ausnahmezustand

"Normalerweise hätte ich nach Vancouver Schluss gemacht", hat sie gesagt. Aber normal ist relativ wenig bei Pechstein. Seit 2009, dem Jahr, als der Eislauf-Weltverband (Isu) sie als vermeintliche Dopingsünderin gesperrt hat, ist sie eine Sportlerin im permanenten Ausnahmezustand. In ihrem Kampf hat sie alles aufgefahren, was möglich scheint. Sie wollte zwischendurch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bemühen, eine millionenschwere Entschädigungsklage gegen die Isu ist beim Münchner Landgericht anhängig. Zuweilen hätte man vergessen können, dass sie auch noch Sportlerin ist.

Pechstein hat das nie vergessen. Für sie gehört das zusammen. Auf dem Eis oder vor Gericht - es ist Teil desselben Kampfes. Diese Spiele von Sotschi sind für sie zuallererst eine Genugtuung.

Genugtuung, dass sie neben Sprinterin Jenny Wolf als mittlerweile einzige Medaillenhoffnung des einst stolzen deutschen Eisschnelllauf-Teams gehandelt wird.

Genugtuung, dass ihre Erfurter Rivalin Stephanie Beckert, ihr seit jeher in herzlicher Abneigung verbunden, so formschwach nach Sotschi anreist, dass sie schon froh sein konnte, überhaupt für die Spiele nominiert worden zu sein.

Genugtuung, dass ihr Lebensgefährte Matthias Große - im Lager der Eisschnellläuferinnen mindestens umstritten, weil er sich zuweilen wie der Bodyguard seiner Partnerin aufführt - als offizieller Betreuer der Olympiamannschaft nominiert wurde.

Genugtuung, dass der neue Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, ernsthaft darüber nachgedacht hat, sie als Fahnenträgerin der Olympiamannschaft in die Eröffnungsfeier zu schicken. Hörmanns Vorgänger Thomas Bach hatte wenig für den Eindruck getan, er habe gesteigertes Interesse daran, Pechstein zur Seite zu stehen.

Jede Bestzeit ist ein Sieg über die Funktionäre

Die Auseinandersetzung mit der Isu sei ihr größter Ansporn, sei "Motivation pur" hat sie der "Welt" gesagt. Jede Bestzeit, jede Medaille, die sie jetzt noch erreicht, nimmt sie als einen Sieg über die Funktionäre wahr. "Jedes Mal, wenn ich es jetzt noch aufs Podium schaffe, werden die ISU-Bosse eher schlecht gelaunt sein", sagt sie.

Vor den Spielen hat Pechstein in einem Rundumschlag Trainer und Athleten im deutschen Eisschnelllauf abgemeiert. Sie hat die jungen Eisschnellläuferinnen als nicht leistungsbereit und trainingsfaul bezeichnet. Dem altgedienten Trainer Stephan Gneupel, rein zufällig auch noch der Coach von Stephanie Beckert, hat sie attestiert, er warte nur noch auf die Rente. Normalerweise reicht so eine massive Attacke einer Sportlerin auf Kolleginnen und Trainerstab mindestens für eine Abmahnung, eventuell gar für eine Suspendierung.

Diesmal gab es nur eine paar matte Widerworte vom Cheftrainer. Mehr nicht. Claudia Pechstein ist mittlerweile so einflussreich, wie sie es in ihren besten sportlichen Jahren nicht war.

Eine fast 42-Jährige ist die Hoffnungsträgerin einer ganzen Sportart in Deutschland.

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 08.02.2014
1. Tja, wer gut ist, sollte nicht schweigen...
Eine starke Frau, die bewundernswert reagierte, als man sie wegen gesundheitlich bedingter abnormaler Werte unberechtigt bestrafte. Von vielen Athleten wünsche ich mir gegenüber Funktionären und dummerhaften Sportjournalisten auch etwas mehr Mut...
quark@mailinator.com 08.02.2014
2. Tja ...
... würde ihr gern 10 Daumen drücken, wenn ich sie nur hätte. Respekt für soviel Charakter. Was für eine Schande für jene, die ihr ihre super Kariere kaputt gemacht haben, aus ideologischem Beißreflex und Engstirnigkeit. Es heißt immer, lieber 10 Schuldige laufen lassen, als einen Unschuldigen zu verurteilen, aber wenn man es mit Fanatikern zu tun bekommt ...
kugelsicher, 08.02.2014
3.
Diesmal gab es nur eine paar matte Widerworte vom Cheftrainer. Mehr nicht. Claudia Pechstein ist mittlerweile so einflussreich,..... Fast schon verständlich, dass keiner der feinen Herren mit dem Dunstkreis der Hells Angels anlegen will. die klagen halt gern. Und wenn das nicht zum Erfolg führt....
#Nachgedacht 08.02.2014
4. Daumen drücken!
Zitat von sysopAPFür Claudia Pechstein sind es in Sotschi die sechsten Olympischen Winterspiele ihrer Karriere - und noch einmal will sie eine Medaille holen. Der 41-Jährigen geht es nach Ablauf ihrer Dopingsperre aber um mehr als um Edelmetall. Ihre Mission heißt Genugtuung. http://www.spiegel.de/sport/wintersport/pechstein-startet-in-sotschi-in-ihre-sechsten-winterspiele-a-946387.html
Auch wenn ichkeinen Fernseher besitze, mich dem Olympiakommerz entziehe, jener entstandenen verdrehten Sportwelt die mit dem Ursprungsgedanken der Olympiade nicht mehr viel zu tun hat, werde ich in Gedanken Daumen drücken. Sie hat gekämpft und man kann Ihr nur wünschen das dieser Kampf mit einer Medaille gekrönt wird. Sollte es absolut nicht gelingen, ist das auch kein Beinbruch. Allein die Teilnahme ist ein super Erfolg, der deutlich macht, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss und darf. Die Wahrheit siegt! Lauf den Lauf Deines Lebens! #Nachgedacht
lwresi 08.02.2014
5. Viel Erfolg Claudia!!!
Ich drücke dir die Daumen
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