Österreichs Verbandsboss Schröcksnadel Der Ski-Patriarch

Peter Schröcksnadel herrscht seit fast 30 Jahren im österreichischen Skisport. Der Funktionär hat zahlreiche Skandale überstanden. Nach den Dopingenthüllungen von Seefeld jedoch häuft sich die Kritik an ihm.
Peter Schröcksnadel

Peter Schröcksnadel

Foto: Bongarts/Getty Images

Es gibt Menschen, die haben die Gabe, stets zur rechten Zeit das Richtige zu sagen. Die es auf diese Weise schaffen, Wogen zu glätten, Debatten zu befrieden, Streitende zu versöhnen.

Und es gibt Peter Schröcksnadel.

Der Tiroler führt seit nunmehr unglaublichen 29 Jahren den österreichischen Skiverband, aber als Diplomat ist der 77-Jährige noch nicht auffällig geworden. Im Skandal um das Erfurter Dopingnetzwerk, das während der Nordischen Ski-WM in Seefeld aufflog, tat sich Schröcksnadel mit verschwörungstheoretischen Andeutungen hervor.

"Es kommt mir vor, es war eine getürkte Aktion, wie das inszeniert worden ist, gerade bei der WM", kommentierte er im ORF die Razzia der Dopingermittler in Seefeld aus der Vorwoche. "Man muss nachdenken, ob es nicht eine Gruppe gibt, die uns schaden will", fügte er nebulös an, ohne konkret zu werden. Hinzu kam, dass er den Schwarzen Peter für den Dopingskandal vor allem in Deutschland verortete und die erwischten österreichischen Langläufer als "Trottel" abtat.

"Saustall" - das hatte sich vorher niemand getraut

Man wäre geneigt zu sagen, typisch Schröcksnadel, umstrittene Äußerungen sind sie in Österreich von ihm gewohnt. Aber die Kritik an dem allmächtigen Skiboss häuft sich seit der Vorwoche, sie wird nicht mehr, wie in den Jahrzehnten zuvor, nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Der frühere Weltklasse-Kombinierer Felix Gottwald nannte die Reaktion des Präsidenten einen "Schnellschuss", Wolfgang Konrad, der Veranstalter des Wien-Marathons und Vater von Radprofi Patrick Konrad, sagte, der ÖSV gleiche unter Schröcksnadel einem "Saustall". Als Ski-Napoleon ist Schröcksnadel in all den Jahren bezeichnet worden, als Alpenkönig, als Imperator. Ein Imperium, entstanden durch Netzwerke, Verstrickungen, Spezlwirtschaft. Aber es scheint, als geriete das Imperium des Peter Schröcksnadel ins Bröckeln. "Saustall" - das hatte sich vorher noch niemand getraut.

Schon bei der heftigen Diskussion um das Thema sexueller Missbrauch im österreichischen alpinen Skisport agierte Schröcksnadel mindestens unglücklich. Auf die Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe, die die frühere Topläuferin Nicola Werdenigg erhoben hatte, reagierte er zunächst mit Empörung. Der Verband stellte Werdenigg erst ein Ultimatum mit der Aufforderung, Namen zu nennen, dann brachte er eine Entschuldigung der Ex-Sportlerin ins Gespräch. Von echtem Aufklärungswillen war wenig zu spüren. Legendär wurde Schröcksnadels Satz: "Ein Pantscherl ist kein Übergriff." Pantscherl - das sind im Wienerischen harmlose Liebeleien.

Schröcksnadel lässt sich hochleben

Schröcksnadel lässt sich hochleben

Foto: VALDRIN XHEMAJ/EPA-EFE/REX

In Seefeld ordnete der Verbandsboss die Missbrauchsdebatte in seine Verschwörungstheorie ein. Es sei doch merkwürdig, dass die Geschichte um Vorwürfe gegen Österreichs Skiheld Toni Sailer im Vorjahr ausgerechnet kurz vor der Kitzbühel-Abfahrt auf der Streif an die Öffentlichkeit gekommen sei.

Menschenrechtsprobleme kleingeredet

Vor den Winterspielen in Sotschi 2014 redete er in einem Interview mit dem "Standard" die Menschenrechtsprobleme in Russland klein. Zu den Restriktionen, die Homosexuelle in Russland zu erleiden hatten, sagte er zum Beispiel: "So weit ich weiß, ist Homosexualität in Russland nicht verboten, es ist nur verboten, offensiv dafür zu werben. Aber mir ist es auch lieber, es wird für Familien geworben, als es wird für Homosexualität geworben."

Skandale waren schon vor Seefeld treue Begleiter Schröcksnadels. Die Vorfälle bei er Nordischen Ski-WM waren bereits der vierte große Dopingskandal im österreichischen Skisport unter ihm als Präsident. Angefangen von Blutbeutelfunden bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City, gefolgt von der Durchsuchung des ÖSV-Quartiers bei den Spielen in Turin vier Jahre später.

Nachdem die Carabinieri die ÖSV-Athleten mehr oder weniger auf frischer Tat ertappt hatten, sagte Schröcksnadel: "Austria is a too small country to make good doping." Nach der WM 2009 flogen die Weltmeister Christian Hoffmann und Michail Botwinow als Dopingsünder auf. Aus der Vorwoche kursierten Bilder, die Hoffmann und Botwinow in Seefeld fröhlich feiernd zeigten. Mit dabei: Peter Schröcksnadel.

Schröcksnadel mit Fis-Präsident Gianfranco Kasper

Schröcksnadel mit Fis-Präsident Gianfranco Kasper

Foto: BARBARA GINDL/ AFP

Der Patriarch hat das alles schadlos überstanden. Im Gefolge der Enthüllungen von 2006 trat er zwar aus dem Vorstand des Weltskiverbandes Fis zurück, im Gegenzug aber vergab die Fis die alpine Ski-WM ins österreichische Schladming. Das roch sehr nach einem Deal. Zwei Jahre später kehrte Schröcksnadel bereits wieder in den Vorstand des Weltverbandes zurück. Als sei nichts gewesen.

Mit dem Skisport reich geworden

Die Macht - viele sagen - die Allmacht Schröcksnadels, sie hat auch damit zu tun, dass er nicht nur als Funktionär bestimmt, wo es im Skisport lang geht. Als Unternehmer verdient er auch sein Geld damit. Seine Firma Sitour, gegründet in den Sechzigerjahren, besitzt annähernd das Monopol auf Werbeflächen an den Weltcup-Skipisten im Alpenraum. Mit seiner zweiten Firma Feratel beliefert er Fernsehstationen wie den ORF mit Panoramabildern aus den Bergen. Im österreichischen Skisport hängt alles mit allem zusammen, und alles heißt Schröcksnadel.

Gleichzeitig besitzt der Unternehmer mittlerweile mehrere Skigebiete, die er nach und nach aufgekauft hat, von Hinterstoder bis zum Großglockner. Zahlreiche Skiliftbetriebe in den Alpen laufen unter der Marke Schröcksnadel, als den Liftkaiser hat man ihn auch schon bezeichnet.

Die Geschäfte führt mittlerweile großteils Sohn Markus, der Vater widmet sich neben dem Skisport jetzt vor allem der Fliegenfischerei in Kanada. Seine Amtszeit als ÖSV-Boss läuft 2020 aus. Bisher hatte Peter Schröcksnadel angekündigt, dann aufzuhören. Jetzt sagt er, er müsse wegen des Dopingskandals weitermachen: "In so einer Situation hört man nicht auf."

Anderswo wären Dopingskandale wahrscheinlich gerade ein Grund für einen Rücktritt. Aber nicht beim ÖSV. Nicht bei Peter Schröcksnadel.

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