Rodelunglück bei Olympia Todesschatten im Eiskanal

Wie extrem darf Wintersport sein? Olympia-Verantwortliche reagieren bestürzt auf den Tod des Rodlers Nodar Kumaritaschwili kurz vor Beginn der Spiele von Vancouver. Doch die Risiken des Eiskanals von Whistler waren bekannt, er gilt als der schnellste überhaupt - das lebensgefährliche Tempo war trotz Warnungen gewollt.

Aus Whistler berichtet


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Tod bei Olympia: Nodar Kumaritaschwilis letzte Fahrt
"Sea-to-Sky-Highway" haben die Kanadier die Autobahn genannt, die von Vancouver in die Berge führt, vorbei an Wäldern, Häusern, an Bächen. Im Westen sieht man Anvil Island oder das Paradise Valley und immer wieder blaues Wasser. Es sind 120 Kilometer bis Whistler, es gibt ungezählte Kurven. Whistler liegt mitten auf dem Weg in den Himmel.

Oben in Whistler haben sie für die Olympischen Spiele das Sliding Centre gebaut, mittendrin die schnellste und gefährlichste Eisbahn der Welt. Die Rodler stürzen sich hier mit 150 Kilometern pro Stunde hinunter. Es gibt 16 Kurven.

Und seit diesem Freitag auch einen Toten.

Im letzten Training des Tages macht sich Nodar Kumaritaschwili auf den Weg hinab, ein Talent, das als schnell und waghalsig gilt, aber auch als unerfahren. Kumaritaschwili hat schon nach der zweiten Kurve auf 90 Kilometer pro Stunde beschleunigt, 20 Prozent Gefälle sind es dort. Das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. In Kurve 16 passiert es. Der Georgier rutscht aus der Bahn. Er prallt mit Kopf und Rücken an einen ungesicherten Pfeiler.

Trotz sofortiger Wiederbelebungsversuche der Rettungskräfte stirbt Kumaritaschwili. Er ist erst 21 Jahre alt.

Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), gibt nach der schrecklichen Nachricht eine Pressekonferenz, er hat Tränen in den Augen und Trauer in der Stimme. Dann wird er gefragt, ob die Strecke in Whistler nicht schlicht zu schnell sei. Rogge antwortet: "Ich will mit Ihnen gern debattieren, aber es tut mir leid. Jetzt ist die Zeit für Trauer und nicht, nach den Gründen zu suchen, warum das passiert ist."

Es gibt viele, die das ganz anders sehen.

Schon am Donnerstag hatte die Australierin Hannah Campbell-Pegg ein paar bemerkenswert offene Worte gesagt. Sie frage sich, ob die Piloten Versuchsobjekte seien für die Streckenbauer der Spiele, sagte die Rodlerin nach einem holprigen Trainingslauf. "Bis zu welchem Grad sind wir nur kleine Lemminge? Sie bauen eine Strecke und wir sind die Crash-Test-Dummies? Es ist unser Leben!"

Die Grenzen des Möglichen ins Unmögliche verschoben

Man könnte an dieser Stelle auch Mark Grimmette aus den USA zitieren, der die Grenzen des Machbaren in Whistler überschritten sieht. Man könnte an den Kanadier Jeff Christie erinnern, der vor den Spielen auf die Gefahren des Eiskanals hinwies. "Die Strecke ist gefährlich, weil sie so schnell ist", sagte Christie. Die meisten Strecken auf der Welt würden zum Ende hin schneller werden, "doch in dieser wird man schon oben extrem beschleunigt".

Man könnte auch weitere Rodler und Bobpiloten fragen, die den Kurven verschiedene Spitznamen gegeben haben, die keiner Kommentierung bedürfen. Kurve 13 heißt zum Beispiel "Zittern". Olympiasieger André Lange, der als Bobpilot schon alle Eiskanäle der Welt gesehen hat, ist im vergangenen Jahr in Whistler nicht runtergefahren.

Am Donnerstag war die Rumänin Violeta Stramaturaru nach einem Sturz kurz bewusstlos. Dem Italiener Armin Zöggeler schmerzte nach einem Unfall der ganze Körper.

Man könnte schließlich also fragen, warum in Whistler die Grenzen des Möglichen ins Unmögliche verschoben wurden, in tödliche Regionen. Man muss.

Eine Diskussion über die Steigerung von Geschwindigkeiten ist im Wintersport überfällig, und das gilt nicht nur für die Eiskanäle. Auch im alpinen Sport werden Material und Pisten aufs Letzte ausgereizt. Nicht ohne Grund verletzten sich vor den Olympischen Spielen ungewöhnliche viele Abfahrer schwer. Absichtlich vereiste Pisten sind zwar spektakulärer, aber auch viel schneller.

Vorliebe für spektakuläre Sportarten

Weniger wäre besser, sicherer - aber das scheint nicht im Sinne des IOC zu sein, das seit mehr als 20 Jahren mit Vorliebe spektakuläre Sportarten ins olympische Programm gehoben hat. Shorttrack, Skeleton oder aktuell Ski-Cross sind nur drei Beispiele.

Im Fall von Nodar Kumaritaschwili ermitteln nun Polizei, Staatsanwaltschaft und die verantwortlichen Gerichtsmediziner der Provinz British Columbia. Nach ersten Untersuchungen des Rodel-Weltverbandes FIL wies die Bahn beim tödlichen Unfall keinerlei Mängel auf. Die Verantwortlichen nahmen aber Modifizierungen vor: FIL und das Organisationskomitee Vanoc beschlossen, den Eiskanal nach einer Erhöhung der Wände in Kurve 16 sowie einigen Änderungen im Eisprofil wieder freizugeben. Laut FIL ergaben die Ermittlungen bisher, dass Kumaritaschwili nach einer routinemäßigen Abfahrt zu spät aus der 15. Kurve gekommen und dadurch zu spät in die Schlusskurve 16 eingefahren sei. Trotz aller Versuche, den Schlitten wieder in die richtige Bahn zu bringen, habe er die Kontrolle verloren.

Aber abgesehen von den Details des Hergangs - was bedeutet der Unfall jetzt für die Wettbewerbe? Wäre ein Boykott der Rodler nicht eine angemessene Reaktion auf Kumaritaschwilis Tod?

Bei den Deutschen denkt man daran nicht. "Ich halte nichts davon, die Wettbewerbe abzusagen", sagte Andreas Trautvetter, der Präsident des Bob- und Schlittenverbandes. Der Funktionär sprach sich aber für eine Entschärfung des Eiskanals von Whistler aus: "Es ist ein defensiver Eisausbau möglich."

IOC-Boss Rogge wollte sich zu dieser Frage in seiner Pressekonferenz nicht äußern. Er ging nach sieben Minuten.

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Vancouver 2010: Georgien mit Trauerflor, Gretzky finaler Fackelträger

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Darjaan 12.02.2010
1. titel
Was für eine Stümperei der Verantwortlichen. Der Sport ist nicht zu schnell oder zu gefährlich, es fehlten ganz einfach banale, billige aber geignete Sicherheitsvorkehrungen. Wo ist das Problem, dass man an solchen Strecken die Seitenwände solange etwas höher gezogen hält, wie die Geschwindikkeiten noch relativ hoch sind? Was für eine dumme Eselei. Dieser Tod ist sowas von verhinderbar gewesen. Die Verantwortlichen gehören in den Knast. Man muss aber auch die Fahrer rügen. Jeder kennt die Schwachpunkte an den Strecken. Warum boykottiert man diese Strecken nicht einfach?
HeinrichLöwe 12.02.2010
2. Stahlträger
Unverkleidete Stahlträger neben der Strecke?! Mir fehlen die Worte!
Steff-for 12.02.2010
3. Splatterjournalismus
Meinem Vorposter zustimmend muss ich zudem den Splatterjournalismus anprangern. Klasse, genau die letzte Millisekunde zu veröffentlichen, in der der junge Mensch noch gesund war - im nächsten Moment dem Tod geweiht. Schon mal daran gedacht, dass er auch Angehörige und eine Freundin hat? Wie wird solch ein Foto auf diese wirken?? Strecke sperren, bis die Sicherheitsmängel vollkommen beseitigt sind! Es lebe der Sport....
murun 12.02.2010
4. Reißerisch...
Zitat von sysopDie Spiele von Vancouver beginnen mit einer Tragödie. Kurz vor der Eröffnungsfeier ist der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili beim Training aus der Bahn geflogen und an seinen Verletzungen gestorben. Athleten und Funktionäre kritisieren die schnelle Strecke. Ist der Sport zu extrem geworden?
Die Bahn wurde schon beim ersten offiziellen Durchlauf, sprich Weltcup 2008/2009 heftig kritisiert. Nur hat da Möller gewonnen und Loch Bestzeiten aufgestellt. In dem Fall fragt man nicht. Bei SpOn erst, wenn jemand stirbt...
random42 12.02.2010
5. unglaublicher schock
ein schlimmer Tag für Olympia.. auf youtube ist dieses video vom unfall veröffentlicht worden: http://www.youtube.com/watch?v=5p6LYYrhjxo
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