Rohwein-Interview "Thoma und Weißflog verunsichern die Springer"

Skisprung-Bundestrainer Peter Rohwein ist nicht zu beneiden. Seine DSV-Adler gehören längst nicht mehr zur Weltspitze. Vor dem Auftakt der Vierschanzentournee spricht der 44-Jährige mit SPIEGEL ONLINE über Kritik von ehemaligen Weggefährten sowie die Chancen von Martin Schmitt und Co.


SPIEGEL ONLINE: Herr Rohwein, Sie sagten kürzlich, die deutschen Skisprung-Fans sollten sich in mehr Bescheidenheit üben. Müssen die Anhänger nach den jüngsten Trainingseindrücken ihrer Springer das Schlimmste befürchten?

Rohwein: Nein. Michael Uhrmann und Martin Schmitt haben sich in den letzten Tagen weiter verbessert. Sie sind beide auf einem guten Weg. Michael hat im Training oder beispielsweise auch in Engelberg bei der Qualifikation positive Ansätze gezeigt. Es fehlt noch die Konstanz. Das Gleiche gilt für Martin Schmitt. Wenn er in den kommenden Wettkämpfen Resultate um Platz 10 bis 15 bringt, ist das für ihn ein Erfolg. Der Martin von heute ist nicht mehr mit dem Springer von vor vier Jahren zu vergleichen – das müssen alle akzeptieren.

Bundestrainer Rohwein: "Laufe nicht ständig mit einer Trauermiene rum"
DDP

Bundestrainer Rohwein: "Laufe nicht ständig mit einer Trauermiene rum"

SPIEGEL ONLINE: Das fällt den erfolgsverwöhnten Deutschen sehr schwer…

Rohwein: Ich denke, viele Skisprung-Fans sehen die Situation ziemlich realistisch. Es sind die Medien, die überzogene Erwartungen schüren. Wenn alles zusammen passt, traue ich Michael Uhrmann bei dem einen oder anderen Springen der Vierschanzentournee durchaus einen Podestplatz zu. Nur, man darf derzeit nicht fest damit rechnen.

SPIEGEL ONLINE: Auch weil Uhrmanns bisheriges Abschneiden wie das seiner Kollegen ziemlich bescheiden war. Wie lautet Ihre persönliche Zwischenbilanz vor dem Beginn der Tournee?

Rohwein: Da gibt es nichts zu beschönigen. Der Auftakt war sehr zäh und schleppend. Von daher ist die Kritik berechtigt. Im vergangenen Winter war sie es nicht immer. Da springt ein Michael Uhrmann die bislang beste Saison seines Lebens, verpasst um Haaresbreite bei den olympischen Spielen die Bronzemedaille, wird später mit der Mannschaft bei der Skiflug-WM Dritter und dann steht der gesamte deutsche Skisprung und damit auch er in der Kritik. Das tut einem Sportler schon weh.

SPIEGEL ONLINE: Ähnlich schmerzhaft dürfte die Kritik von Jens Weißflog und Dieter Thoma an ihrer Arbeit sein. Die beiden sind immerhin ehemalige Springerkollegen.

Rohwein: Gut tut das natürlich nicht. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Wir sind kritikfähig. Allerdings schaut von außen manches anders aus. Gerade von ehemaligen Skispringern würde ich erwarten, dass sie sich besser informieren. Jens und Dieter sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie mit nicht fundierter Kritik Unruhe ins Team bringen. Denn natürlich lesen auch die Athleten Zeitung.

SPIEGEL ONLINE: Ein Vorwurf lautet, Sie seien beratungsresistent und gingen Thoma sowie Weißflog aus dem Weg.

Rohwein: Wir sehen uns oft, sind ständig im Gespräch. Manchmal sitzen wir mehrere Stunden zusammen, wie zuletzt mit Jens beim Saison-Auftakt in Kuusamo.

SPIEGEL ONLINE: Thoma sagt auch, Sie seien zu missmutig und introvertiert.

Rohwein: Das ist absoluter Blödsinn. Ich laufe doch nicht ständig mit einer Trauermiene herum. Wenn ich mich über einen schlechten Sprung ärgere, dann sieht man mir das unmittelbar danach an. Ich denke, das ist auch in Ordnung. Im Übrigen werfen die gleichen Leute den Springern vor, sie würden nach einem miesen Sprung lächelnd im Auslauf stehen.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Vertreter anderer Sportarten klagen immer wieder über zu hohe Erwartungen der Öffentlichkeit hierzulande. Ist das tatsächlich ein deutsches Phänomen?

Rohwein: Ich denke schon. Es herrscht der Hang zur Übertreibung. Ist der Erfolg da, gibt es gleich einen Riesenhype. Wehe, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Nehmen wir als Gegenbeispiel die Schweiz. Simon Ammann führt den Weltcup an. Aber deswegen überschlagen sich die Schweizer Medien nicht. Auch die Norweger verfallen wegen der Erfolge von Anders Jacobsen nicht gleich in eine große Hysterie. Entsprechend gelassener ist die Stimmung, wenn es mal nicht so läuft.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt aber die Frage, warum es in Norwegen oder auch in Österreich seit einiger Zeit schon besser läuft?

Rohwein: In beiden Ländern gibt es ein wesentlich größeres Reservoir an Talenten, die immer wieder nachrücken. Ich dagegen bin seit Jahren mit derselben Mannschaft unterwegs. In den Hochzeiten, als Sven Hannawald und Martin Schmitt dominierten, ist es in Deutschland versäumt worden, verstärkt Nachwuchs fürs Skispringen zu gewinnen. Damals hätten die Kinder den Vereinen die Türen einrennen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Vor der Saison haben Sie eine Medaille bei den Weltmeisterschaften Ende Februar als Ziel ausgegeben. Ist das nach den bisher gezeigten Leistungen Ihrer Schützlinge noch realistisch?

Rohwein: Was die Mannschaftswettbewerbe angeht, stehe ich dazu. Leider haben wir durch den Kreuzbandriss von Michael Neumayer einen sehr zuverlässigen Teamspringer verloren. In der Einzelkonkurrenz ist ein Michael Uhrmann durchaus in der Lage, auf den Medaillenrängen zu landen. Beim Skispringen geht alles ganz schnell. Eine Riesen-WM und in Deutschland ist der Hype wieder da.

Das Interview führte Roland Wiedemann



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.