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23. Februar 2010, 09:38 Uhr

Silber für deutsche Skispringer

"Martin hat nur 'Danke' gesagt"

Aus Whistler berichtet

Die deutschen Skispringer bejubeln olympisches Silber, weniger hatte das Team von Bundestrainer Schuster aber auch nicht erwartet. Österreich flog dagegen souverän zur Goldmedaille - den Grundstein hierfür legten ausgerechnet die einstigen Triumphe von Martin Schmitt und Co.

Endlich durfte auch Gregor Schlierenzauer das Gefühl erleben, als Letzter da oben auf der großen Olympiaschanze von Whistler zu stehen. Als Führender vor dem allerletzten Sprung. Mehr als komfortabel war der Vorsprung des Österreichers, nur ein Sturz würde ihm und einer ganzen Alpenrepublik die Goldmedaille noch entreißen können.

Schlierenzauer ging in die Anlaufspur, kraftvoll sprang er ab, lange und weit flog er durch die Luft, über jenen Punkt hinaus, den man bei einer Schanze den kritischen nennt. Bei 146,5 Metern landete Schlierenzauer, nur mit Mühe konnte er einen Sturz verhindern. Danach hatten er und Österreich es endlich geschafft: Sie sind bei diesen Spielen in Kanada doch noch Olympiasieger geworden, mit 72,1 Punkten Vorsprung, rund 40 Meter vor dem deutschen Quartett und jenem aus Norwegen.

Eine Überraschung kann man den Olympiasieg der österreichisches Mannschaft nicht nennen. Es ist eine der vorhersehbaren Goldmedaillen bei diesen Spielen. Der Schweizer Wunderspringer Simon Ammann konnte dem österreichischen Team mangels konkurrenzfähiger eigener Mannschaft diesmal nicht den Spaß verderben. Die nach dem Schweizer im Weltcup-Ranking Nächstplatzierten, namentlich Schlierenzauer, Thomas Morgenstern, Andreas Kofler und Wolfgang Loitzl, wiederum tragen allesamt das Wappen Österreichs auf der Brust.

Die Springer aus der Alpenrepublik mögen in den Einzelwettbewerben, wie im Olympic Parc von Whistler gleich zweimal geschehen, hinter den hochgesteckten Erwartungen zurückbleiben und sich jeweils von einem Schweizer ( zweimal Gold für eben jenen Ammann) sowie einem Polen (Adam Malysz gewann Doppel-Silber) haben abwatschen lassen. Im Gespann aber schien eine Niederlage ausgeschlossen: Vom ersten der insgesamt zweimal vier Sprünge an lag Österreich vorne.

Richtig spannend war also nur der Kampf um die weiteren Podestplätze, auch die Deutschen hatten dafür ihr Interesse angemeldet. "Das war von Anfang an unser Hauptziel", gab Martin Schmitt zu. Und es war erstaunlich zu sehen, mit welcher Sicherheit und Konsequenz sie alle zusammen ihr Hauptziel verfolgten: Von Wettbewerbsbeginn an lagen Michael Neumayer, Andreas Wank, Schmitt und Michael Uhrmann auf Silberkurs. Selbst ein Patzer von Schmitt im zweiten Durchgang (122 Meter) warf sie nicht zurück.

"Mir war klar, dass die uns das nicht mehr wegnehmen"

Zwar rückten die am Ende drittplatzierten Norweger noch einmal gefährlich nahe, Uhrmann machte schließlich mit einem Satz auf 140 Meter das silberne Kunststückchen endgültig perfekt und erzählte später von einem knappen Dialog mit dem Kollegen Schmitt: "Martin hat zu mir nur 'Danke' gesagt", berichtete Uhrmann. Bereits vor acht Jahren in Salt Lake City hatten Uhrmann und Schmitt eine Medaille zusammen gewonnen, damals die goldene. "Mir war klar, dass die uns das nicht mehr wegnehmen", so Uhrmann über die Konkurrenten aus Norwegen.

"Ein Podestplatz im Einzel wäre eine Überraschung gewesen", hatte Bundestrainer Werner Schuster schon vor dem finalen Team-Wettbewerb festgestellt, nun sagte er: "Für uns ist Silber wie ein Sieg." Schuster und sein Team können nun auf eine Saison mit Happy End zurückblicken. "Wir haben nie den Glauben an uns verloren, auch wenn es durchaus schwierige Situationen gab", so Schuster.

Bodmer und Wank lassen für die Zukunft hoffen

Mehr noch: Trotz aller Schwierigkeiten scheinen die deutschen Springer Fortschritte zu machen. So ließen bereits die Plätze fünf (Uhrmann) und sechs (Neumayer) in den Olympischen Einzelspringen hoffen. Vor allem aber ist es Schuster gelungen, zwei Youngster an die Weltspitze heranzuführen: Pascal Bodmer, 19 Jahre alt, überraschte bereits zum Weltcup-Auftakt im finnischen Kuusamo mit Rang zwei und belegte bei der Vierschanzentournee den siebten Gesamtrang. Dass seine Formkurve ausgerechnet vor und bei Olympia abflachte, mag bedauerlich sein, durch Bodmers Jugend aber auch erklärbar.

Beim Teamspringen ersetzte ihn Schuster durch Wank, 22, vor zwei Jahren noch Junioren-Weltmeister, nun Silbermedaillengewinner von Vancouver. Es stehen also vielversprechende Talente bereit, man muss nur weiter Geduld haben. Den Österreichern ging das vor zehn Jahren nicht viel anders. "Wir haben damals voller Neid nach Deutschland geschaut", gibt Österreichs Cheftrainer Alexander Pointner zu. Sie haben den Neid kreativ eingesetzt und eine Art neue österreichische Flugschule begründet, um die Defizite aufzuarbeiten. Gestern hat Österreich das zu Gold geführt.

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