Ski-Weltmeister Tauscher Der Bändiger der Klapperschlange

Hansjörg Tauscher ist bis heute der einzige deutsche Weltmeister in der Abfahrt. Vor 30 Jahren holte er sensationell Gold im US-amerikanischen Vail. Den Grundstein seines Erfolgs legte er damals im Fernsehstudio.

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Von Florian Kinast


Fragen zu seiner Arbeit, zu Tätigkeiten und Einsätzen im Zuständigkeitsbereich der Inspektion Oberstdorf fallen unter das Dienstgeheimnis. Polizeioberkommissar Tauscher ist zur Verschwiegenheit verpflichtet, vorschriftsgemäß verweist er auf die zuständige Behörde, das Polizeipräsidium Kempten.

Aber zu Fragen über seinen größten Triumph gibt er natürlich äußerst bereitwillig Auskunft, darüber spricht er immer noch gerne, auch 30 Jahre danach. Über den 6. Februar 1989 in Vail, als Hansjörg Tauscher bei der Ski-WM in Colorado Gold holte - als bis heute einziger deutscher Rennläufer in der Abfahrt, bei einer der größten Sensationen in der Geschichte des alpinen Skisports. "Das war mein amerikanischer Traum", sagt er heute. Ein Triumph, den sich der Allgäuer zuvor im Fernsehstudio ertüftelt hatte. Aber der Reihe nach.

21 Jahre jung war Tauscher damals, bei den vorherigen Weltcup-Rennen in jener Saison hatte er durchaus aufhorchen lassen: Fünfter in Laax, Sechster in Wengen, insgesamt viermal unter den besten Acht, sehr respektabel. Aber die wirklich großen Favoriten auf die WM-Medaillen waren andere. Vor allem die Abfahrer aus der in jener Zeit dominierenden Ski-Nation: Titelverteidiger Peter Müller, Pirmin Zurbriggen, Daniel Mahrer, Karl Alpiger - die WM-Abfahrt drohte eine Schweizer Meisterschaft mit internationaler Beteiligung zu werden. Ein Deutscher als Abfahrts-Weltmeister? Alaaf, helau. Das klang an diesem Rosenmontag 1989 eher nach einem Faschingsscherz.

"Ich wusste, dass das die Schlüsselstelle wird"

Hansjörg Tauscher startete mit Nummer neun, im oberen Abschnitt verlor er schon eine dreiviertel Sekunde auf den bis dahin führenden Mahrer, unmöglich aufzuholen. Dachte man. Aber dann kam die "Rattlesnake Alley". Vier überhöhte Kurven, irgendwo zwischen Bobbahn und Halfpipe, ein 200 Meter langer Streckenabschnitt, den niemand so gut meisterte wie Tauscher. Weil auch keiner diese Passage vorher so intensiv studiert hatte wie er.

"Ich wusste, dass das die Schlüsselstelle des Rennens wird", sagt Tauscher. "Also bin ich nach dem Abschlusstraining zum deutschen Fernsehen und hab mir im Regieraum die 'Rattlesnake Alley' rauf und runter angeschaut." Er spulte vor und wieder zurück: Wie erwischt man die Einfahrt am besten? Wo sind die Scheitelpunkte? Wie nimmt man bei der Ausfahrt am besten Tempo mit für die weitere Strecke? Kurz: Wie bändigt man die Klapperschlange? Das Videostudium hatte Erfolg.

Bei der nächsten Zwischenzeit hatte Tauscher den Rückstand aufgeholt, im Ziel lag er vorn, kein anderer kam an seine Zeit heran. Tauscher war Weltmeister. Die Eidgenossen belegten die Ränge zwei bis fünf und verfluchten ihren Landsmann Bernhard Russi, der sich als Pisten-Designer die Rattlesnake Alley als Bereicherung der Strecke hatte einfallen lassen - und der dafür sorgte, dass die Klapperschlange seine Schweizer biss.

"Eher wird Österreich Fußball-Weltmeister"

Dass man ihn später gerne Zufallsweltmeister nannte, One-Hit-Wonder oder auch Eintagsfliege, nervt Tauscher bis heute. "Das entbehrt doch jeglicher Grundlage", grummelt er. "Wenn das jemand glücklich macht, so etwas zu sagen, dann bitte. Ich weiß, wie gut und stark ich war, gerade kurventechnisch war ich damals einer der Besten." Neunmal fuhr Tauscher danach im Weltcup noch unter die Top Ten, einmal aufs Podium, 1992 in Garmisch. Ein Rennen aber gewann er nie wieder.

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Ski-Weltmeister Hansjörg Tauscher: Einmal und nie wieder

1994 beendete er die Karriere und arbeitete noch acht Jahre als Nachwuchstrainer beim Deutschen Skiverband, dann kam die Beamtenlaufbahn bei der Polizei in seiner Heimat Oberstdorf. Aber natürlich verfolgte er auch weiterhin den Skisport und gerade die lange Jahre hinterherdümpelnden deutschen Abfahrer.

Als man vor zehn Jahren bei ihm anrief, damals zum 20. Jubiläum seines Klapperschlangen-Coups, sagte er im Gespräch angesichts der schweren Krise bei den deutschen Speed-Männern: "Bevor ein deutscher Skifahrer WM-Gold in der Abfahrt holt, wird Österreich Fußball-Weltmeister. Das dürfen Sie auch ruhig so schreiben."

Heute würde er das nicht wiederholen. "Die Entwicklung ist sensationell, ein großes Verdienst der Trainer Mathias Berthold und Christian Schwaiger, aber natürlich auch der Fahrer selbst, vor allem beim leider verletzten Thomas Dreßen und bei Pepi Ferstl." Ferstl, frisch gekürter Kitzbühel-Sieger im Super-G, geht am Samstag im erweiterten Favoritenkreis an den Start.

"Am liebsten in Åre mit dabei"

Was, wenn er wirklich Gold holen sollte? Und sich Tauscher nicht mehr wie seit 1989 einziger deutscher Abfahrtsweltmeister nennen dürfte? "Das wäre wundervoll", sagt der 51-Jährige. "Dann wäre ich am liebsten in Åre mit dabei und würde als einer der Ersten gratulieren."

Aber Tauscher ist nicht dabei, er wird sich die Abfahrt am Samstag im Fernsehen anschauen, zu Hause in der Rubinger Straße am nördlichen Ortsrand der Marktgemeinde. Dort, wo er auch zwei Ferienwohnungen vermietet. Sie tragen den Namen Vail und Colorado.

Hätte er noch ein drittes Appartement, es hieße sicher Rattlesnake.



insgesamt 2 Beiträge
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matteo51 09.02.2019
1. Andreas Sander...
...ist zwar kein Bayer, aber auch klasse. Schade, dass er nicht genannt wird.
TS_Alien 09.02.2019
2.
Her Tauscher hat die Schlüsselstelle mit Abstand am besten genommen. Das hat man bereits als Zuschauer live gesehen, auch ohne Zwischenzeiten. Warum die anderen Rennfahrer so langsame Wege gewählt haben, ist nicht seine Schuld. Ein Zufallsweltmeister ist höchstens derjenige, der mit viel eigenem Glück oder Pech der anderen Weltmeister wird. Etwa wenn das Wetter verrückt spielt oder die Strecke nicht hält. Herr Tauscher hat mit Können das Rennen gewonnen.
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