Ski Alpin Weltcup vor Augen, WM im Sinn

Die deutschen Skirennläufer starten am Wochenende in die Weltcupsaison, doch die Punkteserie interessiert diesmal kaum einen. Alle Aufmerksamkeit gilt den Weltmeisterschaften im eigenen Land. Vor allem Felix Neureuther und Maria Riesch stehen in ihrer Heimat unter Druck.

AFP

Von Florian Haas


In den Ladenschaufenstern hängen jetzt Poster von Maria Riesch. Vor ein paar Wochen wurde der WM-Pavillon eröffnet. Die große Digitaluhr im Zentrum von Garmisch zählt die Zeit bis zum 7. Februar. Noch etwas mehr als hundert Tage. Der Countdown läuft.

2006 erhielt Garmisch-Partenkirchen nach zuvor fünf erfolglosen Bewerbungen die Zusage für die alpinen Skiweltmeisterschaften 2011. Daraufhin wurden Bäume gefällt, Pisten verbreitert, Lifte saniert, Straßen verbessert und Bahnhöfe in der Region erneuert - alles mit Finanzhilfen des Freistaates Bayern.

Die Weltmeisterschaften sollen der Marktgemeinde am Fuß der Zugspitze ein modernes Image bringen, die hitzige Diskussion über die Olympiabewerbung 2018 entkrampfen und den Tourismus ankurbeln. 200.000 Besucher werden zur WM erwartet. Hohe Anforderungen an eine zweiwöchige Veranstaltung, deren Slogan den Berg an Wünschen komprimiert. Geplant sind "Festspiele im Schnee".

Entsprechend groß ist der Druck auf diejenigen, die hauptverantwortlich sind für Medaillen und Stimmung: die Skirennläufer des Deutschen Skiverbandes (DSV), allen voran Felix Neureuther, der im Alter von drei Jahren sein erstes Rennen für den SC Partenkirchen gewann - und Doppel-Olympiasiegerin Maria Riesch, seit gut 20 Jahren Mitglied beim SC Partenkirchen.

Am Samstag starten sie im österreichischen Sölden in die neue Saison. In eine Saison, in der es zwar wie immer auch um Weltcup-Punkte geht, in der aber vor allem WM-Titel vergeben werden. Die Weltmeisterschaften, an deren Ende das Akronym WM aus deutscher Sicht für Wintermärchen stehen soll, sind Gesprächsthema Nummer eins. Unter Fans, Athleten, Funktionären, Sportlern. Der Weltcup? Interessiert in diesem Winter kaum einen.

Erfolge zuletzt - Erwartungsdruck jetzt

Die Erfolge der vergangenen zwei Winter haben die Erwartungshaltung enorm erhöht. Maria Riesch siegte bei der WM 2009 in Val d'Isère im Slalom und ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Vancouver im Slalom und in der Super-Kombination. Viktoria Rebensburg holte in Vancouver Gold im Riesenslalom, eine Disziplin, in der Kathrin Hölzl amtierende Weltmeisterin ist. Susanne Riesch, die jüngere Schwester von Maria, schaffte es bei Weltcups ebenso schon aufs Podest wie Fanny Chmelar und Gina Stechert.

Die DSV-Frauen sind so stark wie zuletzt Ende der neunziger Jahre, als Katja Seizinger und Martina Ertl das Team zu Olympia- und WM-Medaillen führten. DSV-Alpin-Direktor Wolfgang Maier sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir hatten damals noch mehr Allrounderinnern auf Weltklasseniveau. Aber dieses Team ist das beste seit 1998." Daher sei die Erwartung an die Heim-WM zurecht groß. "Wir wollen um zwei Medaillen mitfahren", so Maier, "bei zwei Olympiasiegern und zwei Weltmeistern ist das nicht zu viel verlangt."

Vielleicht doch.

Kathrin Hölzl hatte zu Beginn der Vorbereitung so starke Muskelprobleme, dass sie oft tagelang nicht einmal gehen konnte. Kein Arzt konnte ihr helfen, die erfolglose Suche nach Symptomen beeinflusste die Psyche. Beim Riesenslalom am Samstag in Sölden will die Weltmeisterin dennoch vorne dabei sein. Ihr großes Saisonziel sei eine WM-Medaille, sagte sie in dieser Woche.

Viktoria Rebensburg, Überraschungssiegerin von Vancouver, brach sich im Sommer den Daumen, musste das Trainingslager in Chile ausfallen lassen, startet mit Schrauben in der Hand in die Saison - und mit der Belastung, diesmal im Fokus zu stehen. Die 21-Jährige möchte endlich einmal früh in der Saison ihre Topform erreichen und setzt darauf, dass das DSV-Team die Nervenstärke aus dem Olympiajahr erneut unter Beweis stellen kann. "Die WM ist für uns alle das Highlight. Jeder will natürlich eine Medaille. Aber wichtig ist, dass man sich nicht unter Druck setzt", sagt sie.

Maria Riesch immerhin kam verletzungsfrei durch den Sommer, hatte aber ebenfalls einiges zu erledigen abseits von Pisten und Kraftraum. Die gebürtige Garmisch-Partenkirchnerin war als WM-Botschafterin unterwegs, betrieb PR für Olympia 2018 und nutzte den Olympiaruhm für Werbeaufnahmen und Fernsehauftritte. WM-Medaillen sollen den Marktwert der bekanntesten deutschen Skirennläuferin weiter erhöhen. Auch im Riesenslalom will die Allrounderin Top-Resultate - am besten schon in Sölden. Doch Riesch muss wie auch ihre Kolleginnen zum ersten Mal seit langer Zeit ohne Erfolgscoach Mathias Berthold zurecht kommen.

Er wechselte nach vier Jahren als Cheftrainer im Frühjahr zum österreichischen Verband. Riesch äußerte sich schockiert über Bertholds Abgang "vor der WM-Saison", auch andere Läuferinnen reagierten verwundert bis verärgert auf den Abschied des Trainers. Sein Nachfolger Thomas Stauffer wurde nach demokratischer Entscheidungsfindung engagiert und kommt bisher gut an. Ob er aber den routinierten Berthold sofort vergessen machen kann, ist indes fraglich. Ebenso, ob das österreichische Team erneut so wenig Konkurrenz darstellt wie zuletzt - und ob Felix Neureuther an jüngste Erfolge anknüpfen kann.

"Eine WM im eigenen Ort ist der absolute Wahnsinn"

Der 26-jährige Neureuther lernte wie Riesch in Garmisch-Partenkirchen das Skifahren und muss nun ebenfalls als eine Art carvendes WM-Maskottchen fungieren. Im Riesenslalom will sich der Slalomspezialist vom Sonntagsrennen in Sölden an "ein zweites Standbein schaffen". Er bezeichnet den WM-Hang am Gudiberg als seine Lieblingsstrecke. Vergangene Saison schaffte er es nach Jahren der Stagnation in die Weltspitze, gewann im Januar in Kitzbühel sein erstes Weltcuprennen und im März sein zweites - am Gudiberg. Jetzt gilt er als WM-Mitfavorit.

"Auf 'meinem' Gudiberg, vor 'meinem' Publikum will ich um eine Medaille kämpfen", ließ Neureuther in dieser Woche auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mitteilen. Eine WM im eigenen Ort sei wichtiger als Olympia und "der absolute Wahnsinn". Doch Druck verspüre er nicht. Ob in seiner Heimat schon WM-Euphorie festzustellen sei? "Klar, seit Monaten schon."

insgesamt 407 Beiträge
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ray4901 22.10.2010
1. Die Mädels schon
Zitat von sysopOlympia war gestern - jetzt kommt die WM: Im Februar geht es für die weltbesten Skifahrer in Garmisch-Partenkirchen um Weltmeisterschaftssiege. Diskutieren Sie die Saisonentwicklung von Maria Riesch, Felix Neureuther und den anderen deutschen Rennläufern. Wie werden sich die DSV-Fahrer in diesem Winter schlagen?
die Mädels werden sich schon wieder bemerkbar machen auf dem Stockerl, aber die Burschen?
Robert Rostock, 22.10.2010
2. Alpinski-Fahrer
Alpinski, Alpinski - Ist das ein neuer polnischer Rennwagen?
sinta, 22.10.2010
3.
Zitat von sysopOlympia war gestern - jetzt kommt die WM: Im Februar geht es für die weltbesten Skifahrer in Garmisch-Partenkirchen um Weltmeisterschaftssiege. Diskutieren Sie die Saisonentwicklung von Maria Riesch, Felix Neureuther und den anderen deutschen Rennläufern. Wie werden sich die DSV-Fahrer in diesem Winter schlagen?
Ist diese Frage nicht ein wenig verfrüht? Morgen fängt die Rennsaison ja erst an - und dann muss man sehen, ob die 'Alpinskifahrer' und 'Alpinskifahrerinnen' verletzungsfrei bleiben. Alpinskifahrer - das ist ein schönes Wort. :)
Naddel 23.10.2010
4.
Hoffentlich gut!! Ich bin bereit für die neue Saison...Spannend wirds jedenfalls........
Keine Panik, 28.10.2010
5.
Zitat von sysopOlympia war gestern - jetzt kommt die WM: Im Februar geht es für die weltbesten Skifahrer in Garmisch-Partenkirchen um Weltmeisterschaftssiege. Diskutieren Sie die Saisonentwicklung von Maria Riesch, Felix Neureuther und den anderen deutschen Rennläufern. Wie werden sich die DSV-Fahrer in diesem Winter schlagen?
In SPON ein Thread über Skialpin, sehr gut! Als eingefleischter Alpin-Fan muss ich mich da mal zu Wort melden. Anlass gibt es einen sehr erfreulichen, nämlich den Triumph unserer Damen beim WC-Auftakt in Sölden. Das sollte man doch mal kommentieren. Schon die Ausgangsituation war aus deutscher Sicht bemerkenswert: Im RS sind alle (!) wichtigen internationalen Titel und Wertungen in deutscher Hand: OL-Siegerin (Rebensburg), Weltmeisterin (Hölzl), WC-Gewinnerin (Hölzl), Weltranglistenerste (Hölzl). Dazu noch eine Doppel-OL-Siegerin (Riesch) und mit der 19-jährigen Lena Dürr, Gewinnerin der EC-Gesamtwertung, eines der größten Skinachwuchstalente weltweit. Vergleichbares gibt es dzt. im deutschen Sport kaum, Minidisziplinen und Exoten wie die Rennrodlerinnen ausgenommen Nach einer Dreifachführung (!) im 1. Dg endete das Rennen mit einem Doppelsieg von Rebensburg und Hölzl, Riesch wurde 5. und Dürr 14. mit der klar besten Laufzeit im 2. Dg. Das war ein Paukenschlag zum Auftakt und zeigt, dass unsere Damen für die WM-Saison bestens gerüstet sind. Die Vicki (Rebensburg) schaffte sie Ihren ersten WC-Sieg. Damit hat sich das Gerede von der Zufalls-OL-Siegerin erledigt (welche sie nicht war, Kenner hatten sie stark auf der Rechnung). Wer die Vicki sieht mit ihrem dynamischen Fahrstil, ihren athletischen Anlagen, ihrem großem Ehrgeiz, ihrer Coolness, dem ist klar, dass der DSV da ein großes Juwel hat. Sie wird uns noch viel Freude bereiten, vorausgesetzt sie bleibt gesund. Die Maria (Riesch) fuhr für ihre Verhältnisse großartig. Die Stecke in Sölden mit ihrem Steilhang, der bis zu 70% Gefälle aufweist, liegt ihr nicht und der RS ist sowieso ihre schwächste Disziplin. In allen anderen Disziplinen hat sie schon mal gewonnen. Aber sie hat große Fortschritte im RS gemacht und wird sicher mal ein Rennen gewinnen und damit in einen exklusiven Kreis aufsteigen. Im WC wird es wohl wieder mit Vonn zu einem Zweikampf kommen und vielleicht liegt die Maria mal am Ende vorne. Man muss die ersten Speerennen (in Übersee) abwarten, um die Chancen besser abschätzen zu können. Generell liegt in dieser Saison der Schwerpunkt aber mehr auf der Heim-WM, als auf dem WC. Bemerkenswert in Sölden war auch der Auftritt vom Felix (Neureuther). Er ist im 1. Dg hervorragend RS gefahren und hat an seinen 8. Platz im OL-RS angeknüpft. Um es bewerten zu können, muss man wissen, dass man mit einer Startnummer um 30 einen Pistennachteil von ca. 1 Sek. hat. Leider konnte der 2. Dg nicht stattfinden und damit war die Chance weg, sich weiter nach vorne zu fahren. Aber es bleibt der Eindruck, dass er sehr gut drauf ist. Das verspricht einiges für die Saison.
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