Langlauf nach dem Dopingskandal War da was?

In Norwegen, der Heimat des Langlaufs, geht nach den Dopingenthüllungen von Seefeld der Weltcup weiter. Viel verändert hat sich seitdem nicht.

Champagnerdusche! Alexander Bolshunov wird gefeiert
REUTERS

Champagnerdusche! Alexander Bolshunov wird gefeiert

Aus Oslo berichtet Eike Hagen Hoppmann


Hat der Langlauf das hier momentan überhaupt verdient? Diese Frage stellt man sich fast zwangsläufig, wenn man zwei Tage am Holmenkollen verbringt und die Begeisterung der norwegischen Fans sieht. Neben Olympia, Weltmeisterschaft und Tour de Ski ist das Rennen in Oslo das Highlight im Kalender der Langläufer.

"Holmenkollen ist immer eines der einzigartigsten Rennen, das man laufen kann", sagte Thomas Wick, einziger deutscher Teilnehmer am legendären 50-Kilometer-Rennen. "Es ist schon eine Ehre, wenn man hier starten kann. Es ist ein regelrechter Hype, der hier ist."

In Norwegen sind Langläufer das, was sie nur in wenigen Ländern der Welt sind: Stars. Norwegen ist die Heimat des Sports, Kinder können hier schon auf Langlauf-Skiern stehen, bevor sie das erste Mal auf dem Fahrrad sitzen. Das Holmenkollen-Wochenende ist nach dem Nationalfeiertag das vermutlich wichtigste Datum im Jahr. Es ist Volksfest und für viele exzessive Saufveranstaltung zugleich. Wie ein Oktoberfest im März.

So weit, so gut. Wäre der Langlauf bei der WM in Seefeld nicht von einem Dopingskandal getroffen worden, dessen Ausmaß noch gar nicht absehbar ist.

Auf den ersten Blick ist alles wieder gut

Das erste Rennen nach der WM führte nun ausgerechnet nach Norwegen. Ist bei den Zuschauern irgendeine Frustration erkennbar, dass sich der Ruf einer ohnehin schon ramponierten Sportart weiter verschlechtern könnte? Zumindest in Norwegen sieht es nicht danach aus.

Auf den ersten Blick ist ja auch schon alles wieder gut. Verdächtige Athleten wurden festgenommen, und aus den bislang betroffenen Nationen - Österreich, Estland und Kasachstan - gingen in Oslo keine Sportler an den Start.

"Die letzten Wochen waren für den Langlaufsport nicht unbedingt die schönste Zeit", sagte Wick. Auf die Atmosphäre an der Strecke habe es aber keine Auswirkungen gehabt: "Ich kann jetzt nicht sagen, dass das der Stimmung einen Abbruch getan hat."

Besonders zeigte sich das in Frognerseteren, sozusagen dem Alpe d'Huez des Holmenkollens. Die Fans hatten Zelte im Schnee aufgebaut und saßen in Campingstühlen stundenlang bei Temperaturen um den Gefrierpunkt am Lagerfeuer. Geschätzt 25.000 Zuschauer standen beim Rennen der Männer am Streckenrand. Bei manch anderem Langlaufrennen kann man von dieser Zahl ein bis zwei Nullen streichen.

Zuschauer in den Wäldern des Holmenkollen
DPA

Zuschauer in den Wäldern des Holmenkollen

Aber die Ergebnisse geben dann doch Grund zum Stirnrunzeln. Bei den Männern feierten die Russen einen Vierfachsieg. Gewinner Alexander Bolshunov, erst 22 Jahre alt, ist damit in den letzten 17 Tagen insgesamt knapp 170 Wettkampfkilometer gelaufen. Sieben Rennen absolvierte er in dieser Zeit. Viermal wurde er Zweiter, und nun, in Oslo, Erster. Einige Sportler waren aufgrund der hohen WM-Belastung in Oslo gar nicht erst an den Start gegangen. Andere Spitzenläufer wie Norwegens Johannes Høsflot Klæbo oder der Finne Ivo Niskanen mussten früh abreißen lassen. Bolshunov dagegen zog souverän durch.

Der Zweitplatzierte in Oslo, Maxim Wylegschanin, hat eine zumindest undurchsichtige Vergangenheit. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte ihn zusammen mit fünf weiteren russischen Langläufern 2017 lebenslang gesperrt. Sein Name war im sogenannten McLaren-Report aufgetaucht, in dem die Welt-Anti-Doping-Agentur 28 dopingverdächtige russische Starter der Winterspiele von Sotschi aufgelistet hatte. Der Sportgerichtshof Cas hob die Sperre im Februar 2018 allerdings wieder auf.

"Grundsätzlich liegt gegen die Athleten nichts vor und es herrscht die Unschuldsvermutung", sagte Wick zu den Leistungen der enteilten Konkurrenz. "Ich hoffe, dass diejenigen, die da am Start stehen, mit fairen Mitteln kämpfen." Wick kam mit 2:22 Minuten Rückstand auf Bolshunov als 27. ins Ziel. Bei der WM war er nicht dabei.

Johaug läuft weiter einsam an der Spitze

Bei den Frauen gewann Norwegens Star-Läuferin Therese Johaug mit einem riesigen Vorsprung von 1:45 Minuten auf die zweitplatzierte Natalja Neprjajewa aus Russland. Johaug lief an der Spitze ein einsames Rennen. Schon nach der Hälfte der 30 Kilometer hatte sie einen Vorsprung von einer Minute auf die erste Verfolgerin herausgelaufen.

Auch die Siege der zehnfachen Weltmeisterin machen skeptisch: Wegen der Einnahme einer verbotenen Substanz über eine Lippencreme hatte Johaug eine 18-monatige Dopingsperre absitzen müssen. Seit Saisonbeginn darf sie wieder starten - und gewinnt seitdem fast jedes Rennen.

So stand Johaug auch in Oslo lächelnd oben auf dem Siegertreppchen, die Sonne strahlte vom Himmel, die Fans wedelten mit ihren norwegischen Fähnchen in der Luft.

Es wirkte am Ende, als hätte es die vergangenen zwei Wochen gar nicht gegeben.



insgesamt 10 Beiträge
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alternativlos 10.03.2019
1. Nach Seefeld ist vor Seefeld.
Chapeau an die Redaktion. Indem die wahren Finanziers von solchen Events beim Namen benannt werden, zeigt sich das wahre Ausmaß des organisierten Sports, die Doping für das Marketing als Geschäftsmodell für sich und die regionale Wirtschaft entdeckt haben. Hierfür wird auch ein Blame Game zwischen den Standorten billigend in Kauf genommen, ohne dass hier Legislative, Exekutive und Judikative auf Distanz zu deren Ursachen gehen wollen. Weiterhin Alles Gute
DietrichHorstmann 10.03.2019
2. War da nicht auch was mit Asthma-Mitteln
bei den Norwegerinnen und Norwegern? Auffallend häufig ? Jedenfalls sind die permanenten Höchstleistungen ohne Doping nicht zu erklären. Auch nicht bei den Deutschen....
g.s-sanet 11.03.2019
3. Ohne Konsequenzen.
Es wird weiter gelogen, gedopt, vertuscht, und der Rubel rollt. Ich schau mir den Sport nur noch an, um zu sehen wo die Dummen am Ende landen. Immerhin verdienen sie ja auch mit, auch am Hype um die gedopten Sieger.
RalfHenrichs 11.03.2019
4. Es ist doch ganz einfach
In einem Rechtsstaat ist jeder unschuldig so lange nicht ein Gericht seine Schuld bewiesen hat. Das gilt z.B. für die Russen. Und wenn jemand verurteilt worden ist und die Strafe abgesessen hat, kann er wieder wie ein Unschuldiger am sozialen Leben teilnehmen. Das gilt z.B. für Johaug. Also alles in Ordnung und die Jubler handeln korrekt. Wer es anders haben will, muss Beweise vorlegen und die Strafen verlängern. Im übrigen, ist es doch seltsam, dass der letzte Dopingskandal mitten in Deutschland stattfand, aber kein deutscher Sportler betroffen sein soll. Das kann niemand ernsthaft glauben. Aber auch hier: solange keine Beweise vorgelegt werden, müssen deutsche Sportler als unschuldig gelten.
haraldbuderath 11.03.2019
5. Staatsdoping
Norwegen,Niederlande,USA haben alle ein Programm um zu Täuschen,auffällig erscheinen die Medizinische Begleitung der Sportler, Hormondoping, Blutdoping, Medikamentenmissbrauch alles scheint in diesen Länder keiner Kontrollen zu bewirken, Sie Protzen mit vermeinten Talenten und Trainingsarbeit, Sie sagen offen das andere Nationen nicht genug trainieren und keinen Willen haben alles für Ihren Sport zu geben, Alter scheint auch keine Rolle mehr im Leistungsport zu Spielen, Opa,s und Oma,s im Biblischen Alter brechen Rekord, Kinder sind schon mit 16-18 Weltklasse,
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