Skicross-WM Cool am Hang, kühn in der Luft

Skicross - ein Sport wie ein Adrenalinschub: 45 Sekunden die volle Ladung Action, Sprünge, Positionskämpfe. Alles fernsehfreundlich und ab 2010 sogar olympisch. Schafft es die WM, die heute beginnt, endlich ein breites Publikum mitzureißen?


Joe Fitzgerald ist sauer. Der Amerikaner will telefonieren, doch die Boxen hinter ihm beschallen den ganzen Hang. Fitzgerald schimpft, die Musik bleibt laut. Er steht an der Piste im norwegischen Voss und hat keine Chance, seinen Gesprächspartner in Deutschland zu verstehen. Er versucht es ein weiteres Mal: "Könnte vielleicht mal jemand...", doch niemand hört. Dabei ist er eigentlich der Chef hier.

Die Freestyle-Sektion des Weltskiverbandes Fis veranstaltet in Voss einen letzten Weltcup kurz vor der WM in Madonna di Campiglio und Fitzgerald ist der Renndirektor, zuständig für Freestyle in der Fis. Die Titelkämpfe sollten bereits im Januar stattfinden, aufgrund des Schneemangels zu Jahresbeginn wurden sie in den ohnehin schon vollen Freestylekalender im März gesteckt. So hat er in diesen Tagen jede Menge zu tun. Doch Fitzgerald besitzt eine trendsporttypische Entspanntheit: Da die Musik eher lauter denn leiser wird, schreit er einfach ebenfalls lauter in sein Handy. "Es wird eine großartige WM werden", brüllt er. "Die Italiener sind da ganz heiß drauf."

Die Weltmeisterschaften in Madonna di Campiglio sind die elften Titelkämpfe der Freestyler, die sich in der Halfpipe, auf der Buckelpiste und der Schanze messen. Vor der letzten WM, 2005 in Finnland, wurde auch Skicross ins Programm genommen. Seither geht es mit der noch jungen Sportart, einer Art Massenstartrennen mit vier Fahrern über Sprünge, Wellen und Steilkurven, so rasant aufwärts, wie es für die Rennläufer normalerweise abwärts geht. Im vergangenen November wurde Skicross olympisch, bereits zehn Jahre nach seiner Einführung. Fitzgerald ist eng mit diesem Aufstieg verknüpft, er hat in den letzten Jahren hart dafür gearbeitet, Fahrer aus verschiedenen Ländern auf die Bretter geholt, Titelkämpfe und Jugendwettbewerbe organisiert. Aus gutem Grund. Heute eröffnet Skicross die WM in Madonna di Campiglio.

"Skicross hat alles, was eine erfolgreiche Sportart heutzutage braucht", sagt Fitzgerald, "45 Sekunden die volle Ladung Action, Sprünge, Positionskämpfe - nicht zu lang und nicht zu kurz". Besonders wichtig ist ihm die leichte Verständlichkeit: "Der Zuschauer sieht sofort, wer gewonnen hat – nämlich der, der als Erster ins Ziel fährt."

Ein versteckter Seitenhieb in Richtung Alpin-Kollegen, von deren Erfolg die Freestyler gerne etwas abhaben würden. Auch wenn Fitzgerald Skicross deutlich vom traditionellen Skisport abgrenzt. "Wir sind eine ganz eigene Disziplin", sagt er, "ein Skicrossfahrer muss seine Kontrahenten immer im Auge haben, reagieren und ist die ganze Zeit am denken". Ein Alpinläufer könne sein Programm einfach runterspulen. Und wieder ein Seitenhieb, diesmal offensichtlich.

Für Fitzgerald ist der Aufstieg des Skicross noch nicht beendet. "Die Jugend ist ganz heiß drauf, da gibt es ein großes Potential." Werner Starz, Marketingdirektor des Fernsehsenders Eurosport, der die WM live überträgt, sieht die Grenzen dagegen bereits erreicht. Er weiß: "Es ist ein junges Publikum" - was sich jeder TV-Macher und Werbezeitenverkäufer wünscht - "aber leider eben ausschließlich. Skicross befindet sich in einer kleinen Nische." 800.000 Zuschauern bei Biathlonübertragungen stünden 100.000 Freestyle-Fans gegenüber.

Auch deshalb glaubt Starz nicht, dass Skicross irgendwann einmal etwas vom großen Bruder Alpin abbekommen wird. "Wir begleiten die Freestyle-Wettbewerbe seit den Neunzigern, wir haben unsere Erfahrungen gemacht. Sie sind einfach nicht massentauglich."

Iris Lohrer, Mitglied der Geschäftsführung und Wintersportexpertin des Marktforschungsinstituts Sport+Markt in Köln, pflichtet ihm bei: "Freestyle findet bislang wenig in der öffentlichen Wahrnehmung statt." Was sich auch in Zukunft wohl nicht ändern wird. Die Zuschauer bei alpinen Wettbewerben seien, so Starz, traditionell wie die Sportart selbst. Was heißt: Veränderungen sind tabu. Die Fans haben sich daran gewöhnt, auf Zwischenzeiten zu schauen, Abstände zu schätzen und mit den Fahrern im Ziel mitzufiebern. "Die Alpinen sind Neuerungen gegenüber effektiv nicht sehr aufgeschlossen", drückt es Gian Franco Kasper, der Chef des Weltskiverbandes, in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" aus.

Auch die alpinen Snowboardwettbewerbe hätten es ja nie geschafft, in die Alpin-Phalanx einzustoßen, sagt Starz. "Das Feld ist einfach schon belegt." Die Freestyle-WM hat Eurosport in sein zweites Programm verlagert. Der Bayrische Rundfunk, zuständig für den Wintersport in der ARD, will allenfalls "nachrichtlich" berichten, wenn die 300 Athleten aus 31 Nationen um Medaillen fahren. Eigene Leute hätte man nicht vor Ort, heißt es aus dem Sender. Bei der gerade zu Ende gegangenen Nordischen Ski-WM im japanischen Sapporo waren die öffentlich-rechtlichen Sender noch mit 120 Mann vertreten. Allerdings ist Skicross in Deutschland auch gerade erst auf dem Sprung vom Breiten- zum Leistungssport.

Joe Fitzgerald ist irgendwann zu müde zum Schreien. Er beendet das Gespräch, noch immer dröhnt Musik über den Hang. Unglaublich laut, mit fettem Bass und viel Gebrüll. Es ist Musik für das junge Publikum. Nur das junge Publikum.



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