Skicrosser Rahlves Der tobende Bulle will Gold

Von der Tradition zur Moderne: Daron Rahlves war einst Weltmeister im Super-G, gewann jedoch nie eine olympische Medaille. Nach seinem Rücktritt widmete der Amerikaner sich dem Free-Riding und fand zum Skicross. Diese Disziplin bietet ihm nun eine neue Chance auf olympisches Edelmetall.

Von Frieder Schilling


Fotostrecke

9  Bilder
Daron Rahlves: Eine Karriere voll Wagemut
Alpine Abfahrer streben in ihrer Karriere hauptsächlich nach zwei Dingen: einer olympischen Goldmedaille und einer Gondel. Das Edelmetall wird alle vier Jahre vergeben. Wer immer es gewinnt, ist für alle Zeit Olympiasieger. Die Gondel kann der Athlet alle zwölf Monate gewinnen, als Zeichen, dass er die Streif, die härteste Abfahrt des Weltcups, als Schnellster bewältigt hat. Er kann sie natürlich nicht mit nach Hause nehmen, aber künftig steht sein Name auf einer der Gondeln. Wer auch immer vorbeikommt, wer auch immer einsteigt, wird an den Triumphator und seine Leistung erinnert.

Daron Rahlves' Name wurde 2003 auf eine der Gondeln aufgetragen. Das hat er geschafft.

Eine Goldmedaille aber fehlt ihm noch. Dreimal nahm er als Alpiner an Olympischen Spielen teil, ohne jedoch jemals auf das Podest zu fahren. 2006 in Turin war er der große Favorit, hatte das Training dominiert, enttäuschte dann als Zehnter. Nach der Saison beendete er seine Karriere, im Winter 2007/2008 begann er diese wieder. Nicht aber im traditionellen Wettbewerb, sondern im Skicross. Für Rahlves bietet sich damit bei der olympischen Premiere der jungen Sportart (Sonntag, 18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) die erneute Möglichkeit, auch das zweite Ziel zu erreichen.

Als der 36-Jährige dem professionellen Sport den Rücken kehrte, hätte er wie so viele Athleten Experte für das Fernsehen werden können. Wollte er nicht. Er hätte Trainer werden können. Wollte er auch nicht. "Mein Ziel war es", sagte Rahlves, "mehr vom Skifahren zu entdecken." Er meinte damit das Free-Riding. Unberührte Hänge hinunterzufahren, beschneite Bäume links und rechts liegen zu lassen, das war es, was er im Sinn hatte. Bereits vor seinem Rücktritt hatte er einen Free-Riding-Film gedreht, nun wollte er im Vollbesitz seiner Kräfte zurück in die Natur. Nicht erst, wenn sein Körper die Folgen des Leistungssports gespürt hätte.

Wie ein tobender Bulle auf die Strecke

Doch das Verlangen nach sportlichen Wettkämpfen war zu stark. Rahlves, der neben Kitzbühel auch den Klassiker in Wengen gewinnen konnte (2006), dazu zehn weitere Weltcup-Rennen für sich entschied und 2001 WM-Gold im Super-G holte, wollte sich wieder mit anderen messen. So fand er zum Skicross. Eine enorm intensive Art des Wettkampfes. Vier Skifahrer stürzen sich gleichzeitig auf eine nur mehrere Meter breite Strecke, rasen mit bis zu 100 Stundenkilometern durch enge Kurven, über Wellen und Sprünge, Körperkontakt eingeschlossen. Das Skicross 2010 olympisch werden würde, bestärkte Rahlves in seiner Entscheidung, zurückzukehren. Er sah eine reelle Chance, die ihm bislang verwehrte Medaille doch noch zu gewinnen.

"Kitzbühel ist die unglaublichste Abfahrt der Welt" sagt Rahlves. "Aber Skicross ist viel nervenaufreibender. Die Fahrt ist ähnlich schnell, aber wenn überall um dich herum andere Fahrer sind, fühlt es sich viel schneller an." 2008 konnte der US-Amerikaner bereits das Rennen bei den X-Games für sich entscheiden, der populärsten Veranstaltung unter Snowboardern und Freestylern. "Wenn das Starttor fällt", sagt Rahlves, "geht man wie ein tobender Bulle auf die Strecke. Und das Spiel beginnt."

Ski und Skateboard für seine zweijährigen Zwillinge

Rahlves ist bereits in frühester Kindheit der Geschwindigkeit begegnet, sein Vater war ein erfolgreicher Wasserskifahrer. Der kleine Daron eiferte ihm nach, wechselte später zum Jet-Ski, wurde auf dem motorgetrieben Gefährt 1993 sogar Weltmeister. Im selben Zeitraum begann seine Karriere in der amerikanischen Ski-Mannschaft, deren erfolgreichster Abfahrer er bis heute ist.

Selbst von seinen Eltern früh gefördert, hält Daron Rahlves es mit der nächsten Generation ähnlich. Mit seiner Frau hat er Zwillinge im Alter von zwei Jahren, schnallt sie zu Hause bereits auf Skier und schiebt sie über den Teppich. Wahlweise ist auch eine Fahrt auf dem Skateboard im Angebot von Nachwuchs-Coach Rahlves. Seine Familie ist auch der Grund, warum er bei weitem nicht an allen Weltcup-Rennen im Skicross teilnimmt, sondern sich hauptsächlich auf Wettbewerbe in Nordamerika konzentriert.

Doch egal, wie die olympische Konkurrenz am Sonntag für Rahlves ausgeht, die Entscheidung über seine sportliche Zukunft hat er bereits getroffen. Nach den Spielen in Vancouver wird er zum zweiten Mal seine Laufbahn als Sportler beenden. Und dann wird er tun, "was wirklich zählt im Leben", wie er sagt. "Lächeln, lachen und einfach eine gute Zeit haben."



insgesamt 431 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Darjaan 12.02.2010
1. titel
Was für eine Stümperei der Verantwortlichen. Der Sport ist nicht zu schnell oder zu gefährlich, es fehlten ganz einfach banale, billige aber geignete Sicherheitsvorkehrungen. Wo ist das Problem, dass man an solchen Strecken die Seitenwände solange etwas höher gezogen hält, wie die Geschwindikkeiten noch relativ hoch sind? Was für eine dumme Eselei. Dieser Tod ist sowas von verhinderbar gewesen. Die Verantwortlichen gehören in den Knast. Man muss aber auch die Fahrer rügen. Jeder kennt die Schwachpunkte an den Strecken. Warum boykottiert man diese Strecken nicht einfach?
HeinrichLöwe 12.02.2010
2. Stahlträger
Unverkleidete Stahlträger neben der Strecke?! Mir fehlen die Worte!
Steff-for 12.02.2010
3. Splatterjournalismus
Meinem Vorposter zustimmend muss ich zudem den Splatterjournalismus anprangern. Klasse, genau die letzte Millisekunde zu veröffentlichen, in der der junge Mensch noch gesund war - im nächsten Moment dem Tod geweiht. Schon mal daran gedacht, dass er auch Angehörige und eine Freundin hat? Wie wird solch ein Foto auf diese wirken?? Strecke sperren, bis die Sicherheitsmängel vollkommen beseitigt sind! Es lebe der Sport....
murun 12.02.2010
4. Reißerisch...
Zitat von sysopDie Spiele von Vancouver beginnen mit einer Tragödie. Kurz vor der Eröffnungsfeier ist der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili beim Training aus der Bahn geflogen und an seinen Verletzungen gestorben. Athleten und Funktionäre kritisieren die schnelle Strecke. Ist der Sport zu extrem geworden?
Die Bahn wurde schon beim ersten offiziellen Durchlauf, sprich Weltcup 2008/2009 heftig kritisiert. Nur hat da Möller gewonnen und Loch Bestzeiten aufgestellt. In dem Fall fragt man nicht. Bei SpOn erst, wenn jemand stirbt...
random42 12.02.2010
5. unglaublicher schock
ein schlimmer Tag für Olympia.. auf youtube ist dieses video vom unfall veröffentlicht worden: http://www.youtube.com/watch?v=5p6LYYrhjxo
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.