Skispringer Andreas Wellinger Zurück zum Sonnenschein

Ein Kreuzbandriss hat Andreas Wellinger 20 Monate seiner Karriere gekostet. Zum Saisonstart in Wisla darf der Olympiasieger wieder mitspringen – und muss sich im deutschen Team dennoch erst einmal hinten anstellen.
Andreas Wellinger, 2019 bei einem seiner bisher letzten Sprünge

Andreas Wellinger, 2019 bei einem seiner bisher letzten Sprünge

Foto: Jürgen Feichter / imago images / Eibner

Wisla hat wieder einmal keinen Winter angekündigt. Die Wetterberichte  zeigen für die kommenden Tage wechselnde Windböen. Es liegt kein Schnee und am Wochenende soll es Schauer geben. Doch Skispringer Andreas Wellinger hat die Kleinstadt im Schlesischen in guter Erinnerung. Hier, auf dieser eigenwilligen Schanze, hat er 2014 seinen ersten Weltcup gewonnen. Was könnte es Besseres geben, als diesen Ort, um zurückzukehren?

Wellinger, Olympiasieger, will es in diesem Winter wieder nach oben schaffen – nach einer Wettkampfpause von unvorstellbaren 20 Monaten.

»Nach einem Jahr und acht Monaten wird's wirklich Zeit. Daher freue ich mich extrem, dass es wieder losgeht«, sagt der 25-Jährige vor dem Saisonauftakt. An diesem Freitag (18 Uhr) darf er bei der Qualifikation starten, am Samstag und Sonntag (TV: ARD, Eurosport) stehen Sprünge in Team und Einzel an. Schmerzen spüre er keine mehr, sagt er. »Der Körper funktioniert gut. In der Vorbereitung ging es, wie so oft im Skispringen, mal besser, mal schlechter – aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden.«

Wellinger, der 2018 in Pyeongchang Olympiasieger wurde und mit seinen vor Glück nicht enden wollenden Tränen viele Wintersportfans für sich gewann, hat eine lange Leidenszeit hinter sich. Den vergangenen Winter verpasste er komplett, nachdem er sich im Juni 2019 das Kreuzband gerissen hatte. Es war ein eigentlich harmloser Sprung im Training gewesen. Nicht mal ein Sturz. Nur das rechte Knie, das bei der Landung nachgab. Ein Stich, das war es schon. Die Diagnose war niederschmetternd – und der lange Weg begann.

Bei Skispringern dauert die Rückkehr nach Bänderverletzungen besonders lang. Ob das Knie hält, weiß der Springer erst, wenn er wieder springt und landet. Die Sportler sind für derlei Verletzungen besonders anfällig. In der neuen Saison soll ein neues Schuhmodell das Risiko mindern und den Druck bei der Landung vom Knie nehmen. Darauf müssen sich alle Springer einstellen, Materialveränderungen gehören in diesem Sport dazu.

Wellinger 2018 beim Goldgewinn

Wellinger 2018 beim Goldgewinn

Foto:

Lars Baron / Getty Images

Auch für Wellinger ist es nach der Verletzung ein mühsamer Weg zurück. Die Zwangspause vom Sport nutzt er für private Ziele. Wellinger, im Zoll angestellt, treibt sein BWL-Studium voran und sammelt Stunden für den Pilotenschein, reist nach Norwegen zum Wandern und nach Australien zum Surfen. In der Zeit übernehmen andere im Team die Rolle der Leistungsträger: Markus Eisenbichler und Karl Geiger vor allem. Inzwischen ist auch Severin Freund zurück im Team.

In Wisla ist Wellinger einer von sieben im Aufgebot. Der Bundestrainer hat ihm knapp den Vorzug gegeben: »Das heißt nicht, dass er jetzt immer dabei ist«, sagte Stefan Horngacher. »Er muss die Leistung bringen.« Oder anders formuliert: Er darf sich wieder beweisen. Denn eine Selbstverständlichkeit ist das nicht im starken deutschen Team. Auch Routinier Richard Freitag und Toptalent David Siegel, die nun zunächst das Nachsehen hatten, haben schon Medaillen gewonnen.

»Ich muss erst mal wieder in die Wettkämpfe reinkommen«, sagt Andreas Wellinger, »und darf nicht gleich Podestplätze erwarten. Klar, ist das ein Ziel. Aber jetzt am Anfang gilt es, wieder in den Wettkampfrhythmus reinzukommen.«

Bei seinem Olympiasieg in Pyeongchang 2018

Bei seinem Olympiasieg in Pyeongchang 2018

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Es wird wohl ein Übergangsjahr werden. Auch wenn dieses Eingeständnis, die damit verbundene Vorsicht und Zurückhaltung ihm schwerfallen dürften. Wellinger ist ein Typ Sonnenschein, er grinst, die blonden Haare frech beiseitegewuschelt, fast immer breit in die Kamera. Skispringen sei wie Fahrradfahren, behauptete er diesen Sommer im »Red Bulletin« . Das verlernt man nicht. Erst recht nicht mit seinem Talent. Wellinger hat mit erst 25 Jahren schon viel – fast alles – gewonnen.

Wellinger, geboren im oberbayrischen Traunstein, war erst Kombinierer, ging auf das Skiinternat in Berchtesgaden und gehörte schon mit 16 Jahren zum Nationalkader. Er ist schon dekoriert mit Gold und Silbermedaillen von Jugendspielen, Olympia und Weltmeisterschaften. Er gilt als Spaßvogel und dennoch fokussiert, locker, leicht und ehrgeizig, auch das Letzte aus sich herauszuholen. In der Vergangenheit ist er damit manchmal auch zu sehr ins Risiko gegangen. Bei einem Sturz in Kuusamo 2014 war er zu übermütig abgesprungen. Neben Prellungen war die Schulter kaputt.

Nun ist Wellinger zurück von einer deutlich längeren Zwangspause und muss den Weg in die Spur erst noch finden. Ende Oktober reichte es bei den Deutschen Meisterschaften in Oberstdorf nur für den 13. Platz. Dort findet in diesem Jahr auch der Saisonhöhepunkt statt. Nach der Skiflug-WM in Planica im Dezember und der Vierschanzentournee zum Jahreswechsel steht zum Finale die Nordische Ski-WM in Oberstdorf an. Die Motivation könnte kaum größer sein. WM-Gold im Einzel fehlt ihm noch.

Bundestrainer Stefan Horngacher

Bundestrainer Stefan Horngacher

Foto: Andrzej Iwanczuk/REPORTER / imago images/East News

Gleichzeitig sind die Voraussetzungen nicht die besten. Die Sommersaison ist wegen Corona fast komplett ausgefallen. Auch in der Konkurrenz weiß niemand so richtig, wo er steht. Um überhaupt einen Winter zu haben, hat sich der Verband ein strenges Hygienekonzept verpasst. Die meisten Wettkämpfe finden ohne Fans statt. Gereist wird gemeinsam mit Charterflügen. Selbst auf gemeinsames Jubeln, Umarmungen und Handschlag soll verzichtet werden. Und natürlich wird es immer wieder Corona-Tests geben.

»Die neue Situation wird am Anfang komisch sein, aber wenn sich das eingespielt hat, sollte es kein Problem mehr sein«, sagt Bundestrainer Horngacher. »Die Athleten fahren für den Sport zu den Wettkämpfen und wissen, worauf der Fokus liegt.« Am Ende ist es nämlich so, sagt er: »Wir sind froh, dass wir überhaupt Wettkämpfe springen dürfen.«

Das gilt besonders für Andreas Wellinger.