Fotostrecke

Weltcup-Premiere: Graißler, Faißt und der französische Jungstar

Foto: Pool/ Getty Images

Skispringen der Frauen Ladies' Flight

Sie haben ein Dasein in der Nische gefristet, doch jetzt dürfen die Athletinnen richtig abheben. Am Wochenende startet die erste Weltcup-Saison im Frauen-Skispringen. Es ist ein Erfolg nach einem jahrelangen Kampf gegen verbohrte Verbandsbosse und dumme Vorurteile.

Vor allem eine reine Männersache, das ist Skispringen. Lange fristeten Wettbewerbe der Frauen nicht einmal ein Schattendasein. Sie existierten gar nicht. Erst seit den neunziger Jahren gibt es organisierte Wettkämpfe. Nun jedoch startet im norwegischen Lillehammer die erste Weltcupsaison der Frauen, in den vergangenen Jahren firmierte die Wettkampfserie noch als Continental-Cup (CoC).

Es ist die große Chance, das Frauen-Skispringen auf großer Bühne der Öffentlichkeit näher zu bringen. Auch deutsche Starterinnen sind dabei und wollen um Siege mitspringen. "Man weiß nicht, wer sich in diesem Winter durchsetzen wird. Jede Nation hat mittlerweile viele gute Springerinnen", sagt Melanie Faißt.

Die 21-Jährige gehört international zu den Top-Springerinnen, im Februar landete sie bei der WM in Oslo als beste Deutsche auf Platz neun. Gemeinsam mit Juliane Seyfarth, Anna Häfele, Jenna Mohr, Katharina Althaus und Ulrike Gräßler ist sie für den Weltcup nominiert.

Junge Frauen beim Skisprung - noch 1997 wurde das mehr als skeptisch gesehen, schließlich könnte "der Uterus der Springerinnen bei der Landung platzen". Dass sich Gian-Franco Kasper, von dem dieses Zitat stammt, nicht zwingend mit anatomischen Zusammenhängen auskennen muss, ist eine Sache. Dass der 67-Jährige seit mittlerweile 13 Jahren Präsident des Internationalen Skiverbandes (Fis) ist, eine andere.

Im April wurde Frauen-Skispringen ins Olympia-Programm aufgenommen

Wenn im Dachverband so massives Unwissen herrschte, kann man sich vorstellen, was für Hürden die Athletinnen, Trainer und Betreuer für ihren Sport nehmen mussten. Und man ahnt, wie groß die Freude im April dieses Jahres war.

Nach langem Ringen nahm das Internationale Olympische Komitee (IOC) das Skispringen der Frauen in das Olympische Programm auf. "Wir haben 15 Jahre lang dafür gekämpft", sagte Daniel Vogler, der damalige Bundestrainer der deutschen Skispringerinnen, die derzeit von Andreas Bauer betreut werden, zu der Entscheidung. Vorausgegangen waren mehrere gescheiterte Aufnahmegesuche und juristische Scharmützel, zum Beispiel eine Anti-Diskriminierungsklage, die vom Obersten Gerichtshof Kanadas abgewiesen wurde.

Dass dem Frauen-Skispringen so lange der Olympia-Status verwehrt geblieben war, lag offiziell nicht an Sorgen um den Gesundheitszustand der Athletinnen. Vielmehr aus "technischen Gründen" hatte das IOC zweimal die Aufnahme ins Programm abgelehnt. Dem Sport fehle die breite Basis, die Leistungsunterschiede seien zu groß, hieß es damals.

Selbst in der Anfangszeit des Sports wirkte eine solche Aussage fadenscheinig. Die Anforderungen an die Schanzen sind identisch zu denen der Männer, lediglich der Anlauf ist kürzer. Bereits die nordischen Ski-WMs 2009 im tschechischen Liberec und 2011 im norwegischen Oslo boten spannende Wettkämpfe mit guten Leistungen. Seitdem ist das Niveau weiter gestiegen.

"Mädchen waren früher noch die große Ausnahme"

Die Top-Springerinnen wie Faißt und Gräßler, WM-Zweite 2009, betreiben den Sport seit ihrer Kindheit leistungsorientiert. Zu stark ist die Konkurrenz, als dass Quereinsteiger heute noch Chancen auf vordere Plätze hätten. Die Weiten nehmen von Saison zu Saison zu, 2003 erreichte Daniela Iraschko aus Österreich als erste Frau die 200-Meter-Marke.

Faißt kam über ihren Vater, einen Nordischer Kombinierer, mit dem Springen in Verbindung, Gräßler durch ihren Bruder, der ebenfalls Skispringer ist. "Mädchen waren in den Trainingslagern damals noch eine Ausnahme, heute ist das ganz anders", sagt Gräßler, die Bundespolizistin ist und Förderung vom Deutschen Skiverband erhält.

Faißt wird ab 2012 in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen, "dann kann ich professionell trainieren und bekomme zusätzlich Gehalt", so die Studentin. Der Trainingsaufwand ist insgesamt nicht geringer als bei den Männern - die Bezahlung aber schon, Sponsoren treten erst allmählich auf den Plan. Vom Skispringen allein könnten weder Faißt noch Gräßler leben, dazu müsse "der Sport einfach weiter wachsen, die Einführung des Weltcups ist sicher ein guter erster Schritt", so Faißt.

Neben den Deutschen zählen wohl vor allem Iraschko und auch die Französin Coline Mattel zu den Favoritinnen im Weltcup. Die 28-jährige Iraschko wurde 2009 WM-Vierte, zwei Jahre später gewann sie Gold, auch bei den letzten beiden CoC-Serien feierte sie den Gesamtsieg. Dennoch scheint sie das Skispringen nicht auszulasten: Beim Frauenteam des österreichischen Fußball-Bundesligisten FC Wacker Innsbruck steht sie im Tor.

Der Andrang auf die Weltcup-Startplätze ist enorm

Mattel ist das Wunderkind des Sports. Mit elf Jahren nahm sie an ihrem ersten CoC-Springen teil, mit 13 wurde sie als Juniorin Fünfte bei der regulären WM in Liberec und gewann 2011 als 15-Jährige Bronze.

Der Sport hat also schon seine ersten Stars, der Andrang vor der Weltcup-Premiere ist enorm. "Das Teilnehmerfeld wird wahrscheinlich sogar so groß, dass wir am Freitag eine Qualifikation abhalten müssen", sagte Fis-Skisprungchef Walter Hofer. Nach den Weltcup-Regeln dürfen nur 50 Athleten zum ersten Durchgang antreten.

Faißt freut sich auf die große Chance, den Sport beim Weltcup endlich einem breiteren Publikum näherzubringen. "Ich denke der Sport ist einfach etwas ganz Besonderes, etwas nicht Alltägliches."

Alltäglich nicht, aber spätestens ab diesem Wochenende ist das Skispringen der Frauen endlich etwas Normales.