Stasi-Affäre Eiskunstlauf-Trainer Steuer erneut schwer belastet

Der Wirbel um Ingo Steuer geht weiter. Trotz neuer schwerer Spitzel-Vorwürfe ist der Eiskunstlauf-Nationaltrainer vom NOK für die Olympischen Spiele auf Abruf nominiert worden. Gleichzeitig kündigte der Verband seinen Widerspruch gegen Steuers Einstweilige Verfügung an.


Hamburg - Acht Stunden vor Ablauf der Meldefrist setzte das NOK damit eine von Steuer vor dem Berliner Landgericht erwirkte Einstweilige Verfügung um, legte aber gleichzeitig Widerspruch ein. Man wolle sich damit rechtmäßig verhalten, hieß es dazu in einer NOK-Presseerklärung. Nur eine Minute nach dieser Mitteilung meldete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vorab, dass sich der heute 39-Jährige bereits am 25. Januar 1985 handschriftlich dem Ministerium für Staatssicherheit verpflichtet und anschließend mehr als vier Jahre lang die Chemnitzer Eiskunstlauf-Szene observiert habe.

Trainer Steuer: Auch Kati Witt ausspioniert?
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Trainer Steuer: Auch Kati Witt ausspioniert?

Der ehemalige Paarlauf-Weltmeister war in der vergangenen Woche aus dem Olympia-Team gestrichen worden, nachdem ihm von der Birthler-Behörde Stasi-Kontakte zur Last gelegt worden waren. Steuer räumte daraufhin zwar solche Verbindungen ein, bezeichnete die Vorwürfe aber als nicht nachvollziehbar: "Ich kann das nach so vielen Jahren überhaupt nicht verstehen."

Nach Informationen des Deutschlandfunk soll unter den Spitzelopfern auch die zweimalige Olympiasiegerin Katarina Witt gewesen sein. Auch die "Süddeutsche Zeitung" berichtete, Steuer sei zwischen 1985 und 1989 von der Stasi als Spitzel mit "hoher Einsatzbereitschaft" beurteilt worden. Seine Akte sei mehrere Dutzend Seiten dick. Damit konfrontiert, wich Steuer laut "SZ" aus: "Das ist ja interessant, da wissen Sie mehr als ich. Das kann ich jetzt überhaupt nicht bestätigen." 23 Berichte aus dem Jahre 1989 liegen laut "FAZ" vor, weitere Dokumente aus den Vorjahren sind derzeit noch verschollen.

Steuer wurde demnach bei der Stasi-Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt geführt. NOK-Präsident Klaus Steinbach erklärte, dass man auf der Nominierungshoheit beharren werde: "Wir müssen deutlich machen, dass der Sport autonom ist. Wir haben keine willkürlichen Entscheidungen gefällt, sondern so, dass wir jeden Einzelfall mit guter Begründung vertreten können", sagte er dem sid.

Fauler Kompromiss angedacht

Da Steuer ohne Akkreditierung nur außerhalb des olympischen Areals zu seinen Schützlingen Kontakt aufnehmen könnte, wäre in diesem Fall ein Team für die logistische Organisation rund um die beiden Medaillenkandidaten zuständig, bestehend aus Sportdirektor Dönsdorf, dem Berliner Trainer Knut Schubert als Betreuer der EM-Siebten Eva-Maria Fitze und Rico Rex sowie Teamarzt Stefan Pfrengle, selbst zweimal deutscher Paarlauf-Meister.

Geht es allerdings nach dem Willen der Deutschen Eislauf-Union, wird Steuer auf jeden Fall in Turin vor Ort sein und sich so weit wie möglich um die deutschen Paarlauf-Meister Aljona Savchenko und Robin Szolkowy kümmern. Diese Absprache bestätigte DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf dem sid. "Natürlich möchten wir, dass der Trainer dabei ist, wenn auch möglicherweise nur als Privatperson. Er hat den besten Kontakt zu seinem Paar und kann ihm am meisten helfen", sagte Dönsdorf. Die Sportler stünden bei allen Überlegungen im Mittelpunkt: "Deshalb werden wir Aljona und Robin keinen fremden Trainer vorsetzen."

Aussagen der Vize-Europameister aus Chemnitz, möglicherweise auf einen Olympiastart zu verzichten, sind nach den aktuellen Enthüllungen somit längst nicht vom Tisch. "Ohne Ingo werde ich nicht fahren", hatte Savchenko noch im ZDF-"Morgenmagazin" erklärt.

"Es wird eine Aufgabenteilung geben, mit der das Paar zufrieden sein wird", kündigte Dönsdorf an. Abgesprochen sei, dass die gebürtige Ukrainerin Savchenko und Szolkowy von Schubert und Pfrengle nur "betreut", aber nicht "trainiert" würden. Der Paarlauf-Wettbewerb bei Olympia beginnt am 11. Februar mit dem Kurzprogramm, zwei Tage später fällt die Entscheidung in der Kür.

Andreas Frank, sid



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