Stasi-Verwicklungen "Das ist Rufmord"

Nach der Entscheidung des NOK, drei Betreuer aus dem Team für die Olympischen Winterspiele zu streichen, rumort es in der deutschen Mannschaft. Weil Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer nicht mit nach Turin darf, ist Paarläuferin Sawchenko derart bestürzt, dass sie drastische Konsequenzen androht.


Chemnitz - "Ich kann und will mir nicht vorstellen, ohne Ingo nach Turin zu fahren. Wenn Ingo nicht dabei ist, bin ich auch nicht dabei", sagte Aljona Sawchenko im MDR-Fernsehen. Ihr Partner Robin Szolkowy, mit dem sie vor einigen Tagen bei der Europameisterschaft Silber gewann, will nach derzeitigem Stand dagegen bei Olympia antreten. "Wir müssen den Arsch in der Hose haben und jetzt Größe beweisen. Wir sollten Deutschland und der Welt bei Olympia zeigen, dass wir für unseren Trainer laufen", sagte der Chemnitzer ebenfalls im Fernsehen.

Paarläuferin Sawchenko (mit Partner Szolkowy): "Dann ich auch nicht dabei"
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Paarläuferin Sawchenko (mit Partner Szolkowy): "Dann ich auch nicht dabei"

Trainer Steuer denkt derweil darüber nach, Deutschland nach den Problemen zu verlassen und auszuwandern. "Ich kann mir nicht vorstellen, hier weiter arbeiten zu können. Da bleibt vielleicht nur noch das Ausland", sagte der 39-Jährige ebenfalls im MDR. Steuer räumte Stasi-Kontakte im seiner Zeit als Sportler ein, ist sich aber sicher, "nichts Böses getan zu haben". Die Vorwürfe bezeichnete er als Rufmord, deswegen habe er bereits einen Anwalt eingeschaltet. Für den weiteren Berufsweg Steuers könnten die Ermittlungen fatale Folgen haben. Der Sachse ist Zeitsoldat mit Dienstgrad Stabsunteroffizier, eine vertragliche Bindung mit der Deutschen Eislauf-Union besteht nicht.

Auch nicht nach Turin fahren wird Henry Glaß, Assistenztrainer der Skispringer, der aufgrund der Stasi-Ermittlungen und nach einer Anhörung freiwillig auf den Einsatz in der Olympiamannschaft verzichtete. Wer in Turin an der Seite von Bundestrainer Peter Rohwein für das Team verantwortlich sein wird, soll noch entschieden werden. "Uns hat die Entwicklung total überrascht. Henry Glaß hat uns erklärt, er wolle die Konzentration der Mannschaft auf die Olympia-Wettbewerbe durch seinen Fall nicht belasten", sagte Teamsprecher Ralph Eder. Glaß hatte an der Seite von Reinhard Heß die deutschen Springer bei drei Winterspielen von 1994 bis 2002 betreut.

Wer der dritte Trainer ist, der aus dem Aufgebot gestrichen wurde, ist derzeit noch unklar. Michael Schirp, Pressesprecher des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), nannte als Grund dafür den "Persönlichkeitsschutz".

Die deutschen Biathletinnen werden dagegen in Turin wie geplant von ihrem langjährigen Trainer-Duo Uwe Müssiggang und Harald Böse betreut. Entgegen ersten Zeitungsmeldungen gehört der Oberhofer Co-Bundestrainer Böse nicht zu jenen drei Betreuern, die vom NOK aus dem Olympia-Team gestrichen worden sind. "Harald Böse ist am Donnerstag gemeinsam mit Uwe Müssiggang und dem Olympia-Team ins Trainingslager Obertilliach gereist. Er wird die Mannschaft auch in Turin betreuen", erklärte der im Deutschen Skiverband für den Biathlon-Bereich zuständige Technische Leiter Norbert Baier auf sid-Anfrage.

Die für die Aufarbeitung der Vorgänge des Ministeriums für Staatssicherheit in der früheren DDR zuständige Birthler-Behörde hatte 162 Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft hinsichtlich ihrer Verwicklungen mit der Stasi überprüft.



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